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Dez
12

Fragen rund um das „sichere Stadionerlebnis“

Heute stimmen die 36 Vereine der 1. und 2. Bundesliga über das umstrittene DFL-Konzept „Sicheres Stadionerlebnis“ ab. Aktives Abseits beantwortet die wichtigsten Fragen rund um das 37-seitige Papier und erklärt mögliche Szenarien, wie der Fußball in Deutschland nach dem 12.12.12 aussehen könnte.

Die Vorgeschichte

Nach den zahlreichen Ausschreitungen und dem immer stärkeren Einsatz von Pyrotechnik in der Saison 2011/12 hat die Politik im Juli die Sicherheits-Konferenz „Für Fußball. Gegen Gewalt“ einberufen, an der neben Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich und den Innenministern auch Vertreter von DFB und DFL beteiligt waren. Die Politik forderte den Fußball damals auf, die Sicherheit innerhalb und außerhalb der Stadien zu stärken. Sollten DFB und DFL dazu nicht in der Lage sein, würde die Politik selbst „die notwendigen Beschlüsse fassen“. Im Rahmen der Konferenz drohten die Innenminister u.a. mit der Abschaffung aller Stehplätze in den Stadien, der Einführung von personalisierten Tickets und Ganzkörperkontrollen sowie dem Aussprechen von Kollektivstrafen.

Worum geht bei der heutigen DFL-Mitgliederversammlung?

Die 36 deutschen Profivereine stimmen heute über 16 Anträge aus dem DFL-Konzept „Sicheres Stadionerlebnis“ ab. Ein vorheriger Vorschlag des Ligaverbandes war im Oktober infolge von Fanprotesten abgelehnt worden. Eine Abstimmung im Paket gibt es nicht – jeder Antrag kann einzeln abgelehnt oder angenommen werden. Änderungs- und Ergänzungsanträge können noch während der Sitzung gestellt werden.

Welche Positionen gibt es?

DFL und DFB lehnen viele Forderungen der Politik ab, insbesondere das Verbot von Stehplätzen. Vor allem die DFL wehrt sich vehement gegen eine Einflussnahme der Politik. DFL-Präsident Dr. Reinhard Rauball etwa fürchtet um die grundgesetzlich geschützte Verbandsautonomie.

Die Fans werden durch verschiedene Vereinigungen vertreten, u.a. „Pro Fans“ oder „Unsere Kurve“. Im November fand in Berlin ein Fan-Protest-Gipfel gegen das DFL-Papier statt. An den letzten drei Spieltagen machte vor allem die Initiative „12:12 – Ohne Stimme keine Stimmung von sich reden – oder vielmehr schweigen. In den ersten 12 Minuten und 12 Sekunden war es bei den Spielen der 1., 2. und 3. Liga nämlich totenstill in den Arenen. „12:12“ war auch Initiator der zahlreichen Fandemonstrationen, die am vergangenen Wochenende in vielen Großstädten stattfanden. Viele Fanorganisationen sind der Ansicht, dass das Maßnahmenpaket in die falsche Richtung geht. Hauptkritikpunkt: Es sei – auch wegen zu eng gesetzter Fristen – nie eine breite Diskussion geführt worden. Ferner seien tendenziöse Zahlen verbreitet worden, die bei der Bevölkerung Ängste schüren sollten.

Formal entscheiden allein die 36 Profiklubs am 12.12., doch einige Vereine haben sich mit ihren Fans auf eine Linie geeinigt. Die meisten Klubs haben zudem in Kooperation mit ihren Anhängern im Vorfeld der DFL-Versammlung inhaltliche Veränderungen auf den Weg gebracht. Problematisch ist allerdings, dass sich die Ansichten der Fans und der Vereine teilweise deutlich unterscheiden.

Weitere involvierte Interessengruppen sind die Polizeigewerkschaften. Allerdings vertreten sie unterschiedliche Positionen: Die Deutsche Polizeigewerkschaft (DPolG) fordert eine Kostenbeteiligung des Profifußballs an den Polizeieinsätzen, die Gewerkschaft der Polizei (GdP) lehnt das ab. Bislang kommt der Steuerzahler komplett für die Polizeieinsätze bei Fußballspielen auf. Rund 50 Millionen Euro jährlich fallen bei den Spielen der 1. und 2. Bundesliga an.

Welche Szenarien drohen?

Größte Streitpunkte sind Kollektivstrafen, Ganzkörperkontrollen, totale Videoüberwachung, die Abschaffung bzw. Reduzierung der Stehplätze und die drastische Reduzierung der Kartenkontingente für Gästefans. Es ist davon auszugehen, dass viele dieser Vorschläge zumindest in modifizierter Form angenommen werden. DFB, DFL und Vereine sind schließlich in der Zwickmühle: Sie wollen um jeden Preis handlungsfähig bleiben. Deswegen sind sie bemüht, sowohl auf die Politik als auch auf die Fans zuzugehen – keine leichte Aufgabe.

Problematisch ist, dass das DFL-Papier in vielen Punkten schwammig formuliert ist und so den Verbänden und Vereinen im schlimmsten Fall willkürliche Entscheidungen ermöglicht. Viele Fans fürchten, „gläsern“ zu werden und sehen sich einem Generalverdacht ausgesetzt. Was den meisten Vereinen und Fans besonders aufstößt, ist die Tatsache, dass von den Maßnahmen auch Klubs betroffen wären, die kein Gewaltproblem haben und hatten. Langfristig fürchten Experten eine Verlagerung der Gewalt auf die Straße – ob das die Lösung ist, sei einmal dahin gestellt…

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