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Aug
07

Vorschau auf die Bundesliga-Saison 2013/14 – Teil 2

Die Bundesliga-Saison 2013/14 steht vor der Tür. Wie stehen die Chancen vom VfB Stuttgart, VfL Wolfsburg, 1. FC Nürnberg, Hannover 96, Borussia Mönchengladbach und vom Hamburger SV? Für welchen der Mittelfeldklubs aus dem Vorjahr geht es in der 51. Spielzeit nach oben? Und wer sollte besser mal nach unten gucken?

VfB Stuttgart: Die Spitze in der Breite ist dichter geworden

Wären der Einzug ins Pokalfinale gegen Bayern München und die damit verbundene Qualifikation für die Europa-League nicht gewesen, hätte man in Stuttgart zuletzt von einer Katastrophensaison sprechen müssen. Besonders Platz 12 in der Liga mit dem Vereinsminusrekord von nur 37 Treffern war ernüchternd. Doch es gibt auch positive Nachrichten aus Schwaben: Im Konsolidierungskurs ist die Talsohle durchschritten, wirtschaftlich ist der VfB wieder auf einem guten Weg.

Doch Schwaben wären nicht Schwaben, wenn sie nicht ein Auge für Schnäppchen hätten. So hat Manager Fredi Bobic (41) in diesem Jahr besonders fleißig und frühzeitig seine Hausaufgaben gemacht und sämtliche Neuen weit vor dem Trainingsstart verpflichtet – die meisten davon ablösefrei. Nur für Stürmer Mo Abdellaoue (27, für 3,5 Millionen Euro aus Hannover gekommen) und Mittelfeldtalent Moritz Leitner (20, für 500.000 Euro bis 2015 aus Dortmund ausgeliehen) hat Bobic Geld in die Hand genommen. Defensivallrounder Daniel Schwaab (24, Leverkusen) kam ebenso gratis wie Linksfuß Konstantin Rausch (23, Hannover) und die zunächst wohl als Ergänzungsspieler eingeplanten Thorsten Kirschbaum (26, Cottbus, Tor) sowie die Außenstürmer Sercan Sararer (23, Fürth) und Marco Rojas (21, Melbourne).

Zugleich hat kein Stammspieler den Klub verlassen. Fazit: In der Spitze wie in der Breite ist die Elf von Bruno Labbadia (47) stärker geworden. Damit haben die Schwaben, die in der Vorsaison 54 Pflichtspiele in Liga, Pokal und Europa League bestritten, das Problem des dünnen Kaders behoben. Nun ist jede Position mindestens doppelt besetzt. Das macht den VfB wieder zu einem Kandidaten für die obere Tabellenhälfte – mindestens.

Interessante Spieler: Leitner wurde in Dortmund stets hochgelobt, stand aber oft im Schatten von Gündogan oder Sahin. Nun kann und muss sich der U-21-Nationalspieler beweisen. Torjäger Vedad Ibisevic (29), der in der Endphase der Vorsaison überspielt wirkte, hat mit dem wiedergenesenen Cacau (32) und Neuzugang Abdellaoue zwei Konkurrenten respektive Partner hinzugewonnen. Auf lange Sicht dürfte das dem VfB zugutekommen.

Prognose: Die Mannschaft ist qualitativ, quantitativ und auch von der Altersstruktur sehr ausgewogen besetzt. Die Dreifachbelastung darf nun keine Spuren mehr hinterlassen. Der VfB greift die Europa-League-Plätze dieses Mal über die Liga an. Tipp: Platz 5 bis 8.

VfL Wolfsburg: Europa ruft – kommt Wolfsburg?

Auch wenn es kaum jemand bemerkt hat: Trotz Rang 11 im Abschlussklassement zeigte der Trend beim VfL Wolfsburg zum Ende der Vorsaison deutlich nach oben: Die Elf von Dieter Hecking (48) verlor 2012/13 keines seiner letzten zehn Ligaspiele. Dieser Umstand und der Fakt, dass Sportdirektor Klaus Allofs den von seinem Vorgänger Felix Magath heillos aufgeblähten Kader um mehr als ein Drittel auf eine gesunde Größe von 28 Spielern reduzieren konnte, machen den VfL für die neue Saison gefährlich.

Neu in der Autostadt ist, dass fast niemand neu ist. Mit Innenverteidiger Timm Klose (25, für 6 Millionen Euro aus Nürnberg gekommen) und Linksaußen Daniel Caligiuri (25, für 2,5 Millionen Euro aus Freiburg gekommen) haben die „Wölfe“ nur zwei teure Transfers getätigt. Mit dem für 18 Monate nach Augsburg verliehenen Ja-Cheol Koo (24) ist zudem ein potenzieller Stammspieler für das defensive Mittelfeld zurückgekehrt. Daneben wurde heftig ausgemistet: vier Spieler wurden ausgeliehen, 16 mussten ihre Koffer ohne Rückfahrtschein packen.

Nun hat der Deutsche Meister von 2009 erstmals seit Jahren wieder eine Mannschaft beisammen, die nicht nur große Namen vereint (u.a. Benaglio, Naldo, Diego, Olic, Helmes, Perisic), sondern auch noch Leute in der Hinterhand weiß, allen voran Supertalent Maximilian Arnold (19). Lediglich die defensiven Außenbahnen scheinen dünn besetzt, zudem haben die Angreifer Patrick Helmes (29) und Bast Dost (24) noch Luft nach oben.

Interessante Spieler: Das Hickhack um Spielmacher Diego (28) scheint beendet. Der Brasilianer bleibt wohl mindestens noch ein Jahr in der Autostadt und soll die VW-Elf nach vier Jahren Abstinenz wieder nach Europa führen. Timm Klose war der Wunschspieler von Hecking, der den Schweizer schon in Nürnberg trainiert hatte. Für den 25-Jährigen, der 2014 ablösefrei zu haben gewesen wäre, haben die Wölfe viel Geld locker gemacht. Talent Arnold war einer der Gewinner der Rückrunde. Der 19-Jährige wurde von Sportdirektor Allofs nicht ganz zu Unrecht schon mit Julian Draxler und Mario Götze verglichen. (Hier ist jedoch Vorsicht geboten: Anfang 2012 sagte Allofs, dass „Tom Trybull im Mittelfeld des FC Barcelona nicht negativ auffallen“ würde…).

Prognose: Ambitioniert sind die Wölfe seit dem Bundesligaaufstieg vor 16 Jahren, doch dieses Mal scheint hinter den Ambitionen auch etwas zu stecken. Ein guter Start vorausgesetzt, erreicht der VfL die Europa League. Tipp: Platz 5 bis 8.

1. FC Nürnberg: Weinrot-graue Maus

Der 1. FC Nürnberg ist, wider seiner bewegten Historie, seit ein paar Jahren ein Musterbeispiel für Besonnenheit. Seit dem Wiederaufstieg 2009 backt der Club kleine Brötchen, muss immer wieder seine besten Spieler abgeben, ersetzt diese preisgünstig – und hält trotzdem erstaunlich souverän die Klasse. Manch einer mag das als langweilig bezeichnen. Doch nüchtern betrachtet führt an dieser Politik kaum ein Weg vorbei.

So auch in diesem Jahr: Mit Timmy Simons (36, FC Brügge) musste man einen zwar alten, aber für die Mannschaft extrem wichtigen Spieler ziehen lassen. Für Abwehrchef Timm Klose (25, für 6 Millionen Euro nach Wolfsburg verkauft) erhielt der FCN ein Jahr vor Vertragsende immerhin noch ein nettes Sümmchen. Im Gegenzug kam mit dem in Wolfsburg aussortierten Emanuel Pogatetz (31) ein Spieler, der Klose (positionsgetreu) und Simons (Führungsqualitäten) zumindest in Teilen ersetzen kann und soll. Geld in die Hand nahm Manager Martin Bader (45) im Offensivbereich: Mit Daniel Ginczek (22, kam für 1,5 Millionen Euro von Borussia Dortmund, war zuletzt an den FC St. Pauli ausgeliehen) kam einer der Top-Angreifer der vergangenen Zweitligasaison. Er soll die seit Jahren schwache Franken-Offensive bissiger machen. Unterstützen soll ihn dabei der Schweizer Nationalstürmer Josip Drmic (20, für 2,2 Millionen Euro vom FC Zürich gekommen), der bevorzugt über die linke Seite angreift und dem ewigen Talent Alexander Esswein (23) Konkurrenz machen soll.

Die Innenverteidigung, in der Pogatetz und Per Nilsson (30) mangels starker Konkurrenz gesetzt scheinen, ist neben dem wenig treffsicheren Angriff die Schwachstelle des „Glubb“, der im kompakten Mittelfeld eine gute Mischung aus Kämpfern und Technikern hat.

Interessante Spieler: Ginczek schlug in den letzten zehn Partien der Zweitligasaison 2012/13 für St. Pauli elfmal zu, auch in der Vorbereitung knipste der U-21-Nationalspieler fleißig. Pogatetz wurde gleich bei seiner Verpflichtung zum Führungsspieler erkoren. Eine Bürde, die der „Mad Dog“ gewiss annehmen wird. Ob er sie aber auch ausfüllen kann? Eigengewächs Niklas Stark (18) ist defensiv vielseitig einsetzbar und könnte zur Überraschung werden.

Prognose: Das Pokalaus bei Zweitligist SV Sandhausen hat gezeigt, dass Nürnberg gerade in der Offensive immer noch nicht die nötige Kreativität und Durchschlagskraft besitzt. Dieses Manko lässt sich nicht kurzfristig abstellen. Deswegen wäre eine Wiederholung von Platz zehn schon als Erfolg zu werten. Tipp: Der Club landet auf Platz 11 bis 14.

Hannover 96: Auf der Suche nach der Balance

Nach zwei Europapokalteilnahmen in Folge musste man die offensivstarken 96er vor der Vorsaison sogar zu den Champions-League-Anwärtern zählen. Der Angriff (60 Tore) hielt, was er versprach, die Defensive (62 Gegentore) nicht. So blieb ein ernüchternder, aber leistungsgerechter neunter Platz. Ob 2013/14 mehr geht?

In der Vorbereitung waren phasenweise 14(!) Profis gleichzeitig verletzt. Die Wechselgerüchte um Torjäger Mame Diouf (25) sorgten ebenfalls nicht für Ruhe in einem Kader, der auf 17 Positionen (sechs Neuzugänge, elf Abgänge) verändert wurde. Potenzielle Stammspieler wie Mario Eggimann (32, Union Berlin) und Sergio da Silva Pinto (32, UD Levante) erhielten keine Verträge mehr. Der zuletzt schmollende Angreifer Mo Abdellauoe (27) wurde ein Jahr vor Vertragsende für 3,5 Millionen Euro nach Stuttgart verkauft, dorthin begleitet ihn der ablösefreie Konstantin Rausch (23).

Anstelle dieser gestandenen Recken verpflichtete der neue Manager Dirk Dufner (45) umworbene Talente: Im Kampf um den vielseitigen Mittelfeldspieler Edgar Prib (23, für 2,5 Millionen Euro von Greuther Fürth gekommen) stach Hannover u.a. Vizemeister Borussia Dortmund und Europa-League-Starter Eintracht Frankfurt aus. Aus Dortmund wurde zudem Mittelfeldtalent Leonardo Bittencourt (19/2,8 Millionen Euro Ablöse) geholt. Aus Nancy verpflichteten die Niedersachsen mit Salif Sané (22/2 Millionen Euro Ablöse) den besten Zweikämpfer der abgelaufenen Ligue-1-Saison. Er soll Johan Djourou, dessen Leihgeschäft mit dem FC Arsenal ausgelaufen war, in der Innenverteidigung ersetzen.

96 hat viel Potenzial geholt, auf das sich Trainer Mirko Slomka (45) freuen kann. Die Offensive dürfte auch in der kommenden Saison wie ein Kätzchen schnurren, zumal mit Szabolcs Huszti (30) der langzeitverletzte Top-Vorbereiter wieder fit ist. Einzig die Causa Diouf könnte noch für Wirbel sorgen. Schlechter sieht es in der Defensive aus. Da Silva Pinto war der Schlüsselspieler vor der Abwehr. Für seine Rolle soll Lars Stindl (24), der eigentlich auf der rechten Mittelfeldseite beheimatet ist, umgeschult werden. Auch der nach abermaligem Kreuzbandriss genesene Leon Andreasen (30) könnte diese Position gut ausfüllen – wenn seine Gesundheit denn mitspielt. Damit die Mannschaft weniger Tore kassiert, muss aber auch die Viererabwehr wieder sicherer stehen. Hier hat 96 zwar nicht quantitativ, dafür aber qualitativ noch viel Luft nach oben.

Interessante Spieler: Keeper Ron-Robert Zieler (24) kämpft um seinen Platz im WM-Kader. Er muss eine bessere Saison als Konkurrent Marc-André ter Stegen (Gladbach) spielen, um es nach Brasilien zu schaffen. Neuzugang Sané soll die Abwehr stabilisieren. In der Vorbereitung deutete der Senegalese an, dass er dazu imstande ist. Bittencourt kann sich endlich zeigen, allerdings ist die Konkurrenz im offensiven Mittelfeld groß (Huszti, Prib, Schlaudraff, Stindl, Nikci). Sollte Angreifer Diouf bleiben, spielt er um einen hochdotierten Vertrag – ob bei den Niedersachsen oder anderswo.

Prognose: Die erste Pokalrunde bei Victoria Hamburg (2:0) war keine leichte Geburt, auch in der Vorbereitung gab es einige unschöne Erfahrungen (0:3 gegen PSV Eindhoven, 0:1 gegen Kasimpasa). Nur wenn 96 seine Defensive deutlich stabilisieren kann, ist das ausgegebene Ziel Europa-League-Qualifikation möglich. Sehr viel wahrscheinlicher scheint ein Abschneiden im Mittelfeld. Tipp: Platz 7 bis 10.

Borussia Mönchengladbach: Neue Strahlkraft durch die Neuen?

Nach der glanzvollen Saison 2011/12 mit dem Erreichen des vierten Platzes hatte die Elf vom Niederrhein vor der vergangenen Spielzeit die Erwartungen bewusst kleingehalten. Nach den Abgängen von Marco Reus, Dante und Roman Neustädter landete die Mannschaft von Lucien Favre (55) trotz der insgesamt 31 Millionen schweren Investitionen in Luuk de Jong, Granit Xhaka, Alvaro Dominguez und Peniel Mlapa nur auf dem achten Platz. Der Übergang soll nun abgeschlossen sein.

Manager Max Eberl (39) hat gezielt in die zuletzt zahnlose Offensive investiert und mit Max Kruse (25/für 2,5 Millionen Euro vom SC Freiburg gekommen) und Favres Lieblingsschüler Raffael (28/für 5 Millionen Euro von Dynamo Kiew gekommen) zwei Spieler verpflichtet, die ganz nach dem Geschmack des Trainers sind, der es gerne „polyvalent“ mag. Mit dem aus Leverkusen ausgeliehenen Christoph Kramer (22) ist zudem eine weitere Alternative für das defensive Mittelfeld dazugestoßen. Mit Mike Hanke (29, ablösefrei zum SC Freiburg) hat der Verein nur einen Stammspieler verloren – und das sogar freiwillig. Trotz mehr als ordentlicher Rückrunde wollten Favre und Eberl mit dem bei den Fans beliebten Blondschopf partout nicht mehr verlängern.

Doch auch ohne Hanke scheint die Borussia gut aufgestellt. Fast alle Positionen sind doppelt besetzt. Die Quantität auf ordentlichem Niveau wird zwangsläufig für lange Gesichter sorgen. So zeichnete sich in der Vorbereitung ab, dass Rekordeinkauf de Jong auch im zweiten Jahr einen schweren Stand haben dürfte. Sein Problem (wie auch das von Mlapa): Favre bevorzugt wendige Spieler, die nicht in der Spitze stehen, sondern dorthin stoßen, wie Kruse, Patrick Herrmann (22), Branimir Hrgota (20) oder Amin Younes (20) es können. Hier gilt es für Favre, die Balance zu finden. Mehr Offensivpower als im Vorjahr ist auf jeden Fall vonnöten, wenn die Borussia wieder einen Europapokalplatz erreichen will.

Interessante Spieler: Neu-Nationalspieler Kruse hatte bei seiner Ankunft fast den Status eines Messias. Seine elf Tore und acht Vorlagen aus der vergangenen Saison in Freiburg haben gewaltige Erwartungen geschürt. Offen ist, ob er als falsche Neun oder hängende Spitze agieren darf. Raffael ist des Trainers Liebling. Nach den Stationen Zürich und Berlin hat Favre ihn nun auch nach Gladbach geholt. Der Brasilianer ist ein feiner Spieler, über eine Saison aber zu unkonstant. Leichtgewicht Herrmann soll aufgrund der hinzugewonnenen Alternativen nicht mehr als hängende Spitze „missbraucht“ werden. Auf dem angestammten rechten offensiven Flügel fühlt er sich deutlich wohler. Abwehr-Oldie Martin Stranzl (33) geht voraussichtlich in sein letztes Profijahr. In der Vorsaison stieg er vom guten zweiten Verteidiger zum Abwehrchef bei der Borussia auf. Last but not least: Nach einem überragenden und einem bestenfalls durchschnittlichen Jahr kämpft Keeper Marc-André ter Stegen (21) um seinen Platz im deutschen WM-Kader. Noch scheint er die Nummer drei in Löws Gunst zu sein. Doch diesen Status muss er rechtfertigen.

Prognose: Die abgelaufene Gladbacher Saison war – um die Vogts’sche Tonart zu benutzen – von vorne bis hinten „weder Fich noch Fleich“. Liefert die Borussia erneut kreative Magerkost ab, bleibt Europa ein Fernziel. Das Potenzial für Platz fünf ist aber da – auch, weil die Konkurrenz hinter den großen Vier (Bayern, BVB, Leverkusen, Schalke) kaum stärker zu sein scheint. Allerdings war das Pokal-Aus in Darmstadt ein Dämpfer, den es richtig einzuordnen gilt. Tipp: Platz 5 bis 8.

Hamburger SV: Große Klappe! Ist auch was dahinter?

„Nur der HSV“ war in jeder Bundesligasaison dabei. Dass daraus ein gewisses Selbstverständnis erwächst, ist normal. Wenn man dann auch noch auf eine glorreiche Vergangenheit blicken kann und eine Metropole hinter sich weiß, die Mittelmaß nicht duldet, ist klar, dass auch das Mia-san-Mia-erprobte Trainer-Sportdirektor-Gespann Thorsten Fink/Oliver Kreuzer die Mannschaft eher größer als kleiner redet. Und schon hat man den Salat: Obwohl der HSV in der Saison 2012/13 mit mehr Glück als Verstand den siebten Rang erreicht hat, wird der Schritt in die Top Sechs nun als logisch angesehen. Doch das ist höchst gefährlich.

Denn die Kassen des HSV sind seit Jahren leer. Teure Transfers wie die des (einstigen) Topspielers Rafael van der Vaart (30) oder der Abräumer Petr Jiracek (27) und Milan Badelj (24), die den Verein im Spätsommer 2012 zusammen 21 Millionen Euro kosteten, waren nur mit Hilfe von Investor Kühne zu stemmen. Nach fast einer Handvoll Jahren mit tiefroten Bilanzen waren nun keine großen Sprünge mehr drin. Im Gegenteil: Mit Heung-Min Son (20, für 10 Millionen Euro nach Leverkusen) musste der Verein ein Jahr vor Vertragsende sein größtes Talent verkaufen.

Geholt wurde Mittelklasse: Die Innenverteidiger Lasse Sobiech (22, für 1,2 Millionen Euro von Borussia Dortmund gekommen) und Johan Djourou (26, für 750.000 Euro vom FC Arsenal ausgeliehen) bedeuten gewiss eine Verbesserung zu den Aussortierten Paul Scharner, Michael Mancienne oder Slobodan Rajkovic, die sich in der Vorsaison an Unzulänglichkeiten überboten. Absolutes Top-Niveau stellen sie aber (noch) nicht dar. Und Angreifer Jacques Zoua (21, 1 Million Euro Ablöse), den Fink noch aus seiner Zeit beim FC Basel kennt und schätzt, mag das HSV-Spiel zwar „um eine Facette bereichern“ (O-Ton Fink), ein Torjäger ist der Kameruner aber nicht. Dass der HSV einen solchen noch sucht, spricht für den Realitätssinn der Verantwortlichen, doch sämtliche Wunsch-Kandidaten (u.a. Santa Cruz, Jelavic) gaben den Hanseanten bislang einen Korb. Angreifer, die von ihren Beratern angeboten wurden oder sich selbst ins Gespräch brachten (Almeida, Derdiyok, Petric) wurden als ungeeignet eingestuft. Und so geht die Suche nach der idealen Nummer neun weiter – womöglich bis zum 31.8. Einzig das bereits im Vorjahr verpflichtete Mittelfeldtalent Hakan Calhanoglu (19), das beim Karlsruher SC zum besten Spieler der 3. Liga reifen konnte, verspricht eine große Zukunft. Doch kann er dem Hamburger SV sofort helfen?

Eigentlich kann man den HSV-Verantwortlichen nicht böse sein, wenn sie nach Platz sieben im Vorjahr einen Schritt nach vorne als Ziel ausgeben. Doch die Penetranz, mit der dies entgegen zahlreicher Rückschläge in der Vorbereitung geschah (mit dem 0:4 bei Zweitligist Dresden als Tiefpunkt), lässt Außenstehende glauben, der HSV habe sich in etwas verrannt.

Interessante Spieler: Rafael van der Vaart ist mittlerweile mehr für seine (Noch)-Ehefrau und seine (Noch?)-Freundin bekannt als für sein Fußballspiel. Der einstige Klassekicker scheint mit 30 Jahren seinen Zenit bereits überschritten zu haben. Als Identifikationsfigur ist er immer noch wichtig, doch er muss auch wieder auf dem Platz durch Leistung vorangehen. Der ungelenke Angreifer Artjoms Rudnevs (25) gilt trotz zwölf Saisontreffern 2012/13 und seiner wichtigen Tore im Pokal bei Schott Jena nicht als Liebling des Trainers. Findet der HSV aber keinen „Kracher“ mehr für das Sturmzentrum, dürfte Finks Wohl und Wehe erneut von dem Letten abhängen. Innenverteidiger Heiko Westermann (29) hat die schwächste Saison seiner Karriere hinter sich. Von der Kapitänsbinde „befreit“, muss HW4 zulegen, um nicht von Sobiech ausgestochen zu werden. Hakan Calhanoglu ist ein Juwel. Der Deutsch-Türke bringt alles mit. Doch wenn es drunter und drüber gehen sollte, könnte es für das Mittelfeldtalent bei allen Anlagen ein schwieriges erstes Bundesligajahr werden.

Prognose: „Wichtig is‘ auf’m Platz“, lautet eine alte Fußballerweisheit. Mit dem Mundwerk ist der HSV bereits in der Europa League – mindestens. Das war Hoffenheim vor der abgelaufenen Saison übrigens auch. In Hamburg wäre man gut beraten, den Ball auf und neben dem Platz erst einmal flach zu halten und die ersten Partien abzuwarten. Wenn die Mannschaft ihre Launenhaftigkeit abstellt, hat sie das Potenzial für einen Platz im Bereich der Europa-League-Ränge. Doch der HSV ist nicht gerade dafür bekannt, seine PS auf die Straße zu bringen. Wenn ein Klub zur Negativüberraschung werden kann, dann die Hamburger (Nordrivale Werder Bremen ist schon so tief gesunken, dass der Abstiegskampf keine Sensation mehr wäre). Tipp: Prognosen, die eine Spannbreite von mehr als zehn Tabellenplätzen umfassen, gebe ich aus Prinzip nicht ab.

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