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Aug
19

Special Ones: Joe Enochs

Teil 3 der unregelmäßigen Serie über die heimlichen Helden des Fußballs. Heute ist der US-Boy Joe Enochs an der Reihe, gewissermaßen der Francesco Totti von Osnabrück.

Francesco Totti gehört zu Rom wie das Colosseum, Paolo Maldini zu Mailand wie die Scala, Iker Casillas zu Madrid wie der Prado. Zugegeben, den US-Amerikaner Joe Enochs in einem Atemzug mit diesen Granden des Fußballsports zu nennen, mag ein wenig blasphemisch anmuten. Doch was soll’s: Joe Enochs gehört zu Osnabrück wie die Bremer Brücke – inklusive der nach ihm benannten Kindertribüne. Und er gehört zu Osnabrück wie die Altstadt – inklusive der ihm gehörenden Sportsbar, die seinen Namen trägt.

Doch der Reihe nach: Es wäre eine Karikatur des Wortes Übertreibung, würde man Enochs als Ballvirtuosen oder Techniker bezeichnen. Wäre er so einer gewesen, hätte es ihn nicht lange in Osnabrück gehalten. All die (selbsternannten) Peles und weißen Brasilianer im lilaweißen Dress haben schnellstmöglich das Weite gesucht. Sie sind allenfalls im hohen Fußballeralter oder aber als Trainer noch einmal in den Landstrich zurückgekehrt, um den das Land Nordrhein-Westfalen scheinbar willentlich einen großen Bogen gemacht hat.

Fünf Minuten Berühmtheit im Nationaldress

Enochs war da anders gestrickt. Der Mittelfeld-Rackerer, eher Typ Abräumer als „moderner“ Sechser, war 1996 nach zweijährigem Gastspiel in der Zweiten Mannschaft des FC St. Pauli zum VfL Osnabrück gewechselt. Dort wurde er schnell zum Führungsspieler, dort ist er länger geblieben als die meisten und hat häufiger gespielt als jeder andere: zwölf Jahre, 376 Partien.

Mit dem chronisch zwischen der Zweit- und Drittklassigkeit wandelnden Traditionsverein hat Enochs in dieser Zeit fünf Ligenwechsel durchlebt. Andere Stützen des Vereins haben die Abstiege zu einem Vereinswechsel genutzt – nicht so Enochs. So schafft man Identifikation.

Enochs‘ Leistungen blieben auch in dessen Geburtsland nicht verborgen. So wurde der damals 29-jährige Mittelfeldabräumer im Juni 2001 sogar in die US-Nationalmannschaft berufen. Enochs‘ erster und einziger Länderspieleinsatz passte irgendwie zu seiner Karriere: In der 86. Minute des torlosen Freundschaftsspiels gegen Ecuador eingewechselt, erlebte Enochs den Abpfiff bereits wieder abseits des Rasens. Eine Kollision mit einem Gegenspieler in der Nachspielzeit war schuld. Eine zweite Einladung erhielt er nicht.

„Tor des Monats“ gegen Bayern München

Bundesweite Berühmtheit erlangte Enochs, als der große FC Bayern im September 2004 der Bremer Brücke Station machte. In der zweiten Runde des DFB-Pokals hatten die von Felix Magath trainierten Münchner riesige Probleme mit dem damaligen Drittligisten. Enochs erzielte an diesem 21. September 2004 eines seiner drei (!) Tore als Profi – und was für eins: Sein fulminanter Weitschuss zum 1:1 an Michael Rensing vorbei wurde von den Zuschauern der ARD-Sportschau sogar zum „Tor des Monats“ gewählt.

Nach dem 2:1 seines Teamkollegen Thommy Reichenberger – dem zweiten VfL-Liebling der jüngeren Vergangenheit – schnupperten die Niedersachsen sogar am Einzug ins Achtelfinale. Doch die humorlosen Bayern wendeten durch die Treffer von Claudio Pizarro und Roy Makaay die Sensation noch ab und gewannen schließlich im Finale gegen Schalke 04 den Pokal.

Ich fand das ganz große Glück…

Doch ein Mann wie Joe Enochs lässt sich nicht an den Errungenschaften seiner aktiven Zeit messen. Sein Stellenwert wurde am deutlichsten, als er die Fußballbühne verließ. Enochs, der in einem Interview aus dem Jahr 2008 zugab, „in der Region verwurzelt“ zu sein und in Osnabrück eine „zweite Heimat“ gefunden zu haben, zog bei seinem Abschiedsspiel mehr Fans an als so mancher Zweitligist in einem Punktspiel.

So strömten am 27. März 2009 knapp 7.000 Zuschauer an die Bremer Brücke, um ihrem Rekordspieler Adieu zu sagen. Das Spiel zwischen dem Team „Best of Joe Enochs“ (u.a. mit Patrick Owomoyela, Wolfgang Schütte, Uwe Brunn und Ansgar Brinkmann) und der Auswahl „Best of Osnabrück“ endete in der 82. Minute mit der Auswechslung des Protagonisten mit einem 4:1.

„Joe Enochs, geboren um Fußball zu spielen“

Der bewies auch nach der aktiven Karriere seine Verbundenheit zu Osnabrück und eröffnete in der Altstadt die „Joe Enochs Sportsbar“. Auch der Verein erwies dem Spieler eine bis heute im deutschen Fußball einmalige Ehre, indem er einen Teil des Stadions nach seiner Nummer acht benannte: Die Kleinsten der Kleinen nehmen nun schon seit einigen Jahren auf der „Joe-Enochs-Kindertribüne“ Platz, wo sie von den Maskottchen mit den treffenden Namen „Li“ und „La“ empfangen werden.

Eine fast noch größere Hommage haben sich aber die Fans einfallen lassen. Sie texteten den Ballermann- und Après-Ski-Kracher „Joana“ von Peter Wackel (im Original und ohne dem Zwischengesang „du geile Sau“ von Roland Kaiser) in „Joe Enochs“ um – natürlich mit dem Zwischenruf „Du Fußballgott“. Was auch sonst? Können Totti, Maldini und Casillas da mithalten? Aber ich hatte eingangs ja bereits erwähnt, dass der Vergleich mit Enochs blasphemisch sein würde…

P.S.: Im Übrigen ist nicht auszuschließen, dass Enochs in Zukunft in „sein“ Stadion zurückkehrt. An der Sportschule Hennef absolviert der 41-Jährige gerade den DFB-Trainerlehrgang.

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