«

»

Sep
08

Sonderfall Kosovo – Mehr als FIFA-Mitglied Nummer 210

Mit einem 1:1 im ersten Pflichtspiel ihrer Geschichte in Finnland ließ die Nationalmannschaft des Kosovo zum Auftakt der WM-Qualifikation aufhorchen. Das kleine, international umstrittene Land ist weit mehr als das 210. Mitglied der FIFA und das 55. der UEFA. Vielmehr sorgt der Kosovo für zahlreiche spannende und spannungsbehaftete Sonderfälle.

Erst seit Mai darf der Kosovo offizielle Länderspiele austragen. Grundlage war die Aufnahme des nationalen Verbandes FFK durch die Europäische Fußball-Union UEFA am 3. Mai 2016 sowie durch den Weltverband FIFA am 13. Mai.

Diese Entscheidungen überraschten angesichts der politisch brisanten Gemengelage. Immerhin ist der völkerrechtliche Status des 1,8 Millionen Einwohner zählenden Landes äußerst umstritten. Lediglich 109 der 193 Mitgliedsstaaten der Vereinten Nationen erkennen die 2009 proklamierte Unabhängigkeit der Republik an.

Bunjaku schießt sich in die Geschichtsbücher

Sportlich legte das Team einen Traumstart hin. Dem 2:0 im Test gegen die Färöer am 3. Juni in Frankfurt/Main folgte am 5. September in Turku ein international viel beachtetes 1:1 gegen Finnland.

Das historische erste offizielle Länderspieltor des Kosovo erzielte der ehemalige Nürnberger Bundesliga-Profi Albert Bunjaku (32) gegen die Färöer. Das Kuriose dabei: Der Angreifer hatte zwischen 2009 und 2010 bereits sechsmal für die A-Nationalmannschaft der Schweiz gespielt, darunter war auch ein Kurzeinsatz bei der WM 2010. Entgegen der FIFA-Statuten, die den Wechsel des Nationalteams nach einem Pflichtspieleinsatz ausschließen, darf Bunjaku dennoch für den Kosovo auflaufen – dank einer Sonderregelung.

„Lex Kosovo“ sorgt für großen Spielerpool

Die internationalen Verbände haben eine Art „Lex Kosovo“ geschaffen. Gemäß der Sonderregelung darf jeder Spieler mit kosovarischen Wurzeln, der bei der EM 2016 in Frankreich NICHT für ein anderes Land angetreten ist, ins Team des Kosovo wechseln. 16 Spielern wurde dies bislang gestattet.

So war es möglich, dass Valon Berisha, in Schweden geborener Mittelfeldspieler von Red Bull Salzburg, nach 20 Länderspieleinsätzen für Norwegen erst wenige Stunden vor dem Start in die WM-Quali zum Kosovo wechseln konnte – und prompt das Tor zum 1:1-Endstand in Finnland markierte.

Weitere prominente „Überläufer“ sind der bereits erwähnte Bunjaku (Schweiz) oder der ehemalige Paderborner Alban Meha (sieben Länderspiele für Albanien). Die in Deutschland aufgewachsenen und teilweise in den Juniorenteams des DFB eingesetzten Besar Halimi (Mainz 05), Fanol Perdedaj (1860 München), Enis Alushi (1. FC Nürnberg), Eroll Zejnullahu (Union Berlin) und Valmir Sulejmani (Hannover 96) standen gegen Finnland ebenfalls im Aufgebot des Kosovo. Trainer ist der lange in Schweden tätige Ex-Profi Albert Bunjaki (45).

Welche Spieler könnten noch zum Kosovo wechseln?

Der Blick der kosovarischen Fans geht sehnsuchtsvoll in die Schweiz: In Granit Xhaka (FC Arsenal), dem früheren Bayern-Profi Xherdan Shaqiri (Stoke City) und Ex-HSVer Valon Behrami (FC Watford) stehen in Reihen der Eidgenossen gleich drei klangvolle Namen des internationalen Fußballs mit Wurzeln im Kosovo. Sie alle kamen aber bei der EURO zum Einsatz, sodass die FIFA für einen Wechsel ein weiteres Sondergesetz erlassen müsste. Und gegen ein solches würden wohl zahlreiche Nationalverbände auf die Barrikaden gehen.

Besonders in der Schweiz, wo viele Flüchtlinge der Jugoslawien-Kriege in den 1990er-Jahren mit ihren Familien ein neues Zuhause gefunden haben, ist dennoch die Sorge vor Abwerbungsversuchen bei Talenten groß. „Anstelle eines Aufbaus des kosovarischen Verbandes mit Bedacht und Weitsicht sind seit Wochen Bemühungen seiner Funktionäre erkennbar, Spieler abzuwerben und davon zu überzeugen, in der WM-Qualifikation für Kosovo zu spielen“, teilte der Verband SFV zuletzt in aller Deutlichkeit mit.

Konfliktpotenzial ist reichlich vorhanden

Losgelöst von den Versuchen, Spieler aus den Nachwuchsjahrgängen zu gewinnen, hatte sich aber der ehemalige Gladbacher Xhaka (23) bereits vor der EM zur Schweiz bekannt. In der Folge musste er trotz häufiger Sympathiebekunden zum Kosovo aus der Heimat seiner Eltern eine Welle der Kritik ertragen.

Aufgrund der schwierigen politischen Lage schlossen FIFA und UEFA bis auf weiteres aus, dass der Kosovo auf seine Nachbarn Serbien und Bosnien-Herzegowina trifft, die auf territoriale Rechte an der Region pochen. Damit ist es aber nicht getan: Auch Russland oder die Ukraine, Gegner in der WM-Qualifikationsgruppe I, stehen dem Kosovo äußerst kritisch gegenüber. Dass sich Konflikte von der Politik auf den Rasen übertragen, ist eine immanente Gefahr.

Zunächst heimatlos

Als wäre das alles nicht genug, muss der Kosovo sein erstes Heimspiel in der WM-Qualifikation fernab der Heimat austragen. Weil das Stadion in der Hauptstadt Pristina nicht den FIFA-Regularien entspricht, empfängt das Team den EM-Achtelfinalisten Kroatien am 6. Oktober im albanischen Shkodra. Weitere Heimspiele auf „neutralem Platz“ dürften folgen: Nicht vor Juni 2017 soll der Umbau der Arena in Pristina abgeschlossen sein.

Ordentliche Perspektiven

Das Team des Kosovo ist keineswegs ein klassischer Fußballzwerg wie etwa Gibraltar, das als vorletztes Land in die FIFA und UEFA aufgenommen wurde und seither als Kanonenfutter herhalten muss. Die Identifikation von Spielern mit kosovarischen Wurzeln mit der Heimat der Eltern scheint überaus groß zu sein. Viele in den Leistungszentren des Auslands ausgebildete Talente, dürften dem kleinen Land ein solides Fundament verleihen. Eine Teilnahme an einem großen Turnier scheint aber trotz des Expansionspläne der FIFA, die WM-Endrunden von 32 auf 40 Starter auszuweiten, durchaus schwierig.

Schreibe einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Sie können diese HTML-Tags verwenden: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>

*