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Aug
14

So viele Legionäre wie selten – Mit „internationaler Erfahrung“ zum WM-Titel?

Der Gewinn der Weltmeisterschaft 1990 durch die deutsche Nationalmannschaft wird nicht zuletzt der internationalen Erfahrung der fünf Italien-Legionäre um Lothar Matthäus, Andreas Brehme um Rudi Völler zugeschrieben. Im aktuellen deutschen Kader stehen sogar sieben Spieler, die im Ausland angestellt sind. Ein Fingerzeig?

„Ich finde es gut, wenn ein Spieler die Herausforderung Ausland annimmt. Eine neue Kultur, eine neue Spielweise, auch mal ein neuer Trainer mit neuen Ideen – das alles trägt zur Weiterentwicklung bei.“ (Bundestrainer Joachim Löw auf der DFB-Pressekonferenz am 13.8.2013)

Bei der Weltmeisterschaft 2010 in Südafrika bestand das deutsche Aufgebot ausschließlich aus Spielern, die in der Bundesliga angestellt waren. Zwar musste Kapitän Michael Ballack (FC Chelsea) verletzungsbedingt passen und auch andere Hochkaräter wie Philipp Lahm oder Bastian Schweinsteiger hätten seinerzeit bequem bei einem sehr guten Klub im Ausland unterkommen können, doch man muss auch attestieren, dass deutsche Profis vor 2010 international nicht unbedingt en vogue waren. Durch die offensive und erfolgreiche Vorstellung der deutschen Auswahl beim Turnier am Kap der Guten Hoffnung änderte sich dies schlagartig.

So stehen momentan sieben aktuelle deutsche Nationalspieler im Ausland unter Vertrag: Mesut Özil und Sami Khedira (beide Real Madrid) in der Primera Division; Lukas Podolski, Per Mertesacker (FC Arsenal) sowie neuerdings André Schürrle (FC Chelsea) in der Premier League; und die beiden Angreifer Miroslav Klose (Lazio Rom) und Mario Gomez (AC Florenz) in der Serie A. Diese Zahl könnte noch deutlich höher sein, wenn beispielsweise der Schalker Julian Draxler, Mats Hummels oder Ilkay Gündogan in den letzten Wochen den Lockrufen aus Spanien oder England gefolgt wären.

Starke Resonanz trotz starker Bundesliga

Dass deutsche Top-Spieler international begehrt sind, hat vielerlei Gründe: 1.) Die Märkte haben sich in den letzten Jahren immer mehr geöffnet. 2.) Die Qualität der deutschen Top-Spieler ist dank der Nachwuchsreformen ab 2000 mittlerweile oftmals höher als das Potenzial der Akteure im jeweiligen Land. 3.) Gerade die Traditionsklubs in den internationalen Ligen zahlen nicht nur gut, sondern ermöglichen vielen Spielern auch den nächsten Schritt.

Dass der Exodus der Stars nicht noch größer ist, liegt vor allem an der Qualität der Bundesliga. War die Serie A um 1990 der deutschen Eliteklasse sportlich wie finanziell um Lichtjahre voraus, bildet die Bundesliga heute gemeinsam mit der Premier League und der Primera Division die Spitze des Weltfußballs.

Der bekannte Vierklang aus vollen Stadien, toller Stimmung, offensiver Spielerweise und pünktlicher Bezahlung macht einen Wechsel für einen deutschen Top-Spieler nicht mehr zwingend notwendig – sofern er bereits bei Bayern München oder Borussia Dortmund angestellt ist oder sich ein Wechsel zu einem dieser Vereine anbahnt.

Voraussetzungen noch besser als 1990?

Özil und Khedira gehören seit Jahren zu den Stützen bei Real Madrid, dem erfolgreichsten Klub der Fußballgeschichte. Podolski und Mertesacker sind Stammspieler beim FC Arsenal, immerhin einem Top-10-Verein in Europa. Schürrle ist neu beim FC Chelsea und muss seinen Platz noch finden, doch national wie international muss mit den Blues wieder gerechnet werden. Gomez und Klose stehen zwar „nur“ bei Europa-League-Teilnehmern unter Vertrag, allerdings haben sie bei ihren Klubs eine exponierte Stellung inne.

Jeder einzelne von ihnen, ob er nun seit drei Wochen oder seit drei Jahren im Ausland spielt, schwärmt von dieser Erfahrung. Sie allein macht aus einem guten noch keinen sehr guten Spieler. Doch jeder, der sich selbst aus einer „Komfortzone“ begeben hat, weiß um den Schub, den dies mit sich bringt.

Und der Rest? Manuel Neuer, Jerome Boateng, Philipp Lahm, Bastian Schweinsteiger, Thomas Müller, Toni Kroos und Mario Götze spielen bei Europas aktueller Nummer eins Bayern München. Marcel Schmelzer, Mats Hummels, Ilkay Gündogan, Sven Bender und Marco Reus bei Champions-League-Finalist Borussia Dortmund. Alle weiteren realistischen WM-Kandidaten stehen bei Klubs mit Europacup-Ambitionen unter Vertrag, wie Bayer Leverkusen, Schalke 04, Borussia Mönchengladbach oder dem Hamburger SV.

Der ewige Blick nach Spanien

Auf dem Papier könnte man also sagen, dass die Voraussetzungen auf einen Titel so gut wie selten sind. Doch wenn wir den „ewigen“ Blick auf Welt- und Europameister Spanien werfen, wird klar, dass die Seleccion gleichfalls gut strukturiert ist. Der Kern besteht aus Spielern des FC Barcelona und von Real Madrid. Fast alle weiteren wichtigen Kräfte sind im Ausland bei Top-Klubs wie Bayern München, Chelsea, Manchester City oder SSC Neapel angestellt.

Bei WM-Gastgeber Brasilien stehen viele Spitzenkräfte ebenfalls in den europäischen Top-Ligen bei Top-Klubs unter Vertrag. Allerdings ist Brasilien auch ein traditionelles „Legionärsland“, wohingegen Deutschland und Spanien aufgrund ihrer starken nationalen Ligen viele ihrer Stars halten können und wollen.

Die Wahrheit kennt nur der „Kaiser“

Dennoch: 1990 und 2013 lassen sich nicht vergleichen. Seit 1996 die Beschränkung auf drei Ausländer pro Mannschaft weggefallen ist, sind gerade für Top-Spieler mehr Beschäftigungsmöglichkeiten geschaffen worden. Die Besten setzen sich durch – ob in der heimischen Liga oder im Ausland. Dass so viele deutsche Nationalspieler aktuell bei einem Spitzenklub unter Vertrag stehen, ist eine Anerkennung für den deutschen Fußball. Dass die meisten Spieler bis zum Turnier in Brasilien in ihren Ligen bzw. im Europapokal weitere internationale Erfahrung sammeln können, ist gewiss kein Nachteil.

Für einen Titel gibt es allerdings keine Garantie. Niemand weiß das besser als der 1990er Weltmeistermacher Franz Beckenbauer: „Erfolg ist wie ein scheues Reh. Der Wind muss stimmen, die Witterung, die Sterne, der Mond.“ Weniger poetisch lautet die Erfolgsformel: Als Mannschaft funktionieren, in den entscheidenden Momenten die richtigen Entscheidungen treffen und das nötige Glück haben. Ganz einfach, oder?

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