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Jul
20

Sommer des Transfer-Wahnsinns – Fußball wird zu Monopoly

100 Millionen für Romelu Lukaku, 80 für Alvaro Morata, 51 für Kyle Walker, 36 für Anthony Modeste, vielleicht ja sogar bald wahnwitzige 222 für Neymar – der Fußball wirft mit Geld um sich, die Branche scheint jedes gesunde Maß verloren zu haben.

Geld verdirbt den Charakter, lautet ein altes Sprichwort. Ob im Profifußball jemals von Werten wie Aufrichtigkeit und Besonnenheit gesprochen werden konnte, mag dahingestellt sein. Die derzeit gehandelten und oftmals auch gezahlten Ablösesummen und Gehälter auf dem internationalen Transfermarkt offenbaren jedenfalls, dass das viele Geld im Business Fußball – denn nichts anderes ist der einstige Volkssport – im Grunde jeglichen Wert verloren hat. Wer es sich leisten kann, der zahlt einfach jede noch so verrückte Summe.

Milan hat schon 200 Millionen investiert

Dank reichlich frischem Investorengeld aus China etwa bastelt der AC Mailand gerade am Reißbrett ein Team, das den ins Mittelmaß der Serie A abgerutschten Renommierklub wieder dahin bringen soll, wo die Rossoneri lange einen Stammplatz hatten: an der Spitze des europäischen Fußballs. Seit Juni sind bereits 200 Millionen Euro in Neuzugänge geflossen, darunter die bisherigen Bundesliga-Spieler Hakan Calhanoglu und Ricardo Rodriguez. Und das Transferfenster ist noch knapp sechs Wochen geöffnet.

In England übertreffen sich gerade Meister FC Chelsea, Rekordchampion Manchester United und der nach Titeln lechzende Guardiola-Klub Manchester City gegenseitig mit Transfers in einer Größenordnung, die den Bruttosozialprodukten kleiner Staaten entsprechen.

Die Relationen gehen verloren

Immer mehr Bundesliga-Macher beobachten diesen Trend, der seit Jahren zunimmt und in diesem Sommer wohl lediglich seinen vorläufigen Höhepunkt erreichen dürfte, mit Besorgnis. Nichts anderes als „Wahnsinn“ und „Monopoly“ passiere gerade, sagte etwa Max Eberl.

Allerdings: Der Mönchengladbacher Sportdirektor macht bei dem Spiel selbst mit – weil er es muss. Nichts gegen Weltmeister und Confed-Cup-Gewinner Matthias Ginter, aber auf einem gesunden Markt hätte die Borussia für den Verteidiger wohl kaum knapp 20 Millionen Euro hingelegt. Zum Vergleich: 2007 kostete der amtierende WM-Torschützenkönig Miroslav Klose den FC Bayern „nur“ 15 Millionen Euro Ablöse.

Für einen solchen Betrag bekommt man in Zeiten von TV-Verträgen in Milliardenhöhe und Merchandising-Gigantismus beileibe keinen Weltstar mehr, sondern im Grunde nur noch gehobene Durchschnittsware – Spieler, von denen man weltweit mehrere Dutzend in vergleichbarer Qualität findet. Der einst bei Werder Bremen gescheiterte Marko Arnautovic etwa wechselte am Mittwoch von Stoke City für 27 Millionen Euro zu West Ham United. Der Arbeitsnachweis des Stürmers aus der Vorsaison: ganze sechs Premier-League-Tore.

Wer kann den Trend stoppen?

Obwohl sich im Grunde alle Protagonisten einig sind, dass sich etwas ändern muss, scheint es kein Patentrezept zu geben. Solange im Fußball so viel Geld im Umlauf ist, werden die Summen weiter explodieren. Maßnahmen wie jene in China, wo die Regierung den Klubs der Super League harte Regeln auferlegte und damit ein Versiegen des millionenschweren Wahnsinns bewirkte, wird es in Europa kaum geben.

Eigentlich kann nur der Fan etwas tun: Indem er nicht mehr zum Fußball geht. Denn mit seinem Kommen stehen und fallen die Einnahmen. Allerdings ist das Spiel an sich für viele immer noch zu schön, um ihm abzuschwören. Und so bleibt nur zu hoffen, dass vielleicht doch noch flächendeckend Vernunft in den Führungsetagen einkehrt – damit der Fußball nicht noch seiner Seele beraubt wird.

3 Kommentare

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  1. br sagt:

    Hallo, mich würde mal eine Begründung für die Einstufung der angeführten Transfers als „Transferwahnsinn“ interessieren, denn die finde ich in dem Text nicht.

    Welche „Relationen“ gehen denn verloren? Und wo fängt denn ein im Profisport sehr sinnvolles System (nämlich das der Ablösesummen) an, in „Wahnsinn“ umzuschlagen? Welche Summe für Arnautovic wäre denn kein „Wahnsinn“?

    1. Heibel sagt:

      Vermutlich sind Fußballer die „Ware“, die in den vergangenen Jahren die größte Teuerungsrate hatte. Die Transfers von Lukaku zu ManUnited oder Morata zu Chelsea sind sportlich sicher sinnvoll, aber erlaube mir bitte die persönliche Meinung, dass derartige Ablösen kaum noch zu vermitteln sind.

      Klar ist das Geld vorhanden. Die Relationen bleiben insofern bestehen, als dass für einen Weltklassemann, der vor 10 Jahren schon 50 Mio. gekostet hat (was auch irre viel Geld ist), heute das Doppelte bis Dreifache aufgerufen wird. Analog dazu ist der gehobene Durchschnitt jetzt halt mindestens 10 Mio. wert statt 2 oder 3 Mio.

      Aber der Fußball wandelt meiner Meinung nach auf einem schmalen Grat. Ich bin beileibe kein Sozialromantiker, aber die Gehälter in der Gesellschaft entwickeln sich nicht annähernd in dem Verhältnis wie die Preise im Fußball explodieren. Wo ist denn das Limit? Die Sau wird gerade ausgeweidet bis zum geht nicht mehr. TV-Verträge, Merchandising, Tingeltouren nach Asien, Ticketpreis-Erhöhungen und und und. Dazu wird alles und jedes Spiel gehypt und natürlich irgendwo ausgestrahlt oder gestreamt. Noch funktioniert das Ganze, aber die meisten Fans werden irgendwann übersättigt sein, wenn das so weiter geht.

      Man kann sich darüber streiten, ob Fußballer oder Menschen überhaupt eine Ablöse wert sind. Man kann das mit Angebot und Nachfrage noch irgendwie bejahen. Aber der Entwicklung des Fußballs tun diese Summen, die man ja selbst kaum noch begreifen kann – man kann sich ja an die 500 Luxusautos oder locker 20 Villen für einen Lukaku kaufen – sicherlich nicht gut. Deswegen benutze ich das Wort „Wahnsinn“ – passend zu Arnautovic

  2. br sagt:

    Danke für die Antwort.

    Alles klar, also mehr so ein handelsüblicher „alles Mist im Fußball, und überhaupt, dieses ganze Geld, gefällt mir nicht“-Rant der Ablösen nur zufällig zum Thema hat, weil die gerade Saison haben.

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