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Sep
07

Was machen eigentlich… die Europameister von 1996?

Die DFB-Elf um Manuel Neuer, Bastian Schweinsteiger und Mesut Özil möchte im nächsten Jahr die Durststrecke der Nationalmannschaft beenden und Europameister werden. Viel Glück dabei! Doch was machen eigentlich unsere letzten „Siegertypen“, die Europameister von 1996?

Andreas Köpke (Tor, bei der Euro 1996 6 Einsätze/0 Tore)
Der beste Keeper des Turniers. Als Vereinsspieler sechsmal abgestiegen, als Nationalspieler hatte er mehr Fortune. Hat heute noch als Bundestorwarttrainer ein gewichtiges Wort mitzureden über seine Nachfolge.

Oliver Kahn (Tor, 0/0)
Der „Titan“ war bereits 1996 Weltklasse, musste sich aber noch hinten anstellen. Seine Zeit brach erst nach Köpkes Rücktritt 1998 an. Bildet sich heute fort (Wirtschaftsstudium, Trainerschein) und arbeitet als Experte für das ZDF bei Länderspielen. Kahn ist immer noch eine Kante, auch wenn das Sakko allmählich ein wenig spannt – und zwar nicht am Bizeps.

Oliver Reck (Tor, 0/0)
War 1996 die klare Nummer drei, hatte seinen einzigen Länderspieleinsatz beim 9:1 gegen Liechtenstein im Vorfeld der Euro. War lange Jahre Torwarttrainer auf Schalke, mittlerweile macht er diesen Job eine Klasse tiefer, beim MSV Duisburg.

Markus Babbel (Abwehr, 5/0)
Weil sich Jürgen Kohler bereits im ersten Spiel verletzte, rückte der eigentlich als Ersatzmann eingeplante Markus Babbel in die Mannschaft. Der Münchner war mit 23 einer der jüngsten im deutschen Team (heute unvorstellbar) und spielte ein starkes Turnier. Heute Trainer von Hertha BSC Berlin, hat dort Oliver Recks Stiefsohn Pierre-Michel Lasogga unter seinen Fittichen.

Thomas Helmer (Abwehr, 6/0)
1996 ein Fels. Kaum ein Spiel, in dem Helmer nicht ans Limit ging und nach Abpfiff vom Platz humpelte. Seit ein paar Jahren für das DSF bzw. Sport1 als Moderator tätig, mittlerweile im Wechsel mit seinen 96er-Bayern- und DFB-Kollegen Basler und Strunz auch „Doppelpass“-Experte.

Jürgen Kohler (Abwehr, 1/0)
Die Euro 1996 hatte sich die deutsche Abwehrlegende trotz des Titels sicher anders vorgestellt: Bereits nach 14 Minuten war das Turnier für ihn verletzungsbedingt beendet. Avancierte dafür aber ein Jahr später beim Dortmunder Champions League-Triumph zum „Fußballgott“ und Fußballer des Jahres. Hatte eine mäßig erfolgreiche Trainer- und Sportdirektor-Karriere. Beendete sein Engagement im Herren-Profifußball 2009 aufgrund von Herzproblemen. Berät heute den Frauenfußball-Bundesligisten SC Bad Neuenahr.

Stefan Reuter (Abwehr, 4/0)
Der Dortmunder lieferte sich ein heißes Duell mit Thomas Strunz um die Rechtsverteidiger-Position. Resultat: Job-Sharing. Nach seinem Karriereende im Jahr 2004 arbeitete Reuter zunächst im Management von Borussia Dortmund, später als Geschäftsführer bei 1860 München. Ging dort 2009 im Zwist, seitdem Privatier.

René Schneider (Abwehr, 0/0)
René wer? Im Trikot von Hansa Rostock war der Innenverteidiger eine der Entdeckungen der Bundesliga-Saison 1995/96. Wechselte nach der EM, bei der er keine Minute zum Einsatz kam, zu Borussia Dortmund. Riesiges Verletzungspech verhinderte eine große Karriere. Schneider besitzt seit 2003 den Trainerschein, leitet eine Fußballschule mit dem schönen Namen „FC Förderkader René Schneider“.

Christian Ziege (Abwehr, 6/1)
Der Stern des offensivstarken Linksverteidigers ging 1996 so richtig auf. Ziege schoss nicht nur das erste deutsche Turniertor im Auftaktspiel gegen Tschechien, sondern spielte konstant auf hohem Niveau. Beendete seine illustre Karriere (u.a. Bayern, Milan, Liverpool, Tottenham) 2005 in Mönchengladbach, wo er als Manager und (Co-)Trainer fungierte. 2010/11 ein gänzlich missglücktes Jahr als Trainer von Arminia Bielefeld, seit August 2011 trainiert Christian Ziege die deutsche U19-Nationalmannschaft.

Matthias Sammer (Libero, 5/1)
Europas Fußballer des Jahres, wertvollster Spieler des Turniers – Matthias Sammer war 1996 auf dem Höhepunkt seiner Karriere. Er war Antreiber, Chef und wenn es sein musste auch Matchwinner im deutschen Team. Danach von Verletzungen geplagt, beendete er 1998 seine Karriere. Zunächst als Trainer erfolgreich (2002 Deutscher Meister mit dem BVB), seit 2006 DFB-Sportdirektor. Hat seitdem den einen oder anderen alten Weggefährten in ein Amt beim Verband gehievt.

Mario Basler (Mittelfeld, 0/0)
Auch „Super-Mario“ war 1996 vom Verletzungspech gebeutelt und blieb ohne Einsatz. Der bekennende Freund von (guten) Tropfen und Glimmstängeln betreute nach seinem aktiven Karriereende 2004 mehrere Dritt- und Viertligisten und ist momentan im Trainer-Wartestand. Trat bei der Bild-Zeitung in die Fußstapfen von Max Merkel, bei Sport1 in die von Udo Lattek.

Marco Bode (Mittelfeld, 3/0)
Aufgrund seiner Polyvalenz (mein Vorschlag für das Fußballwort des Jahres) war der Bremer 1996 ein wichtiger Ergänzungsspieler für Berti Vogts. Karriereende 2002. Seitdem im Sportmarketing und in der Filmproduktion tätig. Ewiger Frisurenpapst.

Dieter Eilts (Mittelfeld, 6/0)
Die Entdeckung des gesamten Turniers – mit 32 Lenzen. Als Abräumer im Juni 1996 in der Form seines Lebens, völlig zu Recht im All Star-Team der Euro. Aktives Abseits-Kultfigur mit eigener Hommage (wie auch Kollege Bode). Als U21-Nationaltrainer sowie als Coach von Hansa Rostock mit wechselhaftem Erfolg, heute Jugendkoordinator beim VfL Oldenburg.

Steffen Freund (Mittelfeld, 4/0)
Tragische Figur im deutschen Team, zog sich bei der Europameisterschaft 1996 einen Kreuzbandriss zu. Unermüdlicher Kämpfer mit überschaubaren fußballerischen Qualitäten, nicht zuletzt deswegen Publikumsliebling in Dortmund und Tottenham. Heute U17-Nationaltrainer, sorgte mit seiner Truppe erst vor Kurzem für Furore (EM-Zweiter im Mai, WM-Dritter im Juli 2011).

Thomas Häßler (Mittelfeld, 6/0)
War bei Berti Vogts trotz für seine Verhältnisse durchwachsener Leistungen gesetzt. Nach dem Karriereende 2004 ging es für „Icke“ bergab: Teure Scheidung, Investition in ein mittlerweile bankrottes Plattenlabel, vor wenigen Monaten als Techniktrainer beim 1.FC Köln vor die Tür gesetzt.

Andreas Möller (Mittelfeld, 5/1)
Brillant im Verein sowie in Freundschaftsspielen und in der Quali, aber nie ein Turnierspieler. 1996 rief er noch am ehesten sein Potenzial ab. Fehlte gesperrt im Finale, in das er Deutschland mit dem entscheidenden Penalty im Elfmeterschießen gegen England erst gebracht hatte. Karriereende 2004, versuchte sich 2007/08 in Aschaffenburg als Trainer, von 2008 bis 2011 Manager bei Kickers Offenbach.

Mehmet Scholl (Mittelfeld, 3/0)
Hatte sein Leben lang das Pech, zu oft verletzt zu sein und/oder übermächtige Konkurrenz auf seiner Position zu haben (Möller, Häßler). Am Ball vermutlich der beste deutsche Spieler der 1990er Jahre. Karriereende 2007, zwischenzeitlich Trainer von Bayern München II (ohne Trainerschein), heute ARD-Experte und Trainerschein-Aspirant.

Thomas Strunz (Mittelfeld, 5/0)
Kam zu fünf Einsätzen, meist aber „nur“ als Einwechsler. Bei seinem einzigen Spiel vom Start weg – im dritten Gruppenspiel gegen Italien (0:0) – flog er gleich mit Gelb-Rot vom Platz. Karriere-Höhepunkt: Marz 1998, „Was erlaube Strunz?!“. Nie war er bekannter und populärer. Heute von Stefan Effenberg um seine Ehefrau entledigt, dafür aber mit Festanstellung als Experte bei Sport1.

Jens Todt (Mittelfeld, 0/0)
Aufgrund des großen deutschen Verletzungspechs erst vor dem Finale mit Sondergenehmigung der UEFA nachnominiert. Kam erwartungsgemäß nicht zum Einsatz, durfte aber im Mannschaftshotel schlafen, den Pokal anfassen und sich von Helmut Kohl herzen lassen. Der London-Wochenendtrip hat sich wahrlich gelohnt. Nach dem Karriereende zunächst Chefscout bei Hertha BSC, dann Journalist bei Spiegel Online, später Nachwuchskoordinator beim Hamburger SV und beim VfL Wolfsburg, seit Saisonbeginn Sportdirektor bei Zweitligist VfL Bochum.

Oliver Bierhoff (Angriff, 3/2)
Der Legende nach nur dabei, weil Bundestrainer-Gattin Monika Vogts „so ein Gefühl“ hatte. Doppeltorschütze im Finale gegen die Tschechen, außerdem Schütze des ersten Golden Goals der Fußball-Geschichte. 1998 Torschützenkönig in Italien, 1999 Meister mit Milan. Wusste sich immer gut zu vermarkten. Nach dem Karriereende 2003 erst Nike-Repräsentant und TV-Experte, seit 2004 Nationalmannschaftsmanager und „Ich-AG vom Starnberger See“ (Zitat K.-H. Rummenigge).

Fredi Bobic (Angriff, 3/0)
Als amtierender Bundesliga-Torschützenkönig mit Kredit ins Turnier gegangen, war aber glücklos und verletzte sich im Viertelfinale gegen Kroatien. Nach der Euro 96 wurde es ruhiger um ihn. Spätes Nationalmannschafts-Revival in der Ära Völler. Nach dem Karriereende erst TV-Experte, dann Geschäftsführer bei Burgas in Bulgarien. Seit Sommer 2010 Sportdirektor beim VfB Stuttgart.

Stefan Kuntz (Angriff, 5/1)
Sorgte mit seinem Namen zunächst für Erheiterung beim Gastgeber (Tipp: Einfach mal im Wörterbuch nachschlagen, was der Nachname des Ex-Lauterers auf Englisch bedeutet). Spätestens nach seinem 1:1 Im Halbfinale gegen die „Three Lions“ lachte aber niemand mehr. Starkes Turnier, wechselte dennoch danach nach Bielefeld (!). Karriereende 1999. Als Trainer in Neunkirchen, Karlsruhe, Mannheim und Ahlen mäßig erfolgreich, hat sich aber als Manager in Bochum einen Namen gemacht. Seit 2008 Vorstandsvorsitzender bei „seinem“ FCK.

Jürgen Klinsmann (Angriff, 4/3)
Von Verletzungen gebeutelter deutscher Kapitän. Spielte im Finale durch, obwohl er nur wenige Tage zuvor einen Muskelfaserriss erlitten hatte. „Flipperte“ wie gewohnt viel, war aber in wichtigen Situationen präsent und erzielte auch ein Sahne-Tor im zweiten Gruppenspiel gegen Russland (3:0) mit dem Außenrist. Nach dem Karriereende 1998 erst Privatier, dann Berater im US-Fußball. 2004 bis 2006 bekanntermaßen Bundestrainer und Reformator des deutschen Fußballs. 2008/09 missglücktes Gastspiel als Bayern-Trainer. Seit Juli 2011 US-Coach, dort mit einem Remis und zwei Niederlagen gestartet.

Berti Vogts (Trainer)
Ewig im Schatten von Franz Beckenbauer. Nie so richtig ernst genommen und respektiert. Dabei sprachen die Zahlen für ihn: Europameister 1996, zweitbeste Länderspielbilanz aller Bundestrainer hinter Jogi Löw. Rückblickend seine größten Leistungen waren aber seine Zitate. Kostprobe?

„Die Kroaten sollen ja auf alles treten, was sich bewegt – da hat unser Mittelfeld nichts zu befürchten.“

„Die Breite an der Spitze ist dichter geworden.”

„Wenn ich über’s Wasser laufe, dann sagen meine Kritiker: ‚Nicht mal schwimmen kann er‘.“

„Hass gehört nicht ins Stadion. Solche Gefühle soll man gemeinsam mit seiner Frau daheim im Wohnzimmer ausleben.“

Unvergessen auch Vogts‘ Gastauftritt im ARD-„Tatort“ als besorgter Nachbar („Es riecht nach Gas.“ […] „Was ist denn hier los?“ „Ja wollt ihr uns denn alle in die Luft jagen?!“ „Gebt dem Kaninchen eine Möhre extra, es hat uns das Leben gerettet“).

Im Herbst 1998 musste Vogts seinen Hut als Bundestrainer nehmen. Einem missglückten Bundesliga-Intermezzo bei Bayer Leverkusen folgten Engagements als Nationaltrainer von Kuwait, Schottland („Call me Berti Mc Vogts“) und Nigeria. Seit 2008 betreut er das Nationalteam von Aserbaidschan, wo er mit einem Sieg gegen die Türkei für den größten Erfolg der Länderspielgeschichte gesorgt hat.

2 Kommentare

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  1. Jürgen sagt:

    Unglaublich, wer damals alles Nationalspieler war. VOr allem die Nachnominierung von Jens Todt hatte ich nicht mehr in Erinnerung. Kompliment. Echt informativ und amüsant geschrieben!

  2. Betzebub sagt:

    All Germans are cuntz! Legendär! Zu sehen auch im Musikvideo von „Football’s coming home“ zur WM 1998, in dem es im deutschen Team 10 Spieler mit dem Namen „Kuntz“ und einen „Klinsmann“ gibt :-)

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