«

»

Mai
29

Warum die USA-Länderspielreise Sinn macht

Kein Bayern-Spieler, kein Real-Profi, kein Stuttgarter und mit Sven Bender nur einziger Dortmunder, der jedoch ebenso wie Lazio-Profi Miroslav Klose das Länderspiel gegen Ecuador (29.5.) verpasst und lediglich gegen die USA (2.6.) mitmischen wird. Auf den ersten Blick ist es verständlich, dass die USA-Reise der Nationalmannschaft in Deutschland von vielen belächelt, wenn nicht gar für überflüssig gehalten wird. Zur allgemeinen Beruhigung sei jedoch gesagt: Sie macht sehr wohl Sinn.

Im Schatten des Champions-League-Endspiels hat sich die deutsche Nationalmannschaft in der Hitze Floridas über eine Woche lang in aller Ruhe auf ihre zwei Testländerspiele vor dem Sommerurlaub vorbereiten können.

In Boca Raton wartet heute gleich eine vermeintlich schwere Aufgabe auf die arg dezimierte Elf von Bundestrainer Joachim Löw: Ecuador ist aktuell die Nummer zehn der FIFA-Weltrangliste und die Nummer zwei in der südamerikanischen WM-Qualifikation. Doch auch das Spiel am kommenden Sonntag gegen die von Ex-Bundestrainer Jürgen Klinsmann trainierten US-Boys in Washington sollte man nicht per se als Zeitverschwendung abstempeln.

Zugegeben, die sportliche Aussagekraft der beiden Spiele bleibt naturgemäß auf der Strecke, zumal Löw gewiss auch in den zweiten Halbzeiten beider Partien rotieren lassen wird. Gute Gründe für die Reise gibt es aber trotzdem.

1) Fußball spielen in der Mittagszeit: Testlauf für die WM

Über 30°C im Schatten erwarten die Meteorologen für das Spiel Deutschland – Ecuador, das um 14:30 Uhr Ortszeit angepfiffen wird, um dem deutschen Fernsehpublikum um 20:30 Uhr (MESZ) Unterhaltung zur besten Sendezeit zu bieten. Die Partie ist damit auch ein Testlauf für die Weltmeisterschaft in knapp einem Jahr in Brasilien, wo viele Spiele ebenfalls zur Mittagszeit über die Bühne gehen werden.

Zwar herrscht auf der Südhalbkugel derzeit wie logischerweise auch im Juni kommenden Jahres Winter, doch je nach Spielort kann es auch in Brasilien bei teilweise über 25°C im Schatten eine schweißtreibende Angelegenheit werden. Allein aus diesem Grund macht die Reise durchaus Sinn. Anpassung kann schließlich nicht schaden, auch wenn viele Spieler des aktuellen Aufgebots in einem Jahr gewiss nicht dabei sein werden.

2) Wer drängt sich auf für den WM-Kader?

Auch darum geht es auf der Reise: Wem gelingt es, sich in Abwesenheit der kompletten ersten Elf mit Ausnahme von Innenverteidiger Per Mertesacker und Teilzeitkraft Miroslav Klose aufzudrängen?

Löw hat bei der Nominierung versprochen, dass er jedem Spieler Länderspielminuten schenken möchte. Das gibt nicht nur dem ins zweite Glied abgerutschten 108-fachen Nationalspieler Lukas Podolski, dem Manager Oliver Bierhoff ein „Jahr des Stillstands“ attestierte, die Chance sich nach schwachen Nationalmannschaftsleistungen wieder in ein positiveres Licht zu rücken. Auch die ehrgeizige Nummer zwei René Adler, der bei aller Löw’schen Wertschätzung selten eingesetzte Benedikt Höwedes oder die aufstrebenden Offensivspieler André Schürrle und Julian Draxler, die sonst im Schatten der Özils, Götzes, Reus und Müllers stehen, können die Reise nutzen, um den Abstand auf die erste Elf zu verkürzen.

Doch auch in der „dritten Reihe“, wie ich sie einmal nennen möchte, geht es zumindest um die WM-Kaderplätze 20 bis 23. So könnte der Noch-Freiburger und Bald-Gladbacher Max Kruse, dem mangels Alternativen im Angriff gleich ein Nationalelf-Debüt in der Startelf gegen Ecuador bevorsteht, für sich die Werbetrommel als Sturmoption für den WM-Kader rühren (Stichwort: „falscher Neuner“). Und auch allen anderen, ob sie nun Philipp Wollscheid, Marcell Jansen, Stefan Reinartz oder Aaron Hunt heißen, wird es sicherlich nicht genügen, dabei gewesen zu sein.

3) Terminliche Vorteile

Was in der Diskussion um die USA-Reise gerne vergessen wird: Durch die frühe Terminierung haben die Spieler im Prä-WM-Jahr einen extrem langen Urlaub, der sich in Brasilien in nächsten Sommer auszahlen könnte. Ohne die Reise hätten am 7. und 11. Juni WM-Qualifikationsspiele angestanden, das hätte einen neun Tage späteren Urlaubsbeginn für Nationalspieler bedeutet.

Doch das ist nichts im Vergleich zu folgendem Szenario: Beim Erreichen des EM-Finals vor einem Jahr wäre eine Teilnahme am Confed Cup in Brasilien (15. bis 30. Juni) Pflicht gewesen. Und seien wir mal ehrlich: Das macht nur Spaß, wenn man als Europameister dorthin fährt und nicht – wie die Italiener – als Vize. Die Bundesliga-Saison startet nämlich bereits am 9. August. Eine Teilnahme hätte die Vereinstrainer vor die Frage gestellt, ob man seinen Stars die nötige Pause von mindestens drei Wochen gönnt und das Risiko in Kauf nimmt, dass sie erst im Verlauf der Hinrunde ihre Topform erreichen, oder ob man ihnen den Urlaub kürzt und dadurch das Verletzungsrisiko während der WM-Saison erhöht.

Schreibe einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Sie können diese HTML-Tags verwenden: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>

*