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Aug
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Vorschau auf die Bundesliga-Saison 2011/12 – Teil 2

Die Bundesliga-Saison 2011/12 steht vor der Tür. Wie sind die Chancen von Stuttgart, Hoffenheim, Köln, Freiburg, Hamburg und Kaiserslautern?

VfB Stuttgart

Der Meister von 2007 hat seit dem Titelgewinn wechselhafte Jahre hinter sich. Eine typische VfB-Saison sieht mittlerweile so aus: Mieser Saisonstart, Trainerwechsel im Herbst/Winter, starke Rückrunde. Solche Saisonverläufe zeigen deutlich, dass es nicht am fußballerischen Potenzial hapert, sondern am Kopf bzw. der Mentalität im Team.

Das Problem der Schwaben: Die Kurve zeigt insgesamt nach unten, weil die Hinrunden immer schwächer werden. Konnte man sich 2009 nach starker Rückrunde noch für die Champions League und 2010 für die Europa League qualifizieren, langte es 2011 nur noch zu Platz 12. In der kommenden Saison muss der VfB gegen diesen Trend ankämpfen, sonst wird die Luft irgendwann dünn.

Trainer Bruno Labbadia, der das Amt erst im November 2010 übernommen hat, muss seinen vielen Skeptikern beweisen, dass er der richtige Mann für diese Aufgabe ist. Immerhin hat der frühere Stürmer auf seinen bisherigen Stationen als Übungsleiter (Darmstadt, Fürth, Leverkusen, Hamburg) immer nur im ersten halben Jahr Erfolge gefeiert, danach ging es mit den Ergebnissen und seinem Standing in der Mannschaft bergab.

Vom reinen „Spielermaterial“ her hat der VfB nicht mehr die Klasse der Jahre 2007 oder 2009. Mario Gomez schießt seine Tore nun schon im dritten Jahr in München, der zum Führungsspieler auserkorene Christian Träsch ist gerade nach Wolfsburg gewechselt, Abwehrjuwel Serdar Tasci stagniert seit geraumer Zeit massiv, Stürmer Cacau ist immer noch gut, doch ihm fehlt der perfekte Sturmpartner. In der Defensive ist die Personaldecke aufgrund vieler, teils langfristiger Verletzungen (Delpierre, Bicakcic, Niedermeier) dünn.

Interessante Spieler: Stürmer Julian Schieber hat sich als Leihspieler in Nürnberg in der vergangenen Saison deutlich weiterentwickelt. In der Vorbereitung litt er aber immer wieder unter Wehwehchen und ist körperlich noch nicht auf der Höhe. Sechser Zdravko Kuzmanovic gehörte ebenso wie Spielmacher Tamas Hajnal zu den Erfolgsgaranten in der vergangenen Rückrunde. „Königstransfer“ William Kvist (kam für 3 Mio. Euro vom FC Kopenhagen) soll auf Anhieb in der Mittelfeldzentrale Verantwortung übernehmen.

Prognose: Der VfB muss zeigen, dass er auch Hinrunde kann. Ansonsten wird es im Schwabenländle schnell unruhig. Die Defensive ist nicht eingespielt und dürfte relativ viel zulassen, die Offensivabteilung sollte jedoch zu den besseren der Liga zählen. Nur wenn der VfB das „Hinrundentrauma“ erfolgreich bekämpfen kann, scheint ein Europapokalplatz möglich. Wahrscheinlicher ist aber, dass man am Ende im Mittelfeld landet. Tipp: Platz 9-12.

TSG 1899 Hoffenheim

Die Hoffnung in Hoffenheim trägt einen Namen: Holger Stanislawski. Der neue Trainer, der nach fast 20 Jahren als Spieler, Manager und Trainer beim FC St. Pauli das Kontrastprogramm angetreten hat und ins beschauliche Kraichgau gewechselt ist, soll den Klub von Mäzen Dietmar Hopp aus dem grauen Mittelmaß herausführen. Die Konzepte der Vergangenheit haben nicht mehr gefruchtet (bzw. waren nicht mehr zu erkennen), statt begeisterndem Tempofußball bietet die TSG seit zweieinhalb Jahren nur noch biederen Durchschnitt.

Der Kader hat sich kaum verändert. Das liegt zum einen daran, dass man dem vorhandenen Spielermaterial vertraut. Zum Zweiten ist bei der TSG die Zeit der großen Transfers abgelaufen. Immerhin gilt seit dem 1.7.2011 der Bemessungszeitraum für das Financial Fair Play (auch wenn im Ausland gerade so sorglos eingekauft wird, als gäbe es keinen von oben verordneten Sparkurs). Und drittens soll der Verein nach den Vorstellungen von Dietmar Hopp allmählich lernen, ohne weitere Finanzspritzen über die Runden zu kommen.

Die großen Hoffnungsträger sind ausgerechnet zwei, die in der Vergangenheit enttäuscht haben: Der Nigerianer Chinedu Obasi ist bei aller Klasse aufgrund von Verletzungen in den letzten zwei Jahren nicht mehr richtig in die Gänge gekommen. Dann wäre da noch der Niederländer Ryan Babel (im Winter für 7 Millionen Euro aus Liverpool geholt), der eine ganz schwache erste Halbserie im Trikot der Kraichgauer gespielt hat. Trainer Stanislawski baut jedoch voll auf den schnellen Außenstürmer, sieht ihn vom Potenzial auf einer Ebene mit Arjen Robben und Franck Ribéry. Babel wird das Vertrauen seines Trainers rechtfertigen müssen.

Interessante Spieler: Neben den bereits genannten Obasi und Babel sollte man Roberto Firmino im Auge haben. Der 19-jährige Brasilianer zeigte zum Ende der vergangenen Saison stark ansteigende Form und hat im Kampf um die Zehnerposition allem Anschein nach die Nase vorn gegenüber dem nicht minder talentierten Isländer Gylfi Sigurdsson, der ein brandgefährlicher Freistoßschütze ist.

Prognose: Mit Ausnahme von David Alaba hat kein Stammspieler Hoffenheim verlassen. Die geringe Fluktuation und die Tatsache, dass der „Dorfverein“ traditionell gut in die Saison startet, sprechen für eine erfolgreiche Hinrunde. Trainer Stanislawski muss nun zeigen, dass er im Gegensatz zu seinen Vorgängern Rangnick und Pezzaiuoli die unbestrittene Qualität im Kader auch in gute Ergebnisse in der Rückserie ummünzen kann. Klappt es mit „Stani“, dem Gegenentwurf zu Rangnick nicht, wird Hoffenheim wohl auf absehbare Zeit zur grauen Maus mutieren. Im Pokal tat man sich bei Sechstligist Windeck extrem schwer (3:1 n.V.), dennoch lautet mein Tipp Platz 6-9.

1.FC Köln

Auch in der Domstadt ist der neue Trainer die wichtigste Neuverpflichtung. Der Norweger Stale Solbakken hat sich beim FC Kopenhagen national (5 Meistertitel) wie international (Einzug ins Champions League-Achtelfinale) einen Namen gemacht. Der Wunschtrainer von Sportdirektor Volker Finke genießt das volle Vertrauen seines Chefs und soll endlich Ruhe und Kontinuität beim FC reinbringen. Auf dieser Basis will man die Mannschaft kontinuierlich weiterentwickeln, um den Abstand zu den Europapokalanwärtern zu verkürzen.

Der große Brennpunkt war die Absetzung des kölschen Idols und 89-fachen Nationalspielers Lukas Podolski als Kapitän. Ob Solbakken/Finke sich mit dieser Maßnahme ins Knie geschossen oder die Weichen für eine erfolgreiche Saison gestellt haben, lässt sich heute noch nicht beurteilen. Die erste Woche nach dem „Knall“ verlief jedenfalls für Kölner Verhältnisse ruhiger als erwartet.

Die Mannschaft verfügt über eine namhafte Achse. Spieler wie Rensing, Geromel, Riether, Podolski oder Novakovic würden vielen Klubs in der Liga gut zu Gesicht stehen. Mau wird es vor allem im Sturm, wo es zu „Poldi“ und „Nova“ keine ernsthaften Alternativen gibt. Auch die Außenbahnen sind qualitativ und/oder quantitativ suboptimal besetzt.

Interessante Spieler: Lukas Podolski gilt als überaus harmonie- und pflegebedürftiger Spieler. Ob er von Solbakken und Finke diese Zuneigung erhält, ist fraglich. „Poldi“ muss nach seiner Degradierung zeigen, dass er mit seinen 26 Jahren ein echter Mann geworden ist, der seine Leistung auch dann bringen kann, wenn er nicht gestreichelt wird. Sascha Riether soll der Taktgeber im Mittelfeld werden. Auch wenn er in den Tests nicht vollends überzeugte, wird Solbakken seinem Schlüsselspieler die nötige Geduld entgegen bringen. Vom albanischen Flügelspieler Odise Roshi (19) schwärmen sie am Geißbockheim. Der ablösefreie Neuzugang könnte zur Entdeckung auf den eher dünn besetzten Außenpositionen werden.

Prognose: Die starke Rückrunde 2010/11 mit 29 Punkten und die Verpflichtung eines namhaften Trainers haben bei einigen Anhängern schon zu den üblichen Europapokal-Träumen geführt. Davon kann keine Rede sein. Der FC braucht zuallererst einmal einen soliden Saisonstart. Das würde auch die Position des neuen Trainers festigen und einer neuen Poldi-Debatte vorbeugen. Unter dieser Voraussetzung scheint ein einstelliger Tabellenplatz möglich. Startet man aber schlecht, herrscht in Köln schnell wieder Weltuntergangsstimmung. Tipp: Platz 9-12.

SC Freiburg

Trotz des Verbleibs von Top-Torjäger Papiss Cissé und eines sehr guten neunten Platzes 2010/11 gehören die Breisgauer auch in der kommenden Saison wieder zu den ersten Anwärtern auf den Abstieg. Immerhin zählt man rein wirtschaftlich zu den kleinen Fischen in der Liga, nicht von ungefähr wird in Freiburg jedes Jahr im Oberhaus als Geschenk betrachtet.

Zur Rolle des Underdogs trägt sicher auch der Wechsel auf der Trainerposition bei. Robin Dutt, der sich in vier Jahren beim SCF einen exzellenten Ruf in der Branche aufgebaut hat, trainiert nun Champions League-Teilnehmer Bayer Leverkusen. Sein Nachfolger ist – typisch Freiburg – keiner der zahllosen arbeitslosen Trainer mit X Bundesligastationen, sondern der weitgehend unbekannte Marcus Sorg. Der 45-jährige hat bislang im Juniorenbereich bzw. im unterklassigen Seniorenbereich gearbeitet und sich über seine Arbeit in der Zweiten Reihe beim SCF für den Posten des Cheftrainers empfohlen. Da er Stallgeruch hat, dürfte sich an der Spielphilosophie des Teams also nicht viel ändern.

Große Transfers gab es standesgemäß nicht. Der Schweizer Beg Ferati wurde als Ersatz für den ebenfalls nach Leverkusen abgewanderten Innenverteidiger Ömer Toprak verpflichtet, Stürmer Garra Dembelé aus Mali (Torschützenkönig der bulgarischen Liga mit 26 Treffern) wurde als Partner respektive Nachfolger von Papiss Cissé verpflichtet.

Interessante Spieler: Nach seinen 22 Treffern aus der Vorsaison hängen die Trauben hoch für Torjäger Cissé. Der Senegalese muss nun rechtfertigen, dass der Verein gut daran getan hat, ihn nicht zu verkaufen. Auch Torhüter Oliver Baumann muss sich nach seiner herausragenden Premierensaison stabilisieren.

Prognose: Die Mannschaft ist weitgehend eingespielt, auch der Trainerwechsel sollte reibungslos verlaufen. Allerdings war beim SCF in der letzten Rückrunde die Luft deutlich raus. Es bleibt abzuwarten, ob dies nur daran lag, dass es sportlich um nichts mehr ging, oder ob die Mannschaft nicht vielmehr in der Hinrunde über ihren Verhältnissen gespielt hat. So oder so hängt viel von der Form von „Lebensversicherung“ Cissé ab. Fällt er in ein Loch oder wechselt er doch noch bis zum Ende der Transferperiode, wird es sehr eng für den SCF. Tipp: Platz 14-18.

Hamburger SV

„Alles neu“ lautet die Devise beim Bundesliga-Dino. Unter der Führung von Sportdirektor Frank Arnesen und Trainer Michael Oenning haben die Hamburger den großen Umbruch vollzogen. Kein Wunder, belegten die Nordlichter beim Personaletat seit Jahren einen Champions League-Platz, landeten in der Realität aber nur in der Europa League – und seit zwei Jahren noch nicht einmal mehr dort.

Nun folgte der schmerzhafte, aber wirtschaftlich nötige Cut. Großverdiener wie Ruud van Nistelrooy, Piotr Trochowski, Zé Roberto, Frank Rost oder Joris Mathijsen sind weg, andere wie Mladen Petric (Vertragsverlängerung scheint ausgeschlossen) oder Paolo Guerrero (begehrt nach guter Copa America) könnten ihnen noch folgen. Der HSV ist gerade dabei, sich gesund zu schrumpfen und eine neue Mannschaft aufzubauen. Diese soll vor allem von (Ex-)Nationalspieler Heiko Westermann, Altstar David Jarolim und Nationalspieler Dennis Aogo geführt werden.

Die Neuen kommen fast ausschließlich vom FC Chelsea, dem Ex-Arbeitgeber von Sportdirektor Arnesen. Direkt in der Mannschaft Fuß fassen sollen die beiden Verteidiger Michael Mancienne (englischer U21-Nationalspieler) und Jeffrey Bruma (niederländischer Nationalspieler). Auch der Deutsch-Türke Gökhan Töre kam von den „Blues“, er zählte zu den positiven Erscheinungen in der Vorbereitung. Der norwegische Mittelfeldspieler Per Skjelbred stößt erst nach dem 1. Spieltag zur Mannschaft und wird womöglich noch Zeit brauchen, ist aber aufgrund seiner Flexibilität ein Kandidat für die erste Elf.

Interessante Spieler: Viele Hoffnungen ruhen auf dem jungen Koreaner Heung-Min Son, der bereits in der vergangenen Saison starke Ansätze gezeigt hatte. Außenstürmer Eljero Elia muss zeigen, dass das Spieljahr 2010/11 nur ein böser Ausrutscher war. An guten Tagen ist er einer der besten Flügelspieler in der Liga. Gökhan Töre absolvierte in der Vorbereitung viele Spiele vom Anpfiff weg auf der Position hinter der einzigen Spitze.

Prognose: Die Fluktuation beim HSV ist so groß wie bei keinem anderen Bundesligisten. Auf eine junge, nicht eingespielte Mannschaft zu setzen ist riskant, aber alle Male besser als mit einer renovierungsbedürftigen Truppe weiterzuwursteln (Werder Bremen?). Die Erwartungen im Umfeld sind niedrig wie lange nicht mehr. Auch der Fakt, dass sich Arnesen explizit für Michael Oenning als Trainer für den Aufbau einer neuen Mannschaft ausgesprochen hat, spricht dafür, dass man auch bei einem mäßigen Start in die Saison nicht in Panik verfällt. Die Mannschaft ist talentiert, aber letzen Endes eine einzige Wundertüte. Bei keinem anderen Erstligisten fällt die Prognose so schwer. Vom Europacup bis zum Abstiegskampf scheint alles möglich. Wahrscheinlicher ist aber ein Mittelfeldplatz. Tipp: Platz 7-10.

1.FC Kaiserslautern

In der Pfalz sollte man sich nicht vom 7. Platz im Endklassement 2010/11 blenden lassen. Noch am 30. Spieltag war der FCK in akuter Abstiegsgefahr und hat diese gute Endplatzierung den knappen Abständen im Mittelfeld der Tabelle sowie einem Schlussspurt zu verdanken. Doch vom Europacup träumen in Kaiserslautern tatsächlich nur die kühnsten Optimisten.

Eine Personalie wiegt besonders schwer: der Abgang von 16-Tore-Mann Srdjan Lakic nach Wolfsburg – und das auch noch ablösefrei. Für die Nachfolge des Kroaten hat der FCK gleich mehrere Kandidaten geholt: Der von vielen anderen Vereinen umworbene Israeli Itay Schechter (2,5 Mio. Euro Ablöse) ist sicherlich der erste Anwärter auf das Lakic-Erbe. Konkurrenz erhält er durch den Ex-Duisburger Dorge Kouemaha und Richard Sukuta-Pasu (21), der ein wenig Gefahr läuft, eine „Benni-Auer“-Karriere hinzulegen: In der Jugend top, bei den Senioren aber nur von mittlerer Qualität. Für das Mittelfeld wurden Schechters Landsmann Gil Vermouth und Duisburgs Olcay Sahan geholt. Auch diese beiden sind eher offensiv orientiert.

Interessante Spieler: Tobias Sippel, Ivo Ilicevic und Thanos Petsos füllten – Achtung, Zote – das Sommer-Loch durch die so genannnte „Puff-Affäre“. Während Ilicevic und Petsos wohl gute Karten auf einen Stammplatz haben, muss sich der im Verlauf der letzten Saison zur Nummer zwei degradierte Keeper Sippel zunächst hinten anstellen. Christian Tiffert, im Vorjahr bester Vorbereiter der Liga und neuer FCK-Kapitän, wird ein entscheidender Faktor für das Wohl und Wehe des Vereins sein. Stürmer Itay Schechter muss beweisen, dass der FCK bei der Suche nach dem Lakic-Nachfolger auf den richtigen Mann gesetzt hat. Bislang haben jedenfalls nicht viele Spieler den Sprung von der israelischen in die deutsche Liga geschafft.

Prognose: Hinten fast alles beim Alten, vorne fast alles neu. Die 51 Gegentore aus dem Vorjahr waren unterer Durchschnitt. Eine Wiederholung dieser Quote sollte normalerweise reichen, um die Klasse zu halten – wenn vorne jemand auch ein paar Bälle reintut. Die Neuen in der Offensive müssten schon voll einschlagen, damit der FCK sich aus dem Gröbsten heraushält. Auch die Korsettstangen der Vorsaison wie Tiffert oder Ilicevic müssten ihre Leistung bestätigen. Ziemlich viele Konjunktive, daher vermute ich, dass es für den FCK schwer wird. Tipp: Platz 13 – 18.

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