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Mai
22

Umbruch beim 1. FC Köln, die 1000. – Warum geht Stanislawski?

Irgendwie war es ein erstaunlich ruhiges Jahr beim 1. FC Köln. Von der zwischenzeitlichen Aussicht auf Platz drei in der 2. Bundesliga und der Dauerberichterstattung über die leere Vereinskasse einmal abgesehen, schienen endlich Ruhe und Kontinuität einzukehren. Das hing auch damit zusammen, dass Trainer Holger Stanislawski seine Aufbauarbeit auch in der kommenden Saison fortführen wird – dachte man zumindest.

Holger Stanislawski mag Gründe für seinen Rücktritt gehabt haben. Ob er seine WAHREN Gründe der Öffentlichkeit auch genannt hat, ist allerdings zu bezweifeln. So hieß es in der Presseerklärung, die seinen Abgang am vergangenen Samstag offiziell machte, dass der 43-Jährige sich insgeheim das Ziel Aufstieg gesetzt habe. Der gesamte Verein ist dagegen in der gesamten Saison nie von seiner Linie abgewichen, dass der Aufstieg in dieser Saison kein Muss ist. Eine stille persönliche Enttäuschung über Platz fünf kann man Stanislawski als Außenstehender zugestehen. Aber musste er wirklich die Reißleine ziehen?

Dass er sich selbst die Verantwortung für die Punkteverluste „in Duisburg, Bochum und gegen 1860 München“ in der Saisonendphase gegeben hat, ehrt Stanislawski. Und in der Tat vermisste man bei ihm manchmal eine gewisse Philosophie bei der Auswahl des Spielsystems wie auch der Besetzung einzelner Positionen. Doch man muss auch klar sagen: Niemand hat ihm daraus ernsthaft einen Strick gedreht – zumal der Trainer nicht für jeden Spieler gerade stehen muss, den Kaderplaner Jörg Jakobs im engen Rahmen der Kölner Möglichkeiten verpflichtet hat.

Eigentlich gutes Standing im Umfeld

Im Gegenteil: Weite Teile des Umfelds konnten mit den gezeigten Leistungen und Platz fünf im Endklassement gut leben. Stanislawski hätte sogar mit einem gewissen Bonus in die neue Saison gehen können, nachdem er mit der Mannschaft nach katastrophalem Saisonstart (zwei Punkte nach sieben Spieltagen) noch die Kurve gekriegt hat und dank der zweitbesten Rückrundenbilanz lange um den Relegationsplatz gekämpft hat.

Umso fragwürdiger ist daher auch die Erklärung des gebürtigen Hamburgers, dass er sich von den Medien diskreditiert fühle: „Es wurde unter der Gürtellinie gegen meine Person vorgegangen, obwohl wir alle Ziele erreicht haben, die wir vor der Saison ausgegeben hatten.“ In der Tat war – das war zumindest mein Eindruck – die Stani-Berichterstattung in den einflussreichsten Kölner Medien („Bild“, „Express“, „Kölner Stadt-Anzeiger“) deutlich positiver als bei den meisten seiner Vorgänger. Lediglich die „Bild“ kritisierte nach der Bochum-Pleite auf ihre bekannt populistische Weise die „Duz“-Mentalität des Trainers, für die sie ihn zu Saisonbeginn noch gefeiert hatte. Doch das fällt unter die üblichen Spielarten des Boulevards. Stattdessen könnte sich eher Präsident Werner Spinner von den Medien attackiert fühlen, gegen ihn wird nämlich seit Wochen in erstaunlicher Schärfe und Beliebigkeit gefeuert. Eine vergleichbare Negativpresse hatte sein Vorgänger Wolfgang Overath auch in den dunkelsten Stunden seiner Amtszeit jedenfalls nicht zu erdulden.

Vielmehr weiß Stanislawski, dass es in der kommenden Saison nicht einfacher wird, den Aufstieg zu realisieren: „Ich will nicht durch meine Person dieses wichtige zweite Jahr gefährden. Weil ich weiß: Wenn es nicht rund läuft, dann wird direkt wieder durchgeladen und dann geht’s direkt wieder los. Diese Mannschaft braucht Ruhe und positiven Rückhalt, sie muss sich von Anfang an auf dieses wichtige Ziel konzentrieren“, sagte er auf der improvisierten Saisonabschlusspressekonferenz im Massageraum des Ingolstädter Stadions nach dem Kölner 3:0-Sieg zum Saisonabschluss.

Viel Tradition, wenig Geld

Stanislawski weiß, dass der Klub in seinen finanziellen Möglichkeiten erheblich eingeengt ist und noch dazu voraussichtlich mit Christian Clemens seinen besten Spieler verlieren wird. Selbst die kolportierten drei Millionen Euro Ablöse, die man für ihn erhalten würde (zzgl. 1,4 Mio. für Sascha Riether, der nach einjähriger Leihe vom FC Fulham gekauft wurde), werden nur in Teilen für Neuzugänge zur Verfügung stehen.

Der klamme Klub dreht gerade an jeder erdenklichen Schraube, etwa an einer Reduzierung der Stadionmiete bei gleichzeitiger Erhöhung der Zahlungen nach einem Aufstieg. Doch selbst wenn an der einen Stelle gespart wird und andererseits durch Spielerverkäufe oder neue Sponsoren noch ein paar Euro zusätzlich reinkommen sollten, bleibt der finanzielle Spielraum gering.

Alle Planungen stocken durch den Rücktritt

Doch diese Probleme sind nicht neu, Stanislawski wusste schon vor seiner Unterschrift um die prekäre Lage. Hat er die Situation also unterschätzt? Glaubte er, mit einer nahezu runderneuerten Mannschaft ohne große Namen sofort aufsteigen zu können? Die Antwort kennt vermutlich nur Stanislawski selbst. Durch seinen Rücktritt in der aktuellen Phase hat er allerdings die Gestaltung der Mannschaft für die neue Saison gebremst, was den Aufstieg in der kommenden gewiss nicht einfacher macht. In diesem Sinne: „Danke“, Stani!

Der 1. FC Köln muss nämlich nun zum vierten Mal in fünf Jahren den Trainerposten in der Sommerpause neu besetzen. Bis Stanislawskis Nachfolger gefunden ist, stehen wieder einmal fast alle sportlichen Planungen still. Schließlich möchte der neue Übungsleiter keinen Neuzugang vor die Nase gesetzt bekommen, den er am Ende womöglich gar nicht haben will. Umgekehrt ist es genauso: Welcher Spieler wechselt schon zu einem Klub, wenn er nicht weiß, wer im nächsten Jahr sein Chef ist?

Die Zeit läuft… Und wie so oft läuft sie gegen den FC.

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