«

»

Dez
20

Überraschung?! – Halbzeitbilanz in der Bundesliga

Aufmerksame Leser meines Blogs wissen, dass ich vor jeder Spielzeit Orakel spiele und Prognosen über den Saisonverlauf abgebe. Ebenso ist es Tradition, dass ich in der Winterpause Zwischenbilanz ziehe und schaue, wie es um meine Tipps bestellt ist. Eins vorweg: Ich habe vermutlich nur sehr wenig Ahnung von Fußball.

Nach meinen Tipps zu Saisonbeginn müsste die Tabelle so aussehen:
1. Bayern München (reale Platzierung nach 17 Spieltagen: 1.)
2. Borussia Dortmund (3.)
3. FC Schalke 04 (7.)
4. Bayer 04 Leverkusen (2.)
5. Hannover 96 (11.)
6. VfL Wolfsburg (15.)
7. VfB Stuttgart (9.)
8. Borussia Mönchengladbach (8.)
9. TSG 1899 Hoffenheim (16.)
10. SV Werder Bremen (12.)
11. 1. FSV Mainz 05 (6.)
12. 1. FC Nürnberg (14.)
13. Eintracht Frankfurt (4.)
14. SC Freiburg (5.)
15. FC Augsburg (17.)
16. Hamburger SV (10.)
17. SpVgg Greuther Fürth (18.)
18. Fortuna Düsseldorf (13.)

Einordnung der Tipps

Volltreffer

Der Favorit führt auch die Tabelle an: Nach zwei titellosen Jahren hat der FC Bayern seine Drohung wahr gemacht. Die Münchner sammeln Wochenende für Wochenende in einer beängstigenden Konstanz wertvolle Punkte für ihre 23. Deutsche Meisterschaft. Angesichts des Vorsprungs von neun bzw. zwölf Punkten Vorsprung auf die „Verfolger“ Bayer Leverkusen bzw. Borussia Dortmund und Eintracht Frankfurt tun den Münchnern auch drei Remis aus den letzten vier Hinrundenspielen nicht sonderlich weh. Die Neuzugänge Dante und Mandzukic haben voll eingeschlagen, Claudio Pizarro und Xherdan Shaqiri sind erstklassige Backups für Angriff bzw. offensives Mittelfeld. Nur 40-Millionen-Neuzugang Javi Martinez wartet trotz leicht ansteigender Form zum Ende der Hinrunde noch auf den Durchbruch im Trikot der „Roten“. Solange es bei den Bayern läuft, wird man ihm die nötige Zeit geben.

Goldrichtig liege ich bislang auch bei Borussia Mönchengladbach. Der Vorjahresvierte hat sich nach einigen Problemen zu Saisonbeginn sowohl in der Liga als auch im Europapokal gefangen. Platz acht im Winter berechtigt die „Elf vom Niederrhein“ immer noch zu realistischen Hoffnungen auf eine erneute Europacup-Qualifikation – zumal vor allem die teuren Neuzugänge Granit Xhaka, Luuk de Jong und Alvaro Dominguez nur zulegen können. Auch Keeper Marc André ter Stegen durchschreitet gerade die erste Talsohle seiner noch jungen Karriere. In „alter“ Form wird er Gladbach künftig wieder einige Punkte retten, so wie am vergangenen Freitag beim 1:1 in München.

Knapp verwandelt

Nach zwei beängstigend starken Bundesliga-Spielzeiten nimmt sich Doppel-Meister Borussia Dortmund in dieser Saison in der Liga eine kleine Auszeit. Viel zu häufig hat der BVB in den letzten vier Monaten unnötig Punkte hergeschenkt. Mittlerweile wird deutlich, dass dem Kader vor allem in Abwehr und Angriff noch die Breite fehlt. Hinzu kommt, dass der Fokus der Dortmunder in diesem Jahr auf die Champions League gerichtet ist, wo man in allen sechs Spielen der Vorrunde brillierte und das zeigte, was im „Alltag Bundesliga“ dann naturgemäß ein wenig fehlte: Disziplin, Cleverness, Spielwitz und Gier. Gemessen daran, dass man nicht jedes Jahr vor den Bayern landen kann, spielt der BVB soweit eine gute Saison. Ein Platz unter den Top 4 dürfte am Ende auf alle Fälle herausspringen.

Heimlich, still und leise hat sich Bayer Leverkusen zum Ende der Hinrunde in die Position des Bayern-„Verfolgers“ Nummer eins gebracht (Alternativtitel: „Best Of The Rest“). Die Abwehr steht insgesamt stabiler als noch in der Vorsaison, das Dreier-Mittelfeld um Lars Bender hält der nur drei Mann starken Offensivabteilung Schürrle-Castro-Kießling den Rücken frei.

Eine gute Hinrunde für seine Verhältnisse spielte der VfB Stuttgart. Dabei stand Trainer Bruno Labbadia nach einem katastrophalen Start im Oktober noch kurz vor dem Aus, mit einer starken Phase im Spätherbst haben die Schwaben zur Winterpause allerdings nur einen Punkt Rückstand auf einen Europa League-Startplatz. Knüpft der VfB an seine traditionell starke Rückrundenform der letzten Jahre an, muss man sogar fast die Champions League-Qualifikation „befürchten“.

Werder Bremen war für mich so etwas wie die Wundertüte. Nach dem Umbruch im Sommer musste man der Mannschaft im Positiven wie im Negativen alles zutrauen. Phasenweise ging mein Pessimismus vor der Saison sogar so weit, dass ich Werder zu einem der Geheimfavoriten für den Abstieg erklärt habe – und folgerichtig auch einen Bierkasten auf den Abstieg der Grün-Weißen verwettet habe (Quote 3 für 1). Soweit wird es angesichts von zehn Punkten Vorsprung auf den Relegationsplatz nicht mehr kommen. Vielmehr gehört Werder (vier Punkte Rückstand auf Platz sechs) mit 14 anderen Mannschaften zum Kandidatenkreis für das internationale Geschäft. Allerdings müsste dafür in der Rückrunde mehr Konstanz rein.

Immer noch näher an den Europacup- als an den Abstiegsplätzen ist der Hinrunden-Vierzehnte 1. FC Nürnberg. Der Club spielte eine unauffällige Halbserie, gewann vor allem gegen die Konkurrenz aus der unteren Tabellenhälfte viele Punkte und dürfte sich locker über dem Strich halten.

Je neun Punkte, je minus 17 Tore, Tabellenplätze 17 und 18: Der FC Augsburg und die SpVgg Greuther Fürth liegen in etwa da, wo man sie vor der Saison erwarten konnte. Nüchtern betrachtet muss man sagen: Den Klassenerhalt können sich beide abschminken. Eine Rückrunde mit 25 bis 30 Punkten ist keiner der beiden Mannschaften zuzutrauen – zumindest nicht in der ersten Liga.

Fehlschuss

Der FC Schalke 04 war für mich die klare Nummer drei in der Liga: Schlechter besetzt und eingespielt als die Bayern und der BVB, aber auf dem Papier und vom Potenzial auch deutlich stärker als der Rest der Liga. Bis zur Mitte der Hinrunde sah es auch noch sehr gut aus für die Königsblauen, doch ab dem November wussten die Gelsenkirchener nur noch in der Champions League voll zu überzeugen. Nach vier Niederlagen aus den letzten sechs Liga-Spielen beträgt der Rückstand auf die Champions-League-Ränge zur Mitte der Saison bereits fünf Punkte. Das ist immer noch aufzuholen, doch dafür müsste die Mannschaft nach der Entlassung des scheinbar nicht mehr gut gelittenen Huub Stevens endlich wieder in die Spur finden.

Auch Hannover 96 habe ich weit mehr zugetraut als Rang elf nach der Hinrunde. Allerdings sei auch hier auf die geringen Abstände im Mittelfeld der Tabelle hingewiesen: Nur drei Punkte trennen 96 von Rang sechs. Wie schon in der letzten Saison zeigen die Niedersachsen in der Europa League ihre Klasse und Reife. Auch in der Liga war man in vielen Spielen am Drücker, ließ aber unglücklich und unnötig Punkte liegen. Die Mannschaft hat das Potenzial für das obere Tabellendrittel und wird dort auch landen – es sei denn, die Europareise hält bis in den April oder gar Mai an und kostet (zu) viel Energie…

Zu den Mannschaften, die positiv überrascht haben, zählt der FSV Mainz 05. Die Heimstärke (sechs Siege in der Coface Arena) hat die 05er zum Ende der Hinrunde in eine gute Ausgangsposition im Kampf um die Europacup-Ränge gebracht – auch wenn davon in Mainz offiziell niemand etwas wissen will.

Aufsteiger Fortuna Düsseldorf hat eine Achterbahn-Hinrunde hinter sich: Einem überraschend guten Start mit sechs Spielen ohne Niederlage folgte ein Zwischentief von sechs sieglosen Spielen, ehe man mit zehn Zählern aus den letzten fünf Partien die Hinrunde zu einem sehr positiven Abschluss brachte. Mit neun Punkten Vorsprung auf den Relegationsplatz lässt sich auch auf Position 13 sehr gut überwintern.

Eigentor

Alle Jahre wieder seit der Meistersaison 2008/09 traue ich dem VfL Wolfsburg im Positiven fast alles zu. Und alle Jahre wieder bleibt der teure und nominell hochklassig besetzte Kader unter seinen Möglichkeiten (nicht, dass mich das stören würde…). Platz 15 nach 17 Spieltagen ist wieder einmal mehr als ernüchternd. Immerhin: Seit die Mannschaft von Felix Magath „befreit“ ist, holte sie ordentliche 14 Punkte aus neun Partien (1,56 Punkte pro Spiel). Trotz Platz 15 ist für die „Wölfe“ angesichts von nur sieben Punkten Rückstand auf Platz sechs noch einiges drin.

Der große Flop ist aber 1899 Hoffenheim. Mit der forschen Zielsetzung „Europa-League-Qualifikation“ in die Saison gestartet, überwintert die TSG als Sechzehnter mit bereits sieben Zählern Rückstand auf Platz 15. Die Star-Einkäufe Tim Wiese und Eren Derdiyok waren bislang Flops, der einst magische „Dorfverein“ ist nur noch ein Dorfverein. Vielleicht geht’s ja nächstes Jahr gegen Sandhausen und Aalen. Sind bei allem Respekt auch fast Dorfvereine…

Wo Schatten ist, da ist auch Licht: Die größte Sensation der Hinrunde heißt Eintracht Frankfurt. Die „Zweitliga-Auswahl“ vom Main rockte über weite Strecken der Halbserie das Oberhaus. Stefan Aigner, Takashi Inui, Pirmin Schwegler, Sebastian Rode, Carlos Zambrano, Kevin Trapp, Sebastian Jung oder das ewige Talent Alex Meier (mittlerweile 29) haben allesamt überzeugt und vermeintlich an ihrem oberen Limit gespielt. Die Mannschaft funktioniert einfach als Mannschaft und spielt als Mannschaft einen erfrischenden Fußball – anders lässt sich der Erfolg nicht erklären. Auch vor Trainer Armin Veh muss ich den Hut ziehen. Nach seinen Flop-Engagements in Wolfsburg (2009/10) und Hamburg (2010/11) war der Stuttgarter Meistertrainer von 2007 fast schon „verbrannt“, jetzt ist er wieder einer der begehrtesten Coaches der Liga. Mit Platz vier nach der Hinrunde hatte wirklich keiner gerechnet. Das ist für mich aber nur ein schwacher Trost, immerhin habe ich mich bei der Prognose um neun(!) Ränge vertan.

Die zweite Sensation ist der SC Freiburg. Unter Trainer Christian Streich hat die Low-Budget-Truppe aus dem Breisgau im Kalenderjahr 2012 sagenhafte 53 Punkte geholt. Die 26 Zähler aus der Halbserie 2012/13 zollen mir größten Respekt ab – vor allem, weil sie vor allem mit Spielern aus den eigenen Reihen (Baumann, Sorg, Caligiuri, Schmid, Schuster) oder Schnäppchen-Transfers (Kruse, Rosenthal, Makiadi) errungen wurden. In dieser Mannschaft ist unbestritten der Trainer der Star: Christian Streich ist ein Unikat, wie man es besser nicht erfinden könnte. Sorry Kloppo, sorry Jupp, und sorry an jeden, der sonst noch einen guten Job in Liga eins gemacht hat: Freiburg hat den Trainer des Jahres. P.S.: Das sollte an Lobhudelei ausreichen, um meine Fehl-Prognose um neun Ränge vergessen zu machen…

Ja, ich habe mich sehr weit aus dem Fenster gelehnt: Den Bundesliga-Dino Hamburger SV als einen der Absteiger zu tippen, war fast ein Sakrileg. Doch die letzte Saison hat wenig Hoffnung gemacht, und auch die ersten Spiele gingen mächtig in die Hose (Pokal-Aus in der ersten Runde, drei Niederlagen in den ersten drei Liga-Spielen). Erst der Transfer von Rafael van der Vaart und – völlig unterschätzt – die Verpflichtung von Milan Badelj haben dem HSV ab dem 4. Spieltag die Qualität gegeben, die man für die erste Liga braucht. Es sind nur zwei Punkte bis nach Europa, aber 15 bis nach Aue, Paderborn und Aalen. Der HSV wird ganz sicher in dieser Saison nicht mehr absteigen – und ich muss ein weiteres Mal Abbitte leisten für eine völlig verkehrte Prognose…

Schreibe einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Sie können diese HTML-Tags verwenden: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>

*