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Sep
23

Tradition verpflichtet – Zieht den Bayern die Event-Lederhose aus!

Im Fußball hat man sich an viele Erscheinungen gewöhnt, die dem Spiel schrittweise die Seele rauben. Zumindest bei einer Sache konnte man sich bislang sicher sein: Ein Verein spielt in seinen Vereinsfarben. Doch auch diese Sichtweise scheint allmählich überholt. Ein Trend, der hoffentlich bald schon wieder passé ist.

„Zieht den Bayern die Lederhosen aus“ war in der 1980er und 1990er Jahren ein überaus populärer Fangesang in deutschen Stadien. Damals dürfte niemand angenommen haben, dass der Rekordmeister anno 2013 tatsächlich einmal in einem Outfit spielen würde, das der bayerischen Landestracht nachempfunden ist: Weißes Shirt, braune Hose in Lederhosenoptik, aufgemalte Wadenstrümpfe auf den Stutzen. Nicht zu vergessen der Einlauf-Trachtenjanker samt Hut.

Im Bundesliga-Spitzenspiel am Samstag bei Schalke 04 kam der Trachtenlook zum Einsatz – wie bereits vor Wochenfrist im Heimspiel gegen Hannover 96. Und unter der Woche in der Champions League liefen die Bayern im blau-grau-schwarzen „Eventtrikot“ auf, das Assoziationen an Schlafanzüge aus dem Textildiscounter weckt. So ein Kleidungsstück würde man vielleicht seinem Lieblingsfeind schenken oder einem befreundeten Junggesellen zu dessen Abschied aus der Freiheit aufoktroyieren (siehe „Lieblingsfeind“). Aber wer trägt so etwas zum Fußballspielen?! Vor allem ohne Not, wenn der Gegner nicht die Farben des roten Ersttrikots „blockiert“?!

Schalke: Heimatliebe macht farbenblind

Auch der FC Schalke 04 hat sich in dieser Saison ein neues „Eventtrikot“ bzw. „Third Kit“ zugelegt. Nach der glücklicherweise relativ selten getragenen pink-violetten Hässlichkeit mit der überaus selbstironischen Farbbezeichnung „ultrabeauty“ hat der S04 anno 2013 auf ein Traditionstrikot umgeschwenkt. Neben dem klassischen Dress in königsblau-weiß und einem Ausweichoutfit in weiß-dunkelblau spielen die Knappen nun auch in den Farben der Stadt Gelsenkirchen. Die sind grün und schwarz, wurden von der Designabteilung des Herstellers adidas aber dummerweise zu einem türkisen Lind-Ton verunstaltet.

Was machte der Klub? Lief in dem neuen Trikot aus Marketing-Zwecken nicht nur in der Champions League, sondern auch mehrfach in der Liga auf. Glücklicherweise verzichtete Schalke zumindest im Spiel gegen den FC Bayern auf das „Stadt-Trikot“ und besann sich auf das gute alte königsblau. Beim Duell der Trikotfarben Grün-Schwarz gegen Weiß-Braun hätte man ja sonst beim Zappen noch denken können, dass Preußen Münster gegen den FC St. Pauli spielt – die im Gegensatz zu Bayern und Schalke zumindest einen optischen Wiedererkennungseffekt besitzen.

Tradition bedeutet auch Wiedererkennungseffekt

Nennen wir das Kind beim Namen: Wenn man bei einem Bundesligaspiel erst einmal überlegen muss, wer da überhaupt auf dem Rasen steht, läuft irgendetwas gehörig schief. Da lobe ich mir Borussia Dortmund. Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke versprach vor Wochenfrist, „dass wir immer in Schwarz-Gelb spielen. Wenn du den Fernseher anmachst und siehst eine Mannschaft in Schwarz-Gelb, dann weiß jeder: Das ist Borussia Dortmund.“ Bleibt zu hoffen, dass der BVB in dieser Hinsicht als Vorbild dient und nicht der FCB oder Schalke, die mit ihren Zweit- und Dritttrikots natürlich vor allem Kohle machen wollen.

Auf die Spitze getrieben wurde das Thema der Trikotfarbe – natürlich – in England. Dort ist dem walisischen Klub Cardiff City im Frühjahr nach 51 Jahren die Rückkehr in die Premier League geglückt. Möglich gemacht hat das der malaysische Investor Vincent Tan. Der Erfolg hatte jedoch seinen Preis. Der Milliardär nahm sich das Allerheiligste vor: Er änderte die Vereinsfarbe von blau in rot, das in Asien für Glück, Ruhm und Kraft steht. Weiterhin machte sich Tan am Vereinswappen zu schaffen, verwandelte den Sperling kurzerhand einen Drachen. Das verwundert es fast, dass der Klub seinen Vereinsnamen behalten durfte…

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