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Mai
31

Spürbar immer das Gleiche

Der 1. FC Köln bleibt sich treu. Ein eigentlich schon entlassener Sportchef verpflichtete einen Trainer, der nicht zuletzt wegen dieses Sportchefs seine Zusage gegeben hat. Dass Steffen Baumgart nun nicht amüsiert ist über die Demission von Horst Heldt einen Tag nach dem Klassenerhalt, kann niemanden verwundern. Das nächste schwierige Jahr für den FC ist bereits programmiert.

Die Kernsätze von FC-Präsident Werner Wolf und seinen Stellvertretern bei der Pressekonferenz unter dem Titel „Sportliche Neuausrichtung“ ließen aufhorchen. Der Vorstand stimmte auf zwei „sehr, sehr harte Jahre“ ein, in den nächsten beiden Spielzeiten könne es nur darum gehen, „irgendwie in der Klasse zu bleiben“. So wie in den vergangenen beiden also…

„Am Ende des Tages muss ein Kader stehen, mit dem man in die Bundesliga gehen kann“, fügte Jörg Jakobs hinzu, der gemeinsam mit Ex-Profi Thomas Kessler nun interimistisch wohl ein Jahr lang (ist das noch interimistisch?) die Aufgaben Heldts übernehmen soll. Über dessen Entlassung war neben Baumgart auch der nun noch wichtigere Finanz-Geschäftsführer Alexander Wehrle alles andere als glücklich. Er sei „nachdenklich“, gehe damit aber „professionell“ um, sagte Wehrle, dem ein Angebot des VfB Stuttgart vorlag. Wohl nur noch sein bestehender Vertrag bindet ihn an den FC.

„Zentrales Element“ Baumgart: Darf das sein?

Eine Aussage stimmte aber besonders nachdenklich:

„Der neue Cheftrainer ist bei der Planung ein zentrales Element.“

Wieder einmal also legt der 1. FC Köln seine „Strategie“ sehr kurzfristig an – und wählt dann auch noch eine fragwürdige Schlüsselfigur für diese Planungen. Schließlich ist der Trainer unter all den wichtigen Figuren abseits des Spielfelds stets das schwächste Glied.

Baumgart, der beim SC Paderborn für einen radikalen Vorwärtsfußball stand und für „sein“ System vor allem schnelle und laufstarke Spieler braucht, soll und darf nun die Linie vorgeben. Schön für Baumgart, nur: Eigentlich sollte doch der Verein bzw. der Sportchef – wenn es denn einen gibt – eine Idee entwickeln. Wie soll gespielt werden, welche Spieler haben wir für diese Idee, welche brauchen wir. Und nach diesen Kriterien sollte man dann den passenden Trainer auswählen.

Heldts riskante Rechnung ging nicht auf

Natürlich war Horst Heldt nicht frei von Fehlern, exemplarisch dafür stand seine Kaderplanung im Angriff: Jhon Cordoba im vergangenen Sommer für 15 Millionen Euro zu verkaufen, nachdem dieser seinen 2021 auslaufenden Vertrag nicht verlängern wollte, war zunächst mal kaufmännisch richtig.

Heldt trennte sich aber auch noch von Simon Terodde, dem das Prädikat Zweitliga-Tormaschine ohne dauerhaften Leistungsnachweis im Oberhaus anhaftet. Im Winter wurde Anthony Modeste, 25 Tore-Stürmer in der Saison 2016/17 verliehen, nachdem er unter Trainer Markus Gisdol sämtliches Selbstvertrauen verloren hatte. Winter-Zugang Emmanuel Dennis war ein Risiko-Leihtransfer, der voll in die Hose ging. Ebenso wie die Leihe von Tolu Arokodare, der in der lettischen Liga alles kurz und klein schoss, für den FC aber ganze 117 Minuten spielte.

So blieb eigentlich nur der für gut sechs Millionen Euro von Union Berlin geholte Mittelstürmer Sebastian Andersson. Der Schwede ist kopfballstark, kann Bälle halten und Tore schießen. Aber: Seine fast schon chronischen Knieprobleme waren bekannt. Sich auf seine Fitness zu verlassen und erprobte Angreifer abzugeben, war mindestens blauäugig. Auch wenn Andersson mit zwei Toren in der Relegation entscheidend an der Last-Minute-Rettung beteiligt war, bestritt er nur 18 von 39 möglichen Pflichtspielen. Allzu oft musste mit Ondrej Duda, Jan Thielmann oder Jonas Hector als falscher Neun improvisiert werden.

Das unverständliche Festhalten an Gisdol

Gisdol, der trotz großer Skepsis nach schwachem Saisonendspurt 2019/20 wie auch Heldt ohne Not mit einem neuen Vertrag bis 2023 ausgestattet wurde, war spätestens ab Oktober arg angezählt. Der Coach hangelte sich bis zu seiner folgerichtigen Entlassung Mitte April praktisch von Spiel zu Spiel. Der FC, der wegen der Coronakrise bereits mit Einbußen jenseits von 60 Millionen Euro kalkuliert, muss nun für Gisdol und Heldt unnötig hohe Abfindungen zahlen. Man hat es ja – nicht.

Es geht um die sportliche und wirtschaftliche Existenz

Für den 1. FC Köln geht es in den nächsten Jahren um die sportliche und wirtschaftliche Existenz. Der Klassenerhalt – auch wenn er unter dramatischen und glücklichen Umständen zustande gekommen ist – war immens wichtig: In der TV-Tabelle macht Köln Plätze gut und nimmt damit einige Millionen mehr ein als bislang, weil Schalke und Bremen nun in der 2. Liga spielen und die Aufsteiger Bochum und Fürth hinter dem FC rangieren.

Und doch werden Spieler verkauft werden müssen. Die Leistungsträger Sebastiaan Bornauw, Ellyes Skhiri und Ismail Jakobs sind wegen langfristiger Verträge wohl die Kandidaten, die am meisten Geld einbringen würden. Allerdings müssen auch gute und gut ins System passende neue Spieler her (siehe: Baumgart-Fußball).

Heldt immerhin zog ablösefrei den veranlagten Österreicher Dejan Ljubicic sowie dem Vernehmen nach Torhüter Marvin Schwäbe an Land. Auch eine ablösefreie Rückkehr von Stürmer Mark Uth soll er in die Wege geleitet haben. Ob der Ex-Nationalspieler nun ins Grübeln gerät? Anders als Baumgart und Wehrle hat der 29-Jährige noch keinen Vertrag unterschrieben, der ihn an den FC bindet.

Der Vorstand muss sich für seinen Zick-Zack-Kurs bald rechtfertigen. Im Juni steht die Mitgliederversammlung auf dem Programm. Durch die Trennung von Heldt konnten Wolf und seine Mitstreiter kaum Schönwetter machen, den Klassenerhalt dürfen sie sich auch nicht ans Revers heften. Ihnen weht zurecht ein heftiger Wind ins Gesicht, denn für die prekäre Lage sind auch und nicht zuletzt sie verantwortlich.

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