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Jan
26

Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern (Teil 2) – Der „Doppelpass“ und seine Brüder im Geiste

Der „Doppelpass“ auf Sport1 ist Vorreiter im wöchentlichen Wechselspiel der Meinungen – aus meiner Sicht ein absolutes Ärgernis. Nichtsdestotrotz (oder gerade deswegen) verdient der „Club der Denker“ um seinen Guru Udo Lattek einen eigenen Beitrag. Was wären wir auch ohne Diskussionen auf höchstem Pegel?!

In meinem Beitrag vom Montag habe ich mich am Rande über die Berichterstattung nach dem Dortmunder Punktverlust vom Wochenende ausgelassen. Viele Medien, die dem BVB eigentlich schon zur Meisterschaft gratuliert hatten, machten am Sonntag oder Montag mit der These auf, dass das Titelrennen nun wieder spannend werden könnte. Der absolute Vorreiter und unangefochtene Großmeister in der Disziplin des „Alles super-Alles Mist“-Wechselspiels ist aber der „Doppelpass“.

Sonntag, 11 Uhr in Deutschland. Der eine Teil des Landes liegt da noch im Bett, der andere fängt was Anständiges mit seiner Zeit an. Ich gehöre selten zur ersten und noch viel seltener zur zweiten Gruppe. Ich ertappe mich stattdessen leider viel zu oft dabei, den Fernseher anzuschmeißen und Sport1 (früher das DSF) einzuschalten. Das ist vor allem der Fall, wenn ich samstags abends ein paar Bier zu viel hatte. In solchen Situationen ist der Doppelpass die ideale Aufwachhilfe. Die sonore Stimme von Moderator Jörg Wontorra und das rot- bis lilafarbene Gesicht von Trainer-Legende Udo Lattek geben einem ein Gefühl von Vertrautheit und sind in solchen Fällen der beste Weg, den Tag zu beginnen. Mit dem Doppelpass im Hintergrund tastet man sich dann langsam in die Realität, döst zwischendurch wieder ein und ist zum Ende der Sendung um 13 Uhr zwar selten schlauer, aber meistens etwas nüchterner. Und ernüchterter ob der Qualität der Sendung. Doch das war nicht immer so.

Der Niedergang des „Doppelpass“

Früher war ich ein Doppelpass-Fan. Zu Rudi Brückners Zeiten saß zwar auch schon Udo Lattek dort, aber weil meistens noch ein Redakteur vom Kicker und von der FAZ oder Süddeutschen mit von der Partie war, hatte die Sendung eine gewisse inhaltliche Substanz. Vor ein paar Jahren wurde Brückner vom DSF dann wegen „senderschädigen Verhaltens“ vor die Tür gesetzt, Jörg Wontorra übernahm die Moderation. Der sitzt bis heute sicher im Sattel, obwohl er Ex-Schalke-Manager Rudi Assauer einmal vor laufenden Kameras Alkoholismus unterstellt hatte – und zwar nicht gerade durch die Blume.

Mit Wontorra bekam die Sendung einen anderen Stil, immer mehr Bild-, Sport-Bild und Sat1/DSF/Sport1-Leute machten es sich in den Sesseln bequem. Seitdem darf jeder sagen, was ihm gerade so in den Sinn kam. Und in dieser Zeit erfand das DSF auch ein neues Spiel: Man schaue sich einfach die Ergebnisse des letzten Bundesliga-Spieltags an und leite daraus generelle Trends ab. Das einzige, was konstant bleiben darf ist Udo Latteks Tipp, dass der FC Bayern Deutscher Meister wird.

Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern?

Ansonsten hängt aber alles an den letzten Ergebnissen: War Borussia Dortmund letzte Woche noch gefühlter Meister, schwächelt der BVB jetzt auf einmal. Prophezeite man Werder Bremen nach dem 2:1 gegen Hoffenheim zum Rückrundenauftakt noch eine Aufholjagd in der Rückrunde, diskutiert man nach Werders 0:3 in Köln darüber, ob die Grün-Weißen noch zu retten sind. Der FC seinerseits ist auf einmal aus dem Gröbsten raus. Verliert er dagegen das nächste Spiel in St. Pauli, kann man sicher sein, dass „Uns Udo“ oder Wonti den Kölnern schon mal raten werden, sich die Reiserouten nach Osnabrück, Paderborn oder Aue auszudrucken.

Wer Lattek und Co. nun Ahnungslosigkeit oder das eine oder andere Krombacher Weizen zu viel unterstellt, der irrt. Dieses Hü-Hott-Spiel ist selbstredend eine Vorgabe des Senders. Indem man über die letzten Ergebnisse redet und daraus generelle Trends ableitet, muss man die Sendung weniger intensiv planen. Denn zwei Stunden Sendezeit – wenn auch abzüglich gefühlter 73 Minuten Werbung – und diverse Weizenbiergläser wollen erst einmal gefüllt werden. Und da liegt nichts näher, als schon einmal eine halbe Stunde auf diese Weise wegzuarbeiten.

Ja was denn nun, Udo?

Um zu unterstreichen, wie aberwitzig das manchmal ist, sei das Beispiel Fred Rutten genannt. Als Schalke im Frühjahr 2008 die Verpflichtung des Niederländers als Trainer zur Saison 08/09 bekanntgab, kommentierte Trainer-Guru Lattek das sinngemäß mit den Worten „Fred Rutten, ich kenne ihn nicht. Warum holt Schalke so einen Trainer?“ Im August 2008 – Rutten hatte mit Schalke soeben das erste Saisonspiel mit 3:0 gegen Hannover 96 gewonnen – sagte Lattek: „Schalke und Fred Rutten, das passt. Das kann was werden mit der Meisterschaft.“ Rutten erlebte übrigens das Saisonende nicht mehr als Schalke-Trainer, er wurde im Frühjahr 2009 entlassen. Was Lattek so kommentierte: „Ich hatte von vornherein kein gutes Gefühl bei seiner Verpflichtung.“

Damit wir uns nicht falsch verstehen: Niemand zwingt mich, den Fernseher einzuschalten. Aber neben den oben schon angeführten Gründen ist es auch eine gewisse Tradition, die mich am „Doppelpass“ magisch anzieht. Manchmal ertappe ich mich dabei, wie ich gedanklich einen Haken mache, wenn Udo Lattek zum 84. Mal die Anekdote von seiner Entlassung bei Bayern München erzählt. Häkchen! Wenn Lattek erzählt davon, wie er damals Diego Maradona in Barcelona hat stehen lassen: Häkchen! Wenn Lattek erzählt, dass sich ein Trainer nach zwei, drei Jahren abnutzt: Häkchen! Wehe, der Meister Yoda des Sportfernsehens kommt nicht dazu, eine seiner zahllosen Anekdoten zu erzählen – dann ist die kommende Woche für mich eigentlich schon gelaufen.

Generelles Problem in den Medien

Der Doppelpass ist allerdings nur eines von vielen (schlechten) Beispielen für die Berichterstattung vieler Medien im Lande – und das beschränkt sich nicht nur auf den Sport. Um der Auflage oder der Quote willen schreibt man eine Person erst in den Himmel, nur um sie in schlechten Zeiten umso tiefer fallen lassen zu können. Und dann bei einem möglichen Comeback eine „Phönix aus der Asche“-Geschichte in der Schublade zu haben.

Ich bin der Meinung, dass man auch (und vor allem) als vielgelesenes (Boulevard-)Medium eine gewisse Verantwortung hat. Die sind eigentlich zur Neutralität verpflichtet. Doch ich weiß aus eigener Erfahrung, wie schwer das manchmal ist. Daher sollte man, wenn man eine Meinung hat, diese auch vertreten. Ändert sich die Sachlage oder stellt man fest, dass man sich geirrt hat, kann und darf man diese natürlich auch ändern. Doch bis so etwas geschieht, sollte schon etwas mehr Zeit als eine Woche vergehen.

Ein weiteres Beispiel aus dem Fußball: Mario Gomez wird seit Oktober von den Medien wegen seiner aktuellen Treffsicherheit abgefeiert, was das Zeug hält. Zwischen dem Frühjahr und dem Herbst 2010 bekam er jedoch von den gleichen Leuten in schöner Regelmäßigkeit sein Fett weg. Ich bin mal gespannt, was geschehen wird, wenn Gomez wieder eine Flaute hat. Beim „Doppelpass“ wird man dem FC Bayern dann sicher eine schlechte Einkaufspolitik unterstellen…

1 Kommentar

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  1. Friesenjung sagt:

    Da kann ich dem Herrn Heibel nur Recht geben.
    Das Niveau des sonntäglichen Doppelpass hat deutlich nachgelassen. Seitdem das so ist, ist es auch nicht mehr nötig in Kabel-TV zu investieren. Ich bin jedenfalls glücklich mit DVBT und ohne Doppelpass.
    Was mir einzig und allein am Sonntag um 11 Uhr fehlt, sind die Menschen die mit Weizen das versuchen aufzubauen was ich abbaue….
    Prost!!!

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