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Aug
16

Tschö Poldi – Der Junge, der uns träumen ließ, tritt ab

Am heutigen Dienstag jährt sich das Debüt von Joachim Löw als Bundestrainer zum zehnten Mal. Nur einen Tag vor dem Jubiläum zog sich mit Lukas Podolski der letzte Spieler, der am 16. August 2006 beim 3:0 gegen Schweden in Gelsenkirchen auf dem Rasen stand, aus der Nationalmannschaft zurück. Sein Abgang kommt für viele etwas zu spät, seine Verdienste schmälert er aber nicht.

Man sollte nur einmal auf die nackten Zahlen schauen: 129 Länderspiele für Deutschland – mehr haben nur Lothar Matthäus und Miroslav Klose. 48 Tore für Deutschland – Platz drei hinter Klose und Gerd Müller. Dazu der WM-Titel 2014, insgesamt sechs Halbfinalteilnahmen bei großen Turnieren, sowie fünf Treffer bei WM-Endrunden und vier Tore bei Europameisterschaften. Keine Frage: Lukas Podolski hat mit nur 31 Jahren seinen Platz in der Ruhmeshalle des deutschen Fußballs sicher.

Der Makel des – trotz seiner polnischen Wurzeln – kölschesten aller Spieler in der Geschichte der Nationalmannschaft: Seine großen Tage liegen mindestens vier Jahre zurück. Nach der EM 2012, seinem letzten großen Turnier als Stammkraft, wurde der Spaßvogel mit der stets unberechenbaren linken Klebe im DFB-Team links und rechts von noch besseren Spielern überholt.

Auch wenn sich Podolski den Vorwurf gefallen lassen muss, sich seit seinem Profidebüt als 18-Jähriger im Herbst 2003 für den 1. FC Köln zu sehr auf seinen Antritt und seinen Abschluss verlassen zu haben, darf man seine Leistung für den deutschen Fußball keineswegs herabwürdigen.

Hoffnungsträger in schweren Zeiten

Als Podolski kurz vor der EM 2004 im Nationaltrikot debütierte, ließ er eine darbende Fußballnation, die einen regelrechten „Rumpelfußball“ anstatt eines gepflegten Kombinationsspiels betrieb, allein durch seine Anwesenheit von besseren Zeiten träumen. Nach dem Vorrundenaus in Portugal machte der Angreifer den Traum war, er avancierte noch als Teenager mit seiner Unbekümmertheit, Lockerheit und Kaltschnäuzigkeit zu einer der wichtigsten Figuren im deutschen Fußball.

Mit der „neuen“ Generation, zu der auch sein Kumpel Bastian Schweinsteiger, Philipp Lahm oder Per Mertesacker gehörten, entfachte er unter Bundestrainer Jürgen Klinsmann und dem damaligen Co-Trainer Löw eine nie dagewesene Fußballeuphorie in Deutschland, die im Sommermärchen 2006 ihren Höhepunkt fand, deren Nachwehen aber bis zum WM-Triumph 2014 zu spüren war und heute noch ist.

Der Junge, der nach eigener Aussage „nur einen Fußball unter dem Arm hatte“, als er im Alter von zwei Jahren mit seiner Familie nach Deutschland kam, war ein Idol, eine Identifikationsfigur, ja phasenweise sogar der Liebling der Nation. Im Schatten Podolskis, der von der herausragenden deutschen Nachwuchsförderung ab 2000 allenfalls Nuancen mitgenommen hat, konnten sich die Talente von heute überhaupt erst entwickeln. Auch dank des verlässlichen, vor dem Tor eiskalten Podolski hatte auch der Bundestrainer die Zeit, einem Mesut Özil, Marco Reus oder André Schürrle die Zeit zum Lernen und Reifen zu geben.

Aus Liebe zum Fußball

Der spätestens seit dem WM-Triumph 2014 überhand nehmende Spott, er sei nur noch ein „Maskottchen“, hat Podolski tief getroffen. Dass er neben herausragenden fußballerischen Fähigkeiten auch ein guter Typ ist, der wichtig für die Chemie einer Mannschaft ist, darf ihm nicht zur Last gelegt werden. Podolski war zudem immer mehr als das, sonst hätte kein Nationaltrainer der Welt ihn zwölf Jahre lang zu jedem Länderspiel berufen, bei dem er einsatzfähig war.

Was Podolski ausmachte, was ihn von vielen seiner heutigen Kollegen immer deutlicher abhebt: Er liebt es einfach, Fußball zu spielen. Ob im Nationaltrikot, im Dress seines geliebten 1. FC Köln vor 50.000 Zuschauern, oder im Park mit einem Ball und Taschen als Pfostenersatz: Podolski spielte Fußball immer mehr mit dem Herzen. Dafür kann man sich nur vor ihm verneigen.

1 Kommentar

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  1. Anonymous sagt:

    „kölschesten aller Spieler in der Geschichte der Nationalmannschaft“ –
    kölscher als Toni Schumacher? Naja.

    Dieses ganze Kölsch-Image (mittlerweile jedes Mal beim Länderspiel vor der Köln-Flagge zu posieren, etc.) sieht für mich manchmal etwas sehr „antrainiert“ aus. Genau wie ihm seine öffentlichen Statements letztlich auch von Kon Schramm mundfertig geliefert werden hat er bestimmt auch die Order überall den lokalpatriotischen Kölner zu spielen.

    Nichtsdestotrotz ist er (Poldi) ein sympathischer Junge.

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