«

»

Dez
12

Was wäre wenn… der eiserne Vorhang nicht gefallen wäre?

Der Konjunktiv ist im Fußball wie auch im richtigen Leben ein ziemlich unnützer Zeitgenosse. Dennoch stellen viele Menschen die „Was wäre wenn“-Frage gerne. Mit Blick auf die Fußball-Weltmeisterschaft 2014 ist besonders die Frage reizvoll, wie die Machtverhältnisse im Fußball wohl aussähen, wenn die nationalen Grenzen noch den Verlauf von 1989 hätten.

Eines vorweg: Dass der kalte Krieg beendet ist und sich Deutschland auf der einen Seite vereinigen konnte und auf der anderen Seite zusammengeschusterte Vielvölkerstaaten-Modelle wie die Sowjetunion oder Jugoslawien der Vergangenheit angehören, ist eine großartige Sache (auch wenn der Unabhängigkeitsprozess gerade auf dem Balkan von großer Gewalt begleitet war). Der nachfolgende Text ist daher nur eine Spielerei – allerdings eine sehr reizvolle.

Jugoslawien: potenzieller Weltmeister?

Bei der Weltmeisterschaft 1990, dem letzten großen Turnier, bei dem eine Nationalmannschaft Jugoslawiens antrat, galten die Männer vom Balkan als Geheimfavoriten. Dass diese Einschätzung nicht ganz verkehrt war, zeigte der Triumph von Roter Stern Belgrad im Europapokal der Landesmeister ein Jahr darauf.

Damals standen beim jugoslawischen Rekordmeister Weltstars wie Vladimir Jugovic, Sinisa Mihajlovic oder Dejan Savicevic auf dem Rasen, die später allesamt in Italien Karriere machten. Auch Kroatien hatte Ende der 1990er Jahre eine exzellente Mannschaft beisammen, aus der Davor Suker und Zvonimir Boban herausstachen.

Heute noch bringen die unabhängigen Staaten des ehemaligen Jugoslawiens großartige Kicker hervor, wie die WM-Teilnahme Bosnien-Herzegowinas und Kroatiens sowie das ordentliche Abschneiden Serbiens, Montenegros und Sloweniens in der WM-Qualifikation zeigen. Wie aber könnte eine Mannschaft mit den derzeit besten Spielern aus den sechs ehemaligen Teilrepubliken Serbien, Kroatien, Bosnien-Herzegowina, Slowenien, Montenegro und Mazedonien aussehen?

TOR:
Samir Handanovic (29, Slowenien, Inter Mailand)
Asmir Begovic (26, Bosnien, Stoke City)
Stipe Pletikosa (34, Kroatien, FK Rostow)

ABWEHR:
Nemanja Vidic (32, Serbien, Manchester United)
Branislav Ivanovic (29, Serbien, FC Chelsea)
Darijo Srna (31, Kroatien, Schachtjor Donezk)
Neven Subotic (25, Serbien, Borussia Dortmund)
Dejan Lovren (24, Kroatien, FC Southampton)
Aleksandar Kolarov (28, Serbien, Manchester City)
Stefan Savic (22, Montenegro, AC Florenz)

MITTELFELD:
Luka Modric (28, Kroatien, Real Madrid)
Stevan Jovetic (24, Montenegro, Manchester City)
Goran Pandev (30, Mazedonien, SSC Neapel)
Nemanja Matic (25, Serbien, Benfica)
Miralem Pjanic (23, Bosnien, AS Rom)
Ivan Rakitic (25, Kroatien, FC Sevilla)
Sejad Salihovic (29, Bosnien, 1899 Hoffenheim)
Zoran Tosic (26, Serbien, ZSKA Moskau)

ANGRIFF:
Edin Dzeko (27, Bosnien, Manchester City)
Mario Mandzukic (27, Kroatien, Bayern München)
Mirko Vucinic (30, Montenegro, Juventus Turin)
Vedad Ibisevic (29, Bosnien, VfB Stuttgart)
Ivica Olic (34, Kroatien, VfL Wolfsburg)

Von allen politischen Animositäten losgelöst, müsste diese Mannschaft wohl keinen Vergleich mit den derzeit führenden Fußballnationen scheuen. Alle Positionen wären mehrfach hochklassig besetzt. Außerdem gäbe es noch einen „Superjoker“: Zlatan Ibrahimovic als in Schweden geborener Sohn bosnischer Einwanderer würde sich gewiss auch nicht schlecht in dieser Truppe machen.

Sowjetunion: (Fast) alles beim Alten

Russland, Armenien, Aserbaidschan, Weißrussland, Estland, Georgien, Kasachstan, Kirgisistan, Lettland, Litauen, Moldawien, Tadschikistan, Turkmenistan, Usbekistan und die Ukraine haben sich 1991 aus der gigantischen Sowjetunion herausgebildet. Als Vielvölkerstaat erreichte die einstige Supermacht vor dem Fall des Eisernen Vorhangs den EM-Titel 1960 und das EM-Finale 1988 – der Kern der damaligen Mannschaften bestand aus Russen und Ukrainern. Wie sähe eine heutige Mannschaft aus, bei der Spieler aus allen 15 Teilrepubliken rekrutiert werden könnten?

Die Mannschaft würde sich vermutlich immer noch vornehmlich aus Russen und Ukrainern zusammensetzen. Henrikh Mkhitaryan (24, Armenien, Borussia Dortmund) wäre voraussichtlich der einzige Spieler aus einer kleinen Teilrepublik mit realistischen Startelfchancen. Eine Mannschaft mit den Besten der Besten aus allen Teilrepubliken wäre bei einer WM womöglich ein Kandidat für das Viertelfinale.

Tschechoslowakei: im Umbruch

1992 teilte sich die Tschechoslowakei relativ friedlich in die Tschechische Republik und die Slowakische Republik auf. Vereint erreichten beide Landesteile 1934 und 1962 jeweils das WM-Finale. Der größte Erfolg des Landes war der Gewinn der Europameisterschaft 1976 gegen Deutschland. Nach der Trennung erreichte die Tschechische Republik 1996 noch einmal das EM-Finale, unterlag dort aber dem vereinten Deutschland. Bei der EM 2004 hatte Tschechien mit Pavel Nedved, Tomas Rosicky, Karel Poborsky, Milan Baros oder Petr Cech womöglich sein bestes Team aller Zeiten beisammen, scheiterte aber im Halbfinale an Griechenland. Seitdem ist der tschechische Fußball im Niedergang begriffen.

Die kleinere Slowakei konnte nur 2010 mit der geglückten WM-Qualifikation ein Ausrufezeichen setzen. Dafür verfügt das Land mit dem 26-jährigen Marek Hamsik vom SSC Neapel derzeit über den besten Einzelspieler aus beiden Republiken. Würde man die stärksten Spieler beider Nationen vereinen, wäre zumindest eine WM-Teilnahme realistisch gewesen.

Deutschland: West schlägt Ost

Im letzten Turnier vor der Wiedervereinigung wurde (West-)Deutschland im Jahr 1990 Weltmeister. Nachdem anschließend die Auswahl durch den Mauerfall noch einmal größer wurde, sprang mit dem Gewinn der Europameisterschaft 1996 „nur“ noch ein weiterer Titel für den DFB heraus. Damals standen mit Matthias Sammer, Steffen Freund und René Schneider drei gebürtige Ostdeutsche im Kader.

Zwei Jahre später bei der WM 1998 in Frankreich schaffte es immerhin ein Quintett ins Aufgebot von Berti Vogts (Ulf Kirsten, Olaf Marschall, Jens Jeremies, Steffen Freund, Jörg Heinrich). Beim blamablen EM-Aus 2000 in Belgien und den Niederlanden betrug das Kontingent der im Osten geborenen und ausgebildeten Spieler sogar sieben Mann. Thomas Linke, Marko Rehmer, Michael Ballack, Dariusz Wosz, Jens Jeremies, Carsten Jancker und Ulf Kirsten mögen wohl auch deswegen dabei gewesen sein, weil der Westen in dieser Generation nicht allzu viele gute Nachwuchsleute produziert hatte.

Bei der WM 2002 standen erneut sieben Mann aus den neuen Ländern im DFB-Aufgebot: Thomas Linke, Marko Rehmer, Jens Jeremies, Bernd Schneider, Michael Ballack, Jörg Böhme und Carsten Jancker. Obwohl der Osten nur rund jeden fünften Bundesbürger stellt, rekrutierte sich der Kader um die Jahrtausendwende also zu knapp einem Drittel aus Spielern, die in der guten DDR-Schule ausgebildet wurden.

Erst danach verschob sich das Verhältnis allmählich wieder. Mittlerweile fällt es schwer, einen klaren Strich zu ziehen, weil der Osten in vielerlei Hinsicht ausgeblutet ist und es viele Talente aus den neuen Ländern immer früher in die Stützpunkte der Bundesligavereine zieht, die allesamt in den alten Ländern beheimatet sind. Aus dem aktuellen erweiterten DFB-Kader sind nur noch Toni Kroos (Greifswald), René Adler (Leipzig) und Marcel Schmelzer (Magdeburg) im Ostteil des Landes geboren. Ohne diese drei Spieler würde Deutschland vermutlich ebenfalls zu den WM-Favoriten zählen.

Merke: Mit den Nachwuchsreformen des DFB hat sich eine West-Verschiebung in Gang gesetzt. Als Nachwuchszentren zur Bedingung für die Erteilung einer Erstligalizenz wurden, mussten alle Vereine mit Erstligaambitionen investieren – und die kamen und kommen nun einmal fast ausschließlich aus dem Westen.

1 Kommentar

Derzeit kein Ping

  1. zane sagt:

    Ein interessantes Planspiel, dass ich mit Freunden auch schon einige Maile durchgespielt habe.
    Ein jeder Ex-Jugoslawe hat sich zweifelsohne schon Mal die Frage gestellt wo man heute – nicht nur in punkto Sport – stünde, wenn Jugoslawien nicht zerfallen waere.
    Bei den Namen die einem beim Jonglieren zur Verfuegung stehen, werden wohl so ziemlich alle Hobby-Fussballtrainer schwach.

    Leider sind Namen bekanntlich – und Gott sei Dank – nicht alles (Gruesse nach Manchster City). Die politischen Konflikte und Graeben standen Jugoslawien immer im Weg und waren nicht – wie es in Deutschland haeufig faelschlich angenommen wird – Produkte der späten 80er und fruehen 90ern – sondern tief und kulturell verwurzelt.

    Wie dem auch sei, frei von dem Ganzen „Drumherum“ wäre eine jugoslawische Nationalmannschaft eine Bereicherung fuer den Weltfussball. Wenn man dann auch noch die ganzen Auswanderer einbezieht die in der zweiten und dritten Generation in den europäischen Einwanderungslendern leben – dann waere man wohl staendiges Mitglied der Top 5.

    Shaquiri von den Bayern, Xhaka von Gladbach, Junuzaj von Manchester United und und und … – Die Liste koennte man wirklich ausweiten und 30-40 potenzielle Nationalmannschaftskandidaten erweitern.

    Nichts desto trotz – Ex-Jugoslawien stellt auch im Jahr 2014 wieder 2 WM-Teilnehmer. Bosnien und Kroatien kommen mit Bevoelkerungen von jeweils knapp 4 Millionen Einwohnern.
    Das ist aller Ehre wert und darauf koennen beide Nationen sehr stolz sein.

    Gruesse

Schreibe einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Sie können diese HTML-Tags verwenden: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>

*