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Aug
22

Vorschau auf die Bundesliga-Saison 2012/13 – Teil 3

Die 50. Bundesliga-Saison steht vor der Tür. Im dritten Teil der Aktives Abseits-Saisonvorschau 2012/13 widme ich mich dem 1. FC Nürnberg, Werder Bremen, dem VfL Wolfsburg und Hannover 96.

1. FC Nürnberg

Beim „Glubb“ hat man sich längst daran gewöhnt, seinen besten (Leih-)Spielern im Frühling brav zuzuwinken und sich zur neuen Saison um Ersatz kümmern zu müssen. In den letzten beiden Jahren ist das dem Verein so gut gelungen, dass man dank starker Zwischenspurts den Abstiegskampf frühzeitig als interessierter Außenstehender begutachten konnte.

Verglichen mit dem Vorjahr, als man den Abgang von Gündogan, Schieber und Ekici verkraften musste, ist der FCN in diesem Sommer verhältnismäßig glimpflich davongekommen. Für Innenverteidiger Philipp Wollscheid gab es zumindest gutes Geld (5 Mio. aus Leverkusen), der zum VfB Stuttgart zurückgekehrte Daniel Didavi verpasst aufgrund eines Knorpelschadens die komplette Hinrunde und wäre somit auch für Nürnberg keine Hilfe gewesen. Als schmerzlich könnte sich die Trennung von Innenverteidiger Dominic Maroh erweisen, mit dem man trotz guter Rückrundenleistungen nicht verlängerte. Mit Mittelfeldspieler Jens Hegeler kehrt ein weiterer Leistungsträger nach zwei Jahren Leihe zurück zu Bayer Leverkusen.

Dafür machen aber auch die Neuen auf den ersten Blick weniger Eindruck als in den Vorjahren. Timo Gebhart (23, offensives Mittelfeld), der für 1 Mio. Euro vom VfB Stuttgart kam, war in der Vergangenheit oft zu verspielt und entwickelte sich zuletzt sogar zurück. Der Japaner Hiroshi Kiyotake (22, offensives Mittelfeld, 1 Mio. Euro Ablöse) wird natürlich bereits mit Shinji Kagawa verglichen. Und auch wenn sich in den letzten Jahren relativ viele Japaner in der Bundesliga durchgesetzt haben (Kagawa, Okazaki, Sakai, Hasebe), muss man Kiyotake Zeit geben – zumal er wegen des Olympischen Fußballturniers fast die gesamte Vorbereitung verpasste. Im Sturm, wo man sich mit Albert Bunjaku und Christian Eigler von zwei Ergänzungsspielern getrennt hat, soll Wolfsburg-Leihgabe Sebastian Polter (21) dem im Sturmzentrum gesetzten Tomas Pekhart (23) Druck machen. Über das Wohl und Wehe des FCN entscheidet in dieser Saison aber vermutlich, wie sich der neue Innenverteidiger Marcos Antonio (29, ablösefrei von Rapid Bukarest) einfindet.

Brennpunkt Abwehr: Die Innenverteidigung ist nämlich das Sorgenkind einer ansonsten sehr ausgewogen besetzten Mannschaft. Mit Marcos Antonio, Timm Klose und Per Nilsson verfügt der 1. FC Nürnberg nur noch über drei gelernte Innenverteidiger. Klose und Nilsson erwiesen sich in der Vergangenheit in ihren Leistungen als allzu sprunghaft – weswegen in der Rückrunde 2011/12 die Innenverteidigung Wollscheid/Maroh hieß. Beide sind nun weg. Marcos Antonio wird von Trainer Dieter Hecking zwar mit Vorschusslorbeeren überhäuft, doch der Brasilianer verbrachte den Großteil seiner Karriere in den international zweitklassigen Ligen Portugals, Griechenlands und Rumäniens. Wenn das mal gut geht…

Interessante Spieler: Marcos Antonio soll im Idealfall direkt zum Abwehrchef avancieren. Hiroshi Kiyotake, Timo Gebhart und Alexander Esswein bilden eine spielstarke Dreierreihe im offensiven Mittelfeld. Doch sind sie auch torgefährlich genug? Daniel Didavi hat in diesem Bereich eine Lücke hinterlassen, die gefüllt werden muss. In puncto Torgefahr hat auch der tschechische Nationalstürmer Tomas Pekhart in seinem zweiten Bundesligajahr noch Luft nach oben.

Prognose: Die Abwehr ist das Zünglein an der Waage. Der Club hatte im Vorjahr den viertschwächsten Angriff der Liga, allein dank der stabilen Defensive sicherte man sich letztlich souverän den Klassenerhalt. Die Innenverteidiger Timm Klose und Per Nilsson müssen sich steigern, Marcos Antonio muss sich schnell an die Bundesligaluft gewöhnen, ansonsten kann es eng werden. Tipp: Nürnberg zählt nicht zu den Abstiegsfavoriten, wird aber auch Platz 10 aus dem Vorjahr nicht mehr wiederholen können.

Werder Bremen

Noch Anfang Juli habe ich Werder zum „Geheimfavoriten“ auf den Abstieg erkoren, was mir immerhin eine Erwähnung im kicker-Sonderheft eingebracht hat. Mittlerweile würde ich nicht mehr ganz so schwarz malen, rosig sind die Aussichten des SVW nach den Eindrücken der schwachen Rückrunde der Vorsaison und der Fluktuation im Kader aber ebenso wenig.

Das zweite Jahr ohne Europapokaleinnahmen hat die Hanseaten zum Umbruch gezwungen. Mit Marko Marin (23) hat man einen teuren Spieler, der sich nicht mehr weiterentwickelt hat, für 8 Mio. Euro an den FC Chelsea weitergereicht. Der stets wechselwillige und regelmäßig verletzte Naldo (29) ist für 5 Mio. Euro nach Wolfsburg gegangen. Für die teuren Stars Tim Wiese (30), Claudio Pizarro (33), Markus Rosenberg (29), Tim Borowski (32), Sebastian Boenisch (25) und Mickael Silvestre (34) konnte man zwar keine Ablöse erzielen, aber zumindest deren üppige Gehälter einsparen. Zudem war jeder der genannten Herren aus verschiedenen Gründen (Alter, Gehalt, Verletzungsanfälligkeit, Formkrise) entbehrlich geworden.

Unter den Neuen sticht vor allem Eljero Elia (25) hervor. Der Linksaußen kehrt nach einem enttäuschenden Jahr bei Juventus Turin zurück in die Bundesliga. Dass er vor seinem Engagement in Italien beim Erzfeind HSV gekickt hat, dürfte die Werder-Fans weniger stören als der neue Trikotsponsor „Wiesenhof“. Elia ist zuweilen genial, aber allzu oft auch eine lustlose Diva. Bremen ist so ziemlich seine letzte Chance, nachdem er schon in Hamburg und Turin am Ende einen schlechten Eindruck hinterlassen hat.

Mit dem Belgier Kevin de Bruyne (21, offensives Mittelfeld) hat Werder ein europäisches Top-Talent vom FC Chelsea ausgeliehen. Dazu hat man mit EM-Teilnehmer Theo Gebre Selassie (25, Rechtsverteidiger), Assani Lukimya (26, Innenverteidiger) und Leihspieler Nils Petersen (23, Angrifff) für kleines Geld solide bis gute Kräfte geholt.

Interessante Spieler: Sebastian Mielitz (23, Tor) ist nach dem Wiese-Abgang die neue Nummer 1. Als dessen Vertreter hat er häufig überzeugt. Die Offensive mit Linksaußen Elia, Rechtsaußen Arnautovic, Mittelstürmer Petersen und ggf. de Bruyne zentral dahinter, falls Schaaf auf ein 4-2-3-1 setzt, lässt sicher den einen oder anderen Fan von der Rückkehr der früheren Leichtigkeit träumen. Die Vorjahreseinkäufe Mehmet Ekici und Zlatko Junuzovic müssen zulegen. Die Youngster aus dem eigenen Nachwuchs (Füllkrug, Hartherz, Trybull) stehen vor der „schweren zweiten Saison.“

Prognose: Die Mannschaft ist extrem jung, verfügt aber über viele Spieler mit Talent. Genauso fehlte es vielen Akteuren im Kader in der Vergangenheit aber an der nötigen Professionalität (Arnautovic, Elia) oder am nötigen Biss (Hunt, Ekici). Hier ist noch viel Luft nach oben. Der Sturm ist mit Nils Petersen, dem enttäuschenden Schweden Denni Avdic und Nachwuchsmann Füllkrug qualitativ und quantitativ dünn besetzt. Die Saison 2012/13 kann daher für Werder nur ein Übergangsjahr sein. Von Europa sollte an der Weser niemand träumen. Spätestens das Pokal-Aus bei Drittligist Münster dürfte allen gezeigt haben, dass man erst mal 40 Punkte sammeln und dann weitersehen sollte.

VfL Wolfsburg

Gerade einmal sieben Neue hat der VfL bislang verpflichtet (gegenüber 20 in der Vorsaison). Für Magathsche Verhältnisse kann man also fast von einer punktuellen Verstärkung des Kaders sprechen. Heißt das, dass Magath seine Mannschaft für stark genug erachtet, um das ausgegebene Ziel Europacup-Qualifikation zu erreichen?

15 Spieler mussten den Verein im Sommer verlassen, doch lediglich Mario Mandzukic (für 13 Mio. Euro zum FC Bayern) war zuvor Stammspieler bei den „Wölfen“. Dafür hat der VfL mit den Stürmern Ivica Olic (32) und Bas Dost (23), den Innenverteidigern Naldo (29) und Emanuel Pogatetz (29), Rechtsverteidiger Fagner (23) und EM-Entdeckung Vaclav Pilar (23) auf Linksaußen für insgesamt knapp 18 Mio. Euro sechs Spieler geholt, die das Zeug zum Stammspieler haben. Letzterer wird aufgrund eines Kreuzbandrisses allerdings erst zur Rückrunde ins Geschehen eingreifen.

Hinzu kommt mit Diego (27) ein weiterer „Neuer“. Nach abgelaufener Leihe bei Atletico Madrid will es Magath noch einmal mit dem divenhaft-genialen Brasilianer versuchen. Der ist ohne Zweifel einer der besten Fußballer der Bundesliga – wenn er motiviert ist und das Vertrauen des Trainers spürt. Im Moment scheint beides zuzutreffen, doch Diego ist ein Lustmensch, und in der Magathschen Gunst sind auch schon viele urplötzlich abgestürzt (Patrick Helmes, Sommer 2011) oder aufgestiegen (Patrick Helmes, Frühjahr 2012).

Ausgerechnet Patrick Helmes (28), der in der vergangenen Rückrunde starke 10 Treffer erzielte, fällt wegen eines Kreuzbandrisses die komplette Hinrunde aus. Doch auch so kann die Offensive zum Prunkstück der Wölfe werden: mit Diego, mit Olic, der nach zwei Jahren im Lazarett bzw. auf der Bayern-Bank wieder heiß ist und mit Bas Dost, der in der letzten Saison mit 32 Treffern Torschützenkönig der niederländischen Eredivisie war.

Interessante Spieler: Naldo und Pogatetz zählten in Bremen bzw. Hannover zu den besten Innenverteidigern der Liga. Wenn sie zusammenfinden und verletzungsfrei bleiben, dürfte die zuletzt löchrige Wolfsburger Abwehr deutlich sicherer stehen. Christian Träsch hat eine Horrorsaison hinter sich: Binnen eines Jahres mutierte er vom Kapitän und Nationalspieler zum Bankdrücker und Sündenbock. Findet er noch einmal in die Spur? Bas Dost muss zeigen, dass er als niederländischer Torschützenkönig eher in die Fußstapfen großer Vorgänger wie Huntelaar und van Nistelrooy treten kann. Andere, wie Nikos Machlas, Mateja Kezman oder Afonso Alves haben sich für internationale Top-Ligen als zu schwach erwiesen. Last but not least: Diego. Der Brasilianer ist im besten Fußballeralter und müsste nach drei Jahren unter Wert allmählich noch einmal einen „raushauen“. In zwei Jahren ist schließlich WM in seinem Heimatland. Da wäre er bestimmt gerne dabei…

Prognose: Nachdem ich Wolfsburg in den letzten beiden Spielzeiten bereits für die Champions League-Qualifikation auf dem Zettel hatte, bin ich dieses Jahr etwas defensiver. Der Kader hat zwar ein riesiges Potenzial, doch das Gebilde ist auch durchaus fragil. Bei fast 40 Spielern ist Unzufriedenheit vorprogrammiert. Und wer weiß, wie Magath auf Niederlagen reagiert – und wie seine Stars auf (vermeintliche) Degradierungen reagieren. Dennoch: Die Mannschaft spielt von Beginn an um die Europapokalplätze mit und belegt am Ende Platz 4 bis 7.

Hannover 96

Der vierte Platz 2011 war eine Riesen-Sensation, doch für die Bestätigung dieser Leistung mit dem Einzug in Europa League-Viertelfinale und der erneuten Qualifikation für das internationale Geschäft muss man Hannover 96 fast noch mehr Respekt zollen. Die Mannschaft hat sich etabliert im Kreis der Europapokal-Anwärter.

Zwar ist 96 immer noch eine Mannschaft ohne echte Stars, doch viele Spieler von gutem Bundesliganiveau, die füreinander kämpfen, ergeben eben auch ein starkes Team. Insofern ist es nicht verwunderlich, dass die Niedersachsen auf dem Transfermarkt defensiv agiert haben. Für den nach Wolfsburg abgewanderten Innenverteidiger Emanuel Pogatetz hat man mit dem Brasilianer Felipe (25, kam für 2,5 Mio. Euro aus Lüttich) einen 1:1-Ersatz bekommen. Scouten konnte man den guten Mann auch ausreichend: Die Paarung Hannover – Lüttich gab es in der vergangenen EL-Saison viermal. Weitere Neue sind Rückkehrer Szabolcs Huszti (29, Linksaußen, für 0,75 Mio. Euro aus St. Petersburg), der zwischen 2006 und 2009 81-mal für 96 auflief und seinerzeit einer der verlässlichsten Scorer im Kader war. Der Japaner Hiroki Sakai (22, Rechtsverteidiger, 1,2 Mio. Euro Ablöse) und der Schweizer Adrian Nikci (22, Rechtsaußen, 0,6 Mio. Euro Ablöse) sollen den Arrivierten auf ihren Positionen Druck machen.

Stärken: Hannover ist in der vergangenen Saison als einziger Erstligist ohne Heimniederlage geblieben. Die AWD-Arena ist eine echte Festung. Der Angriff ist mit Mame Diouf (24), Mo Abdellaoue (26), Didier Ya Konan (28) und Jan Schlaudraff (29) überdurchschnittlich gut besetzt. Überhaupt gibt es auf fast jeder Position zwei gleichwertige Alternativen. Diese Leistungsdichte gleicht den Mangel an absoluten Top-Spielern aus, welche das Mannschaftsgefüge womöglich aus dem Gleichgewicht bringen würden.

Interessante Spieler: Keeper Ron-Robert Zieler (23) scheint die neue Nummer 2 im deutschen Tor zu sein. Damit stehen seine Leistungen noch mehr im Blickpunkt. Sechser Leon Andreasen (29) ist nach einem dreijährigen Verletzungsmarathon wieder fit und drängt vehement in die Startelf.

Prognose: Die Mannschaft ist eingespielt, hat zudem gezeigt, dass sie die „Belastung“ Europapokal verkraftet. Hannover ist auch in der kommenden Saison wieder ein ernsthafter Anwärter auf einen Europa League-Platz.

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