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Jan
09

Was sind Auszeichnungen im Fußball wert? – Primera Division stellt komplette FIFA-Weltelf

Dass Lionel Messi zum vierten Mal in Folge zum Weltfußballer des Jahres gewählt worden ist, mag – von Cristiano Ronaldo einmal abgesehen – nicht allzu vielen Fußballfans und -experten missfallen. Dass die FIFPro World XI, also die Auswahl der elf besten Spieler auf ihren Positionen, aber komplett mit Akteuren der spanischen Primera Division bestückt ist, lässt schon Zweifel an der Wertigkeit von Auszeichnungen im Fußball aufkommen.

Rund 50.000 Fußballer aus 41 Ländern, die in der Spielervereinigung FIFPro (Fédération Internationale des Associations de Footballeurs Professionnels) organisiert sind, wählen seit 2005 am Ende eines Kalenderjahres die offizielle Weltelf der FIFA, die sogenannte „FIFPro XI“. Was zunächst wie ein Fachpublikumspreis erscheint, ist in Wirklichkeit wohl eher ein Beliebtheits-, Vermarktungs- und Reputationswettbewerb. Anders kann ich mir das Ergebnis der diesjährigen Wahl nicht erklären. In ihr befinden ausschließlich Akteure aus der spanischen Primera Division. Es sind:

Tor
Iker Casillas (Spanien/Real Madrid)

Verteidigung
Marcelo (Brasilien/ Real Madrid)
Gerard Piqué (Spanien/FC Barcelona)
Sergio Ramos (Spanien/Real Madrid)
Dani Alves (Brasilien/FC Barcelona)

Mittelfeld
Andres Iniesta (Spanien/FC Barcelona)
Xavi Hernandez (Spanien/FC Barcelona)
Xabi Alonso (Spanien/Real Madrid)

Angriff
Lionel Messi (Argentinien/FC Barcelona)
Cristiano Ronaldo (Portugal/Real Madrid)
Radamel Falcao (Kolumbien/Atletico Madrid)

Zugegeben, das ist eine überaus namhafte Elf, die in dieser Konstellation jedem Gegner das Fürchten lehren würde. Aber ist es tatsächlich die beste Elf 2012? Zunächst einmal muss man attestieren, dass sich mit Lionel Messi und Cristiano Ronaldo die zwei besten Individualisten der letzten Jahre im Weltfußball völlig zu Recht in dieser Elf befinden. Auch Falcao, der ein kompletter Stürmer mit überragender Trefferquote ist, nimmt seinen Platz gewiss nicht zu Unrecht ein.

Teilweise fragwürdige Nominierungen

Die Nominierung von sechs spanischen Europameistern kann man auf den ersten Blick nachvollziehen. Immerhin hat den „Seleccion“ den kontinentalen Titel zwar nicht durch mitreißenden, aber in jedem Fall durch überlegenen und überlegten Fußball gewonnen. Aber: Reicht das für „Kollektivnominierungen“? Casillas, Piqué, Alonso und Xavi etwa hatten in ihrer Karriere schon bessere Jahre als 2012.

Am meisten Angriffsfläche bieten für mich aber die Außenverteidiger aus dem Land des WM-Gastgebers 2012: Marcelo hat gewiss ein Riesen-Potenzial, doch der Brasilianer ist in seinen Leistungen schwankend und defensiv des Öfteren für einen Links-„Verteidiger“ allzu sorglos. Und Dani Alves, der über Jahre ein Riese auf seiner Position war, hatte 2012 sein schwächstes Karrierejahr, seit er sich im Sommer 2008 dem FC Barcelona angeschlossen hat. Beide profitieren jedoch von der geringen internationalen Konkurrenz auf ihren Positionen und von der Reputation ihrer Arbeitgeber. Alternativen würden mir trotzdem einfallen: Links Ashley Cole oder Jordi Alba, rechts Philipp Lahm oder der besonders in der ersten Jahreshälfte überragende Lukasz Piszczek (um einmal die Bundesliga-Karte zu spielen).

Hinzu kommt, dass in der Weltelf kein einziger Spieler steht, der im Champions League-Finale mit von der Partie war (mit Falcao findet man immerhin einen Europa-League-Sieger in der FIFPro XI). Generell kann es nach meinem Empfinden nicht sein, dass kein Spieler der Premier League und der Bundesliga unter den besten elf gelandet ist. Vereine wie Manchester United, der FC Chelsea, Bayern München oder Borussia Dortmund beschäftigen ebenfalls internationale Hochkaräter… Allerdings werden diese Vereine auch nicht so glorifiziert wie Real Madrid und insbesondere FC Barcelona.

Einzelauszeichnungen im Mannschaftssport sind immer heikel

Natürlich ist es immer kompliziert und undankbar, in einer Mannschaftssportart einzelne Spieler hervorzuheben. Die Bedeutung eines Innenverteidigers oder defensiv ausgerichteten Sechsers für den Erfolg einer Mannschaft wird in aller Regel unterschätzt, während reine Torjäger, die sich mitunter nur alibimäßig an der Defensivarbeit der eigenen Mannschaft beteiligen bzw. ohne die Hilfe der Kollegen nur halb so treffsicher wären, oft überschätzt werden. Kurzum: Auszeichnungen in Mannschaftssportarten können kaum gerecht sein.

Doch wenn man sie schon vergeben muss (bzw. möchte), sollte man vielleicht andere Leute darüber entscheiden lassen als die – nichts für ungut – „Profifußballer“ aus Ländern wie Indien, Indonesien, Zypern oder der Demokratischen Republik Kongo, die allesamt bei der FIFPro-XI-Wahl stimmberechtigt sind, und die vermutlich im Zweifelfall den prominentesten Namen auf dem Stimmzettel ankreuzen. Wie sollten sie auch anders?!

Schließlich kann jeder sich nur eine seriöse Meinung über das bilden, was ihm auch bekannt ist. Als Deutscher verfolge ich z.B. die Bundesliga sehr intensiv, auch die Europapokale und die Welt- und Europameisterschaften liegen in meinem Fokus. Doch wenn es an die Premier League oder die Primera Division geht, muss ich mir schon selbst intensiv Informationen besorgen, um nicht der Musik hinterher zu laufen. Bei der Serie A hört es dann fast schon ganz auf, und nach Topspielern der Ligue 1, die nicht bei Paris St. Germain unter Vertrag stehen, sollte man mich lieber nicht fragen. So oder ähnlich dürfte es auch vielen Stimmberechtigten der FIFPro World XI gegangen sein…

Ergänzung durch Fachjury

Wenn es schon eine ernst zu nehmende Weltelf geben soll, dann sollte man zumindest ergänzend eine Experten-Jury aus Trainern und Fachjournalisten einsetzen, die eher einen Blick für das große Ganze haben und Akteure im Zweifelsfall nicht nach Namen wählen…

P.S.: Man kann ganz viele Namen diskutieren, die in die Weltelf gehören. Und bei vielen kann man argumentieren, dass eine Nominierung nicht unverdient wäre, dass der tatsächlich nominierte Spieler auf dieser Position aber auch seine Daseinsberechtigung hat. Über einen Spieler, der in der Top 11 fehlt, kann es meines Erachtens aber keine zwei Meinungen geben: Andrea Pirlo, ohne den Italien bei der Europameisterschaft bestenfalls das Viertelfinale erreicht hätte, gehört ohne Wenn und Aber in die FIFPro XI 2012!

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