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Dez
05

Todesgruppe, Frauen-Theo, Socrates – Ein bewegendes Wochenende

Es war ein ereignisreiches Fußballwochenende. Angefangen mit der Auslosung zur Europameisterschaft, über die Rücktrittsankündigung des DFB-Präsidenten Theo Zwanziger bis hin zum Tod des großen Brasilianers Socrates. Da ging fast unter, dass auch noch Fußball gespielt wurde.

EM-Auslosung: Sollen sie kommen

Die Spannung hätte kaum größer sein können. Nachdem die Lose aus den Töpfen 1, 3 und 4 bereits gezogen waren und nur noch der „deutsche“ Topf 2 ausstand, war klar, dass es keine mittelschwere Auslosung für die DFB-Elf geben würde. Die Gruppen A (mit Polen, Griechenland, Tschechien) und D (mit Ukraine, Frankreich, Schweden) wären von vielen als „Freilos“ gedeutet worden, die Gruppe C (mit Spanien, Kroatien, Irland) als überaus anspruchsvolle Aufgabe. Gleiches gilt für die Gruppe B mit den Niederlanden, Portugal und Dänemark, in die Deutschland letztlich gelost wurde.

Dass die DFB-Elf nach den zuletzt gezeigten Leistungen Favorit auf den Gruppensieg ist, wird niemand bestreiten. Dabei sehe ich es sogar von Vorteil, dass die Gegner so klangvolle Namen haben. So weiß jeder, dass es gleich ans Eingemachte geht. Lockeres Einspielen ist nicht drin. Lieber in einer solchen Konstellation spielen, als in der „Gähn“-Gruppe A.

Außerdem kommt der deutschen Nationalmannschaft zupass, dass ihr die Gruppengegner liegen. Gegen Portugal wurden die letzten beiden Vergleiche bei der WM 2006 und der EM 2008 relativ problemlos gewonnen. Und seitdem hat die Mannschaft um Cristiano Ronaldo nicht an Qualität gewonnen. Im Falle der „Selecao“ ist der Name größer als die Leistung. Mit Übersteigern alleine gewinnt man halt keine Titel.

Die Dänen werden (wieder mal) als Geheimtipp gehandelt. Der Europameister von 1992 hat sich in der Tat souverän qualifiziert – und dabei die Portugiesen in die Tasche gesteckt. Bei ihnen gilt das alte Vogts-Bonmot „Die Mannschaft ist der Star“. Das macht sie gefährlich, aber beileibe nicht unschlagbar. Solange Simon Kjaer „verteidigt“, wird sich immer eine Lücke auftun.

Last but not least die Niederländer, auf die man bereits im zweiten Gruppenspiel treffen wird. Das garantiert Spannung, weil es für beide Teams noch um etwas geht. Hier wird sich zeigen, was der deutsche 3:0-Sieg vom November wert ist. „Oranje“ wird dann vermutlich mit van Persie, van der Vaart und Robben auflaufen, die vor ein paar Wochen noch gefehlt haben. Doch das ist sekundär. Deutschland und die Niederlande sollten sich in jedem Fall für die nächste Runde qualifizieren – und könnten dann erst wieder im Finale aufeinander treffen. So umgehen beide ein hartes Los in der K.O.-Runde.

Ich betrachte die Gruppe B sogar als das bestmögliche Los, weil die Mannschaft schon gezeigt hat, dass sie mit den Gegnern klar kommt. In der Gruppe C mit Spanien und Kroatien hätte man es dagegen gleich mit zwei „Angstgegnern“ zu tun bekommen. Natürlich wäre dieses Los eine gute Gelegenheit gewesen, alte Rechnungen zu begleichen. Doch dafür ist in der K.O.-Runde immer noch Zeit…

Zwanziger-Rücktritt: Soll er doch gehen

Fast unbemerkt hat am vergangenen Freitag DFB-Präsident Theo Zwanziger seinen vorzeitigen Rückzug im kommenden Jahr angekündigt. Zu seinen Motiven hat er sich nicht geäußert, doch „Frauen-Theo“ (u.a. Mitglied beim 1.FFC Frankfurt und Turbine Potsdam) ist seit dem ersten Tag seiner Amtszeit ein umstrittener Mann. Zwanzigers Krisenmanagement war immer fragwürdig. Die Folge: Der DFB gab und gibt in vielen Fragen kein gutes Bild ab. Als da wären: die Amerell/Kempter-Affäre; die mutmaßliche Steuerhinterziehung einiger Referees; die ewig junge Randale-Diskussion in den Stadien, die gerade auf die Pyrotechnik reduziert wird; die Gleichgültigkeit, mit der Zwanziger der Willkürherrschaft von FIFA-Präsident Sepp Blatter begegnet. Hinzu kommt Zwanzigers Auftreten nach dem Rafati-Suizidversuch, als der Jurist für den Geschmack vieler etwas zu offen gesprochen und etwas zu viel gemutmaßt hat. Auch aus der Diskussion um die Vertragsverlängerung von Bundestrainer Jogi Löw und seinem Stab vor der WM 2010 ging Zwanziger als Verlierer hervor. Wenn Theo Zwanziger „Servus“ sagt, werden diese Geschichten haften bleiben und seine Verdienste vermutlich überlagern, wie etwa sein Engagement für den Frauenfußball oder seine hoch gelobte Rede nach dem Enke-Selbstmord.

Bei Funktionären ist es fast gleichgültig, wer gerade einen Posten bekleidet. Vor Zwanziger gab es einen, nach ihm wird es einen geben. Ob der nun Wolfgang Niersbach, Erwin Staudt oder sonstwie heißt, ist eigentlich egal. Die Quintessenz ist fast immer die gleiche: Funktionäre machen den Fußball selten besser, dafür aber viel zu oft schlechter (→ FIFA). Sie sollten das Gewissen des Spiels sein und dem Fußball dienen. Doch viel zu oft stellen sie sich und ihre Interessen über das Spiel. Das ist bedauerlich, aber scheinbar nicht zu ändern.

Socrates: Ruhe er in Frieden

Als Arzt hätte er es eigentlich besser wissen müssen. Doch schon zu Spielerzeiten rauchte der brasilianische Mittelfeldvirtuose Socrates wie ein Schlot. Auch dem Alkohol war er nicht abgeneigt, nach dem Karriereende noch mehr als in aktiven Tagen. Den Hang zum leichten Leben und verbotenen Gelüsten sah man Socrates denn auch an. Der „Che Guevara des brasilianischen Fußballs“ sah in seinen letzten Lebensjahren deutlich älter aus als ein Mittfünfziger. Gestern zahlte Socrates den Tribut, er verstarb an einer Sepsis, die durch eine Darminfektion verursacht wurde. In den vergangenen Monaten war er bereits mehrfach mit Magenblutungen und Leberbeschwerden in stationärer Behandlung. Die Welt ist um ein tragisches Schicksal reicher.

Doch genau aus einem solchen Holz sind die Lieblinge der Brasilianer geschnitzt. Am Zuckerhut hat man ein besonderes Faible für die nicht-perfekten Stars. Auf dem Platz göttlich, ohne Ball nur allzu menschlich. So kommt es nicht von ungefähr, dass der ebenfalls alkoholkranke Dribbelkönig Garrincha (1933-1983) in Brasilien mehr verehrt und geliebt wurde als der „perfekte“ Pelé, der eine erfolgreiche zweite Karriere als Geschäftsmann hingelegt hat. Eine ähnliche Verehrung wie Garrincha dürfte nun auch der Linke Socrates erfahren.

Vor allem Anfang und Mitte der 1980er Jahre dirigierte der 192cm große Schlaks die Selecao. Vermutlich war nie ein Spieler über 1,90 Meter besser am Ball. Dass er seine Karriere nicht mit einem WM-Titel krönen konnte, passt wie die Faust aufs Auge zu seiner Vita. Dafür hat er vielen Weltmeistern vom Zuckerhut eines voraus: Wie sein berühmter Namensgeber aus der Antike, kämpfte auch der kickende Socrates für die Gerechtigkeit. Bei seinem Verein Corinthians Sao Paulo führte er – noch zu Zeiten der Militärdiktatur im Land – die Democracia Corinthiana ein. Danach durften die Corinthians-Spieler in allen Entscheidungen mitreden, von den Trainingszeiten bis hin zu Neuverpflichtungen. 1985 endete die Militärdiktatur in Brasilien, seitdem ist Brasilien eine präsidiale Bundesrepublik. Nicht wenige behaupten, dass Socrates & Co. mit der Democracia Corinthiana ihren Anteil daran haben.

Just am Todestag Socrates‘ gewann „sein“ Verein Corinthians Sao Paulo die brasilianische Meisterschaft. Besser kann man einen der größten Spieler der Vereinsgeschichte kaum würdigen.

Bundesliga: Es gibt wieder Kleine

Eine kurze Anmerkung noch zur Bundesliga: Sieht man einmal von Gladbach ab, steht nach dem 15. Spieltag fast jede Mannschaft in der Tabellenregion, die man ihr vor der Saison zugetraut hat. Nach der verrückten letzten Spielzeit kann man also beruhigt attestieren: Es gibt die Kleinen wieder. Zumindest auf ein paar Dinge ist also Verlass.

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