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Aug
14

Special Ones – Thomas Gravesen

Die Sommerpause in der 1. Bundesliga ist lang. Zu lang. Das gibt mir aber zumindest Gelegenheit, meine Serie der heimlichen Helden des Fußballs fortzusetzen. Als Zweiter ist der Däne Thomas Gravesen an der Reihe, eine wahrhaft königliche Humörbombe.

Früher hatten es Kämpfer leicht im Fußball. Wer technisch nur Zweitliga- oder Drittliganiveau hatte, konnte immer noch zum Nationalspieler aufsteigen, sofern er bereit war zu rennen und zu kämpfen wie ein Irrer. Berti Vogts ist das weiland gelungen, auch Uli Borowka oder Steffen Freund gingen nie ohne ihre Axt und ein wenig Schaum vor dem Mund aus dem Haus. Auch der Däne Thomas Gravesen war so einer. Der heute 36-jährige Abräumer brachte es mit dieser Mentalität sogar zu Real Madrid, wo er eineinhalb Jahre lang die Drecksarbeit für Zinédine Zidane, Ronaldo und David Beckham machen durfte. Doch der Reihe nach.

Grau, grau, HSV

Wir schreiben das Jahr 1997. Der VfL Bochum ist soeben mit erfrischendem Angriffsfußball in den UEFA-Cup eingezogen, in Deutschland ist somit eine Stelle als „graue Maus“ freigeworden. Kein Verein gab damals eine eindrucksvollere Bewerbung ab als der Bundesliga-Dino Hamburger SV. An die schicke neue AOL-/HSH-Nordbank-/Imtech-Arena war vor 15 Jahren noch nicht zu denken, der HSV kickte noch im zugigen alten Volkspark-Stadion. Und das mit einer Mannschaft, deren Existenz jeder „Rothosen“-Fan heute negieren dürfte: Stefan Schnoor, Andrej Panadic, Andreas Fischer, Dirk Weetendorf oder Bernd Hollerbach versprachen biederen Fußball – und hielten Wort. Im Grunde müsste man über den HSV der Saison 1997/98 den Mantel des Schweigens ausbreiten, wäre da nicht Thomas Gravesen gewesen.

Ein König der Arbeiter als Menschenfischer

Der damals 21-jährige „Naturglatzkopf“ hatte das Kicken zwar auch nicht gerade erfunden, doch mit einer Mischung aus Kampf, Körperklauserei und dänischem Akzent („Ich bin ein Humörbombe“) eroberte Gravesen schnell die Herzen der deutschen Fußballfans. Drei Jahre später, im Sommer 2000, hatte der HSV sensationell Platz drei in der Bundesliga erreicht, sein schickes neues Stadion fertiggestellt – und konnte den Chefrackerer im Mittelfeld nicht mehr länger halten. Für stolze sieben Millionen D-Mark wurde EM-Teilnehmer Gravesen an den Premier League-Verein FC Everton weitergereicht.

Magische Verbindung mit Wayne Rooney

Auf der Insel wurde Gravesen für seine Spielweise noch mehr wertgeschätzt als in Hamburg. Der Fighter wurde schnell zum Chef und Liebling im Team, ab 2002 musste er sich die Sympathien der Toffees-Fans allerdings mit einem gewissen Wayne Rooney teilen – ein tolles Gespann, das aufgrund physiognomischer Ähnlichkeiten durchaus als Vater-Sohn-Duo hätte durchgehen können.

Königliche Zeiten

Doch die Wege trennten sich. Erst wechselte der damals 18-jährige Rooney im Sommer 2004 für schlappe 37 Millionen Euro zu Manchester United, ein halbes Jahr später schloss sich Gravesen immerhin für ein Zehntel dieser Summe Real Madrid an. Die Königlichen steckten mitten in der „Ära der Galaktischen“ und wollten ihre Sammlung von Superstars um Raul, Ronaldo, Roberto Carlos, Luis Figo, David Beckham und Zinédine Zidane nun mit Gravesen komplett machen… Nein, natürlich nicht! Vielmehr wollte man die geballte Offensivkraft und Defensivschwäche der genannten Herren durch einen Spieler kompensieren, der mehr laufen und kämpfen konnte als die Stars der Offensive zusammen und dabei gar nicht erst auf den Gedanken kam, sein Heil im Spiel nach vorne zu suchen.

Comedy-Star in Spanien

Dummerweise wusste das Publikum im Bernabeu das nicht zu schätzen. Gemeinsam mit Trainer Vanderlei Luxemburgo, der Gravesen geholt hatte, wurde der nimmermüde Kämpfer für die Fans zum Sinnbild für die titellosen Jahre zwischen 2003 und 2006. Fast noch schlimmer: In spanischen Medien wurde Gravesen wegen seiner Spielweise und seiner mangelnden Spanischkenntnisse verspottet. Ein Fernsehsender widmete dem „Anti-Real“-Spieler sogar eine eigene Comedy-Reihe mit dem Namen „El Mundo de Gravesen“. Hier ein Ausschnitt:

2006 wurde Thomas Gravesen schließlich zum schottischen Spitzenclub Celtic Glasgow verkauft, wo man Kämpfer eher zu schätzen weiß. Glücklich wurde er im Spätherbst seiner Karriere aber auch dort nicht mehr und beendete 2009 seine Laufbahn – um mit Finanzgeschäften rund 100 Millionen Euro zu verdienen, wie im Dezember 2013 publik wurde.

Mittlerweile ist sein Spielertyp zumindest in den Profiligen so gut wie ausgestorben. „Intelligente Sechser“ sind heute gefragt. Die bieten weniger Angriffsfläche, sind aber auch irgendwie austauschbar und langweilig. Irgendwie scheint es, als sei Thomas Gravesen der letzte seiner Art gewesen. Schade eigentlich…

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