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Mrz
22

Verliert die Eintracht die Nerven? – Christoph Daum ist neuer Trainer in Frankfurt

Nach den besonnenen, aber eher bieder wirkenden Herren Friedhelm Funkel und Michael Skibbe hat Eintracht Frankfurt mit Christoph Daum überraschend eine schillernde Persönlichkeit auf die Trainerbank gesetzt. Ob der alte Motivationskünstler die richtige Wahl ist?

Christoph Daum war über einen langen Zeitraum einer der begehrtesten deutschen Trainer – und zwar zu Recht. Indem er selbst stark polarisierte und polemisierte, nahm er oft Druck von seinen Mannschaften. Dazu ließ er fast immer einen leidenschaftlichen und zumeist erfolgreichen Fußball spielen. Das änderte sich mit der hinlänglich bekannten Koksaffäre im Jahr 2000. Abgesehen von ein paar Titeln in Österreich und der Türkei (die man als Trainer von Austria Wien und Fenerbahce Istanbul fast turnusmäßig irgendwann gewinnt), hat Christoph Daum seitdem wenig Vorzeigbares zustande gebracht.

Nach 2000: Christoph Daums Nimbus leidet

Damit meine ich vor allem Daums zweite Amtszeit beim 1.FC Köln (2006-2009), den er in der 2. Bundesliga übernommen hat. Als „Messias“ gefeiert, verpasste Daum in seiner ersten Saison den Aufstieg klar. Zwar muss man einräumen, dass er den Verein auf einem Mittelfeldplatz gegen Ende der Hinrunde übernommen hat, aber bis zum Saisonende hat er es eben auch nicht geschafft, über einen Mittelfeldplatz hinauszukommen. Dabei durfte Christoph Daum in der Winterpause 06/07 gleich fünf neue Spieler verpflichten. Doch weder Fabio Luciano noch André, Tiago, Serhat Akin oder Marius Johnsen erwiesen sich als Verstärkung.

In seiner zweiten Saison schaffte Daum dann zwar den Aufstieg, doch er ließ dabei einen Fußball spielen, der über weite Strecken der Saison ernüchternd war. Nicht selten beorderte der „Zampano“ den baumlangen Verteidiger Kevin McKenna in die Sturmspitze. Das Spiel war dementsprechend angelegt: Abschlag Faryd Mondragon -> Kopfball Kevin McKenna -> schauen, was sich ergibt.

Christoph Daum ist nur ein Trainer für top besetzte Mannschaften

Bereits damals bin ich auf den Gedanken gekommen, dass Christoph Daum vor allem eines braucht, um seine Qualitäten als Trainer auszuspielen: einen top besetzen Kader. Spieler, die mit dem Ball umgehen können und auf dem Platz wissen, was sie zu tun haben, kann Christoph Daum an ihre Leistungsgrenze bringen. Thomas Häßler, Pierre Littbarski, Matthias Sammer, Guido Buchwald, Ulf Kirsten, Emerson oder Michael Ballack musste Christoph Daum nicht mehr viel beibringen, er musste sie nur heiß machen.

Was Christoph Daum aber bis heute nicht bewiesen hat, ist, dass er auch durchschnittlich besetzte Mannschaft kontinuierlich verbessern und ihr eine Spielphilosophie einhauchen kann. Beim 1.FC Köln hing damals viel von der Tagesform seiner Schlüsselspieler ab (Özat, Mohamad, Novakovic, Helmes, später auch Geromel und Petit). Daum schaffte nach dem Aufstieg zwar auch den Klassenerhalt in Liga 1, ehe er sich Richtung Istanbul verabschiedete. Doch was in der öffentlichen Wahrnehmung immer ein bisschen unterging, ist, dass weder das Fußballspiel des FC noch die Punkteausbeute unter Daum viel besser waren als unter seinem viel gescholtenen Nachfolger Zvonimir Soldo.

Christoph Daum und Eintracht Frankfurt: Passt das?

Wie der 1.FC Köln in der Ära Daum II, ist auch die aktuelle Frankfurter Mannschaft nicht exorbitant gut besetzt. Es ist fraglich, ob Christoph Daum aus der Truppe mehr herausholen wird als Michael Skibbe, der mit der Eintracht immerhin eineinhalb Jahre lang sehr gute Ergebnisse erzielt hat.

Überraschend ist seine Verpflichtung allemal. Ich hatte Daum eigentlich nicht mehr in der 1.Bundesliga erwartet, für mich schienen nur noch RB Leipzig, ein Istanbuler Verein oder vielleicht ein Klub aus der Major League Soccer realistische Optionen zu sein. Doch dass ausgerechnet Eintracht Frankfurt Daum geholt hat, ist fast schon eine Sensation. Immerhin galt der Frankfurter Vorstand Heribert Bruchhagen über Jahre als jemand, der selbst dann in der Trainerfrage noch die Füße still hält, wenn andere schon dreimal den Übungsleiter gewechselt hätten.

Die Konstellation Frankfurt/Daum wird auf jeden Fall interessant. Und sie wird noch interessanter, wenn es am 33. Spieltag im Spiel zwischen Daums neuem Arbeitgeber Eintracht Frankfurt und Daums „Herzensangelegenheit“ 1.FC Köln für mindestens eine der beiden Mannschaften noch um den Klassenerhalt gehen sollte…

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