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Jun
10

Von Kindesbeinen an – Wie DFB und Vereine die Allerjüngsten fördern

Die Reformierung der Nachwuchsarbeit im deutschen Fußball trägt seit Jahren Früchte. Doch wie werden die Talente gefördert, ehe sie ins Rampenlicht treten? Diese Frage hat Mai-Gewinnspielsieger Andreas gestellt. Hier die Antwort.

Bis zum Vorrunden-Aus der Nationalmannschaft bei der Europameisterschaft 2000 war das Thema Nachwuchsförderung in Deutschland Länder- bzw. Vereinssache. Während etwa der VfB Stuttgart bereits in den 1990er Jahren großes Augenmerk auf ein flächendeckendes Scouting und eine einheitliche Philosophie bei der Talententwicklung gelegt hat, ließen andere Klubs die Nachwuchsarbeit eher nebenher laufen. Wenig verwunderlich, dass die Zahl veranlagter deutscher Spieler, die es früh in die ersten Mannschaften der Profiklubs schafften, um die Jahrtausendwende herum niedrig ausfiel.

Insofern muss man aus heutiger Sicht froh sein, dass die von Erich Ribbeck betreute Nationalelf vor 13 Jahren in Belgien und den Niederlanden nicht mit Dusel noch das Viertelfinale erreicht hat. Nein, nur der blamable letzte Platz in einer Vorrundengruppe mit Portugal, England und Rumänien konnte den DFB, die Landesverbände und die Vereine wachrütteln und die Maßnahmen auf den Weg bringen, denen der deutsche Fußball seinen Aufschwung der letzten Jahre verdankt.

Nachwuchsförderung ist heute ein Imperativ

Konzepte, die lange in den Schubladen schlummerten, wurden im Nachgang der EM-Enttäuschung vom DFB endlich konsequent angegangen. Durch harte Auflagen hat sich der deutsche Fußball so selbst zu seinem Glück gezwungen.

Jeder Klub der 1. und 2. Bundesliga unterhält mittlerweile durchgängig Mannschaften vom Profibereich bis hinunter in die Altersklasse U11, nicht wenige Vereine fangen sogar im U8-Bereich an. Allein der FC Bayern beschäftigte in der Saison 2012/13 29 Trainer und Betreuer, drei Torwarttrainer, einen Athletiktrainer, einen Arzt und sieben Physiotherapeuten, die sich allein um die Jugendmannschaften der „Roten“ kümmerten.

Beim VfB Stuttgart, dem Hamburger SV, Borussia Dortmund oder dem 1. FC Köln sieht es kaum anders aus. Doch selbst Vereine wie Drittligist Rot-Weiß Erfurt investieren jährlich sechs- bis siebenstellige Beträge in den Nachwuchs und beschäftigen eine Vielzahl an Vollzeitkräften.

Heutzutage kann es sich kein ambitionierter Verein mehr leisten, NICHT in die Jugendförderung zu investieren. Das hat nicht allein mit dem Zeitgeist zu tun. Nachwuchsarbeit ist ein Imperativ geworden. So knüpft die Deutsche Fußball-Liga (DFL) seit 2002 die Lizenzvergabe für die 1. und die 2. Bundesliga u.a. an die Existenz eines vereinseigenen Nachwuchsleistungszentrums, dessen Standards jährlich geprüft werden.

Bis zum elften Lebensjahr Basisförderung

Das Hauptaugenmerk der Vereine liegt auf der A- und der B-Jugend. Wer in diesen Altersklassen in den Kadern steht und in der Junioren-Bundesliga und im Junioren-DFB-Pokal zum Zuge kommt, gehört zu den wenigen Auserwählten, die den Traum vom Profi träumen können – auch wenn die Auslese jetzt eigentlich erst beginnt.

In den Jahrgängen davor fängt alles noch ganz beschaulich an. Bis zur U11 erhalten die Talente eine „Basisförderung“, wie es im DFB-Jargon heißt. Der Spaß und die Freude am Spiel stehen in diesem Alter im Vordergrund. Selbst die Jugendmannschaften der Profiklubs spielen in dieser Altersklasse noch nicht um die ganz großen Trophäen, vielmehr streiten sich die Teams von der U8 bis zur U11 auf Kreisebene mit den „normalen“ Jugendmannschaften der näheren Umgebung.

Flächendeckende Sichtung ab der U12

Ernster wird es ab der U12, ab der sich Verband und Vereine der Konzeptstufe „Talentförderung“ verschrieben haben. Von dieser Altersklasse an ist im Grunde jeder talentierte Kicker in Deutschland unter Beobachtung. Mehr als 1.000 Honorartrainer beschäftigt der DFB mittlerweile, jeder betreut 20 bis 30 Vereine und besucht deren Spiele bzw. Turniere. Nach Angaben des DFB werden so 600.000 Spieler jährlich gesichtet.

Wer sich als besonders tauglich erweist, wird zum Stützpunkttraining an einen der knapp 400 Standorte in Deutschland eingeladen, wo er neben seinem normalen Vereinstraining noch zwei bis drei weitere Einheiten in der Woche erhält – sofern er bis dahin nicht bereits in einem Verein mit Leistungszentrum kickt. Diese entsenden ihre Scouts nämlich ebenfalls sehr frühzeitig. So ist Sami Khedira bereits mit neun Jahren beim VfB Stuttgart gelandet, Lukas Podolski mit elf beim 1. FC Köln oder Thomas Müller mit zwölf beim FC Bayern.

Ab der U12 wird es auch taktisch anspruchsvoller: So ist es in den Jugendmannschaften der großen Vereine gang und gäbe, das Spielsystem entweder konsequent an dem der ersten Mannschaft auszurichten oder aber ein 4-4-2 (mit gewissen Variationen) spielen zu lassen, weil hier die Spielertypen für alle relevanten Position des modernen Fußballs herangezogen werden.

Viele Wege führen nach Rom

Doch auch die Jugendlichen selbst können sich anbieten. Jeder Stützpunkt ist verpflichtet, mindestens einmal jährlich unter dem Namen „Tag des Talents“ eine Art offenes Casting zu veranstalten. Auch die meisten Vereine laden Talente aus der Region zu ausgeschriebenen offenen Probetrainings ein. Voraussetzung ist die Zustimmung des aktuellen Vereins, der zugleich die Verantwortung trägt, einem Spieler die Erlaubnis zu verweigern, wenn seine Hoffnungen allzu utopisch sind.

Der Blick auf einige aktuelle Größen des deutschen Fußballs zeigt dabei, dass man auch ohne einen frühzeitigen Wechsel in die Jugendmannschaft eines Profiklubs Karriere machen kann. So spielte André Schürrle bis zu seinem 16. Lebensjahr in der Jugend des Verbandsligisten Ludwigshafener SC, ehe er 2006 beim FSV Mainz 05 anheuerte. Der aktuelle Bundesliga-Torschützenkönig Stefan Kießling wagte sogar erst mit 17 den Sprung von der A-Jugend des Viertligisten Eintracht Bamberg zur U19 des 1. FC Nürnberg.

Auf der anderen Seite haben es auch schon Spieler geschafft, von den Bambinis bis zu den Profis sämtliche Mannschaften eines Vereins zu durchlaufen. Das Paradebeispiel ist Nationaltorhüter Manuel Neuer. Am 27.3.1986 geboren, begann er seine Fußballkarriere 1991 bei den Bambinis des FC Schalke 04, spielte als A-Jugendlicher bereits in der U23 der „Königsblauen“ und debütierte am 19. August 2006 als 20-Jähriger bei den Profis. 2011 verließ er den Verein für rund 20 Millionen Euro – eine Summe, die mit jedem Titelgewinn des FC Bayern weiter anwächst und mittlerweile die Marke von 25 Millionen Euro überschritten hat.

Der richtige Zeitpunkt ist relativ

Die Frage des richtigen Zeitpunkts für einen Wechsel zu einem großen Klub lässt sich also nicht eindeutig beantworten. Die Persönlichkeitsstruktur des Spielers, der zum Zeitpunkt dieses Schritts im Extremfall eher ein Kind als ein Jugendlicher ist, dürfte neben dem Talent das wichtigste Kriterium sein.

Allerdings sind die Unterschiede in der Ausbildung durchaus signifikant. Der Konkurrenzkampf in den Nachwuchsmannschaften der Profivereine ist sehr viel größer, auch muss man sich in den Meisterschaftsspielen bereits mit der „Hypothek“ des großen Namens arrangieren. Gegen den Nachwuchs von Borussia Dortmund sind die Gegner nun einmal motivierter als gegen den von Wattenscheid 09.

Wohin der Karriereweg einen Spieler führt, wird sich letztlich erst ab dem 18. bis 21. Lebensjahr zeigen. Wer eine gute Ausbildung erfahren hat, erhöht jedoch die Chancen darauf, dass es ein erfolgreicher Weg wird.

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