«

»

Feb
11

Sturmloses Wunder? – Ein Plädoyer für den „echten“ Angreifer

Nach dem 2:1-Sieg der deutschen Nationalmannschaft gegen Frankreich wird das System ohne echten Stürmer hierzulande überschwänglich gefeiert und vielfach als Modell der Zukunft angepriesen. Zugegeben, die „echten“ Stürmer sind mittlerweile vom Aussterben bedroht. Trotzdem sollte man sie weiß Gott nicht auf den Index setzen.

„Modern ist, was erfolgreich ist“, lautet eine alte Fußball-Weisheit. Der FC Barcelona auf Vereinsebene und Spanien auf Nationalmannschaftsebene sind die erfolgreichsten Teams der letzten Jahre und geben dem Rest der Fußballwelt gewissermaßen vor, was „in“ ist. Beide Teams agieren ohne „echten“ Mittelstürmer, sondern bieten in der Angriffsspitze in der Regel eine so genannte „falsche Neun“ auf, also einem Spieler, der weniger über die physische Stärke und den berühmten Torriecher des Mittelstürmers, als vielmehr über die Attribute eines modernen offensiven Mittelfeldspielers oder Außenstürmers verfügt (Schnelligkeit, Technik, Beweglichkeit, Spielverständnis) und der des das Sturmzentrum freiwillig entblößt, um den „echten“ Mittelfeldspielern Räume zu schaffen.

Perfekt gespielt, ist gewissermaßen „alles im Fluss“. Das hört sich märchenhaft an, und Spieler wie Lionel Messi mögen auch wie geschaffen sein für eine solche Ausrichtung, die in Vorstufen bereits von der „Wundermannschaft“ der Ungarn Anfang Fünfziger und von den Niederländern zu Zeiten des „Totaal Voetball“ in den siebziger Jahren praktiziert wurde.

Aufgaben des Mittelstürmers haben sich gewandelt

Sieht so wirklich die Zukunft des Fußballs aus? Vielleicht. Die Gegenwart jedenfalls noch nicht. Und man sollte nicht den Fehler machen, den „Old-School-Mittelstürmer“ auf den Index zu setzen und erst recht nicht, ihn nicht mehr auszubilden. Zwar haben viele Nationalmannschaften mittlerweile im Angriffszentrum ein Qualitätsproblem, doch das hat vor allem damit zu tun, dass die Aufgaben des Mittelstürmers in den letzten 20, 30 Jahren sehr viel komplexer geworden sind.

Mittlerweile ist er der erste Verteidiger seines Teams, durch die Umstellung vieler Mannschaften vom 4-4-2 auf 4-2-3-1 in den letzten 4,5 Jahren ist er außerdem allzu oft auf sich alleine gestellt. Er muss nicht mehr nur Bälle verwandeln können, sondern auch in der Lage sein, den Ball zu halten, zu verteilen und idealerweise auch, den „tödlichen Pass“ zu spielen. Dafür sind neben physischer Stärke auch überdurchschnittliche technische Fähigkeiten und ein gutes Spielverständnis unerlässlich. Dieser Anforderungskatalog ist enorm und wird international nur von ein paar Dutzend Spielern erfüllt.

Der Mittelstürmer muss bleiben!

Letztlich halte ich es für töricht, wenn Bundesliga-Vereine künftig keine Spieler mehr vom Typ Mario Gomez oder – auf etwas niedrigerer Ebene – vom Typ Sascha Mölders verpflichten würden und stattdessen in der Offensive nur noch auf wieselflinke Akteure setzen würden. Um erfolgreich mit einem System ohne „Kante“ zu agieren, braucht man nämlich top ausgebildete Mittelfeldspieler, die im Grunde den Killerinstinkt eines Stürmers mitbringen müssen. Davon gibt es – zumindest im deutschen Fußball – immer mehr, aber bei Weiten noch viel zu wenige. Außerdem haben Spieler vom Typ Marco Reus einen „Haken“: Ihnen fehlt die Physis, um gegen großgewachsene Innenverteidiger im „Infight“ zu bestehen. Hier ist der klassische Mittelstürmer bis auf Weiteres unersetzbar. Last but not least bräuchte eine Umstellung auf eine solche Philosophie Zeit, weil es von allen Offensivkräften eine neue Interpretation ihres Spiels erfordern würde. Bis die Viererkette in Deutschland und im Weltfußball selbstverständlich wurde, hat es auch eine gefühlte Ewigkeit gedauert.

Ich sage daher: Nicht alles auf Gedeih und Verderb auf den „spanischen Stil“ umstellen. Das kann zu nichts Gutem führen. Außerdem steckt wohl auch in jedem Fußballfan ein bisschen ein Nostalgiker: Stürmer waren die Helden unserer Jugend. Und bei aller Wertschätzung für Messi und Co. genieße ich es heute, „echte“ Mittelstürmer wie Falcao, Ibrahimovic oder Lewandowski spielen zu sehen, die alles mitbringen, was ein moderner Stürmer braucht: Präzision, Präsenz, Technik, Übersicht, Schnelligkeit. Mögen sie dem Fußball noch lange erhalten bleiben!

Schreibe einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Sie können diese HTML-Tags verwenden: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>

*