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Jun
19

Sehr geehrter Herr Platini – Weg mit dem direkten Vergleich

Die UEFA hat durch die Priorisierung des direkten Vergleichs gegenüber der Tordifferenz ein Eigentor geschossen. Nur weil die Spanier und die Kroaten faire Sportsleute waren, ist Michel Platini mit einem blauen Auge davongekommen.

Wenn selbst ein erfahrener Fußballreporter wie Bela Rethy die Orientierung verliert, muss beim Reglement einiges im Argen liegen. So ließ der Kommentator des Spiels Spanien-Kroatien beim Stand von 1:0 in der ersten Minute der Nachspielzeit die Bemerkung fallen, dass es für die Kroaten kaum noch Hoffnung gebe, weil sie für das Weiterkommen schon zwei Tore schießen müssten. Weit gefehlt, Herr Rethy! Aufgrund der mehr erzielten Tore bei gleicher Punktzahl, ausgeglichenem direkten Vergleich und gleicher Tordifferenz gegenüber den Italienern, die Irland zeitgleich mit 2:0 geschlagen haben, wären die Kroaten bereits durch ein 1:1 gegen Spanien weitergekommen. So unsinnig und verzweifelt war es also gar nicht, dass Kroaten-Keeper Stipe Pletikosa in den Schlusssekunden nach vorne eilte.

Totschlagargument: „Fußball soll einfach sein“

Allein die Tatsache, dass die Erläuterung dieses Sachverhalts mehrere Zeilen in Anspruch genommen hat, verdeutlicht die Ungereimtheiten des Modus bei dieser Europameisterschaft. Üblicherweise werden sämtliche Anstöße zu Regeländerungen oder Innovationen im Fußball mit dem Totschlagargument vom Tisch gewischt, dass das Spiel einfach und transparent bleiben müsse. Der direkte Vergleich im Rahmen einer Vierergruppe ohne Rückspiel macht das Spiel aber alles andere als transparent. Und noch viel schlimmer: Dieser Modus eröffnet den Mannschaften unter gewissen Konstellationen sogar die Möglichkeit, sich gegenseitig die Punkte zuzuschustern. Dabei sollte genau das nie wieder möglich sein.

Ein kleiner Exkurs: Vor ziemlich genau 30 Jahren kam es bei der Weltmeisterschaft in Spanien am dritten Vorrundenspieltag zum Skandalspiel Deutschland – Österreich. Weil die Gruppengegner Algerien und Chile bereits zuvor gespielt hatten, wussten Deutsche wie Österreicher, dass ein 1:0-Sieg der DFB-Elf – und nur dieses Ergebnis – beide Mannschaften in die 2. Finalrunde bringen würde. Nun konnte von einer Absprache im Vorfeld keine Rede sein, elf Minuten lang war es ein offenes Spiel. Dann drückte jedoch Horst Hrubesch eine Flanke mit dem Knie ins Tor, und schau her: Auf einmal hatte man ein Ergebnis, mit dem keiner dem anderen weh tat. Die 22 Akteure auf dem Feld hätten nun faire Sportsmänner sein können und auf weitere Tore drängen können. Stattdessen schoben sie sich 80 Minuten lang den Ball hin und her. Das kann und soll man verurteilen. Zugleich musste man damals aber auch der FIFA eine Mitschuld geben: Der Weltverband hatte dieses Skandalspiel nämlich erst ermöglicht, indem es die entscheidenden Spiele zu unterschiedlichen Zeiten ansetzte und so den später spielenden Teams einen Vorteil verschaffte. Zumindest war die „Schande von Gijon“ dafür gut, eine Nische im Reglement zu enttarnen und sie für alle Zeit auszumerzen: Erst seit diesem 25. Juni 1982 wird der letzte Gruppenspieltag bei großen Turnieren nämlich parallel angepfiffen.

Erst die UEFA bringt die Spieler in Versuchung

Völlig ohne Not hat die UEFA bei der EURO 2012 nun eine Konstellation geschaffen, in der die Spieler unter gewissen Voraussetzungen ebenfalls in die Versuchung geraten, sich auf ein angenehmes Ergebnis zu einigen und so den Sportsgeist mit Füßen zu treten. Nur noch mal zur Erinnerung: Bei einem 2:2, 3:3, 4:4 etc. beim gestrigen Spiel Spanien – Kroatien hätten die Italiener gegen Irland auch 20 Tore schießen können, sie wären trotzdem ausgeschieden.

Schuld daran ist die Aufwertung des direkten Vergleichs gegenüber der Tordifferenz (bei Weltmeisterschaften ist es übrigens andersherum). Bei einem Zweiervergleich ist das ja noch ganz nett, doch sobald drei oder gar vier Mannschaften einbezogen werden, ist man bei höherer Mathematik angelangt. Mit jedem Tor kann sich die Konstellation völlig verändern, sodass Fans wie Spieler mitunter nicht wissen, ob sie noch weiter sind oder nicht.

Die Tordifferenz ist da sehr viel transparenter. So wie eine Mannschaft ein Fußballspiel gewinnt, indem sie gemäß einer Größer-Kleiner-Rechnung einfach mehr Tore erzielt als der Gegner, ist bei Punktgleichheit die Mannschaft eine Runde weiter, die im Verhältnis mehr Tore erzielt hat als sie hinnehmen musste.

Ist eine Vierergruppe nicht schon direkter Vergleich genug?

Bei einer EM-Vorrundengruppe mit vier Mannschaften ohne Rückspiel hat man bereits einen unmittelbaren direkten Vergleich. Anders als in der Champions League, wo es Hin- und Rückspiele gibt, macht das Eröffnen eines Mikro-Vergleichs überhaupt keinen Sinn. Die Tordifferenz sollte bei Punktgleichheit entscheiden! So belohnt man den Offensivgeist in allen Spielen und gewinnt die viel beschworene Transparenz hinzu.

Nur zur Verdeutlichung: Wäre die Tordifferenz priorisiert, hätten die Russen anstatt der Griechen das Viertelfinale erreicht. Ihnen wäre ihre tolle Offensivleistung beim 4:1 gegen Tschechien zu Gute gekommen. Und gestern hätten die Italiener nur auf sich zu schauen brauchen. Jeder Sieg mit mindestens drei Toren Differenz hätte sie eine Runde weitergebracht – unabhängig davon, was Spanien und Kroatien machen. So muss Sport sein! Oder besser: So müsste Sport sein! Aber woher soll Herr Platini das wissen. Ich kann mich nicht erinnern, dass der jemals selber Fußball gespielt hat ;-)

4 Kommentare

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  1. zeiteinblende sagt:

    Der direkte Vergleich sollte tatsächlich hinter der Tordifferenz berücksichtigt werden. Hier geht Mauertaktik vor Offensive. Das kann´s doch nicht sein. Eine Mauermannschaft kann sich nach 2 Unentschieden mit einem Last-Minute-Sieg noch an die Tabellenspitze schießen. Unansehnlich und doch Gruppensieger, einfach unglaublich. Selbst Mannschaften, die bereits 2 Siege eingefahren haben, müssen im 3. Spiel noch zittern und eine böse Überraschung fürchten. Ich geh davon aus, dass die Diskussionen nach der EM nicht abbebben und zu der bisher üblichen Zählweise zurückgekehrt wird.

  2. Lancelot Maloisel sagt:

    muss es nicht Totschlagargument heißen. Vom Verb totschlagen?

    1. Heibel sagt:

      Danke Lancelot, der Badener hat natürlich immer Recht, solange es nicht um gesprochene Sprache geht ;-)

      1. Lancelot Maloisel sagt:

        mir sin die, wo gwinne wölle….
        kannst aber gern den Hinweis oben löschen

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