«

»

Jun
03

Was wäre wenn… es die Relegation nie gegeben hätte?

Der hauchdünne Klassenerhalt des Hamburger SV, verbunden mit dem dramatischen Nicht-Aufstieg des Karlsruher SC hat die Gerechtigkeitsfanatiker wieder auf den Plan gerufen und die Frage nach dem moralischen Sinn der Relegation aufgeworfen. Wie hätte sich der deutsche Fußball verändert, wenn es die Relegation nie gegeben hätte? Ein Gedankenspiel.

Zunächst einmal zu den Fakten: Die 1. Bundesliga existiert seit 1963 und hat nunmehr 52 Spielzeiten auf dem Buckel. Die Relegation in der 1. Bundesliga zwischen dem 16. des Oberhauses und dem Drittplatzieren der 2. Bundesliga wurde 1981/82 eingeführt, parallel mit der Einführung des eingleisigen Unterhauses. Nach der Spielzeit 1990/91 wurde die Relegation vorläufig wieder abgeschafft, ehe sie in der Saison 2008/09 erneut aufgelegt wurde und seither Bestand hat. 2008/09 wurde die Relegation zudem in der 2. Bundesliga eingeführt.

Relegation: ungerecht, aber spannungsgeladen

Klar ist, dass die Relegation immer den Teilnehmer der höheren Klasse bevorteilt, weil diese Mannschaft noch einmal eine allerletzte Chance erhält, eine eigentlich verkorkste Saison zu retten. Die Relegation ist gewissermaßen das „Gummileben“ des harten Fußball-Geschäfts.

Dass es einen Relegationsplatz gibt, ist also ein Spannungselement. Nehmen wir als Beleg die Saison 2013/14: Damals verloren die drei schlechtesten Vereine Hamburger SV, 1. FC Nürnberg und Eintracht Braunschweig samt und sonders ihre letzten fünf Bundesligaspiele. Ohne den Relegationsplatz 16 wäre die Bundesliga also in der Abstiegsfrage ein Langweiler gewesen, weil bereits frühzeitig alle Entscheidungen gefallen wären.

In Relegationsspielen verdichtet sich die Spannung noch einmal. Mehr noch als in einem Pokalspiel geht es hier um die Zukunft eines Vereins für mindestens die nächsten zwölf Monate, vielleicht sogar für länger. Wenn sich dann im Rückspiel alles zuspitzt, entstehen oft Thriller, die kein Autor besser hätte erfinden können. Ohne sie hätte der deutsche Fußball trotzdem anders ausgesehen. Nur ein Beispiel: Der „Dino“ Hamburger SV wäre bereits 2013/14 gestorben, die Hanseaten wären ohne Relegation abgestiegen.

Der deutsche Fußball ohne Relegation: So hätte es ausgesehen

Leverkusen nie ein Big Player?

Bayer Leverkusen war der Gewinner der ersten Relegation 1981/82. Im zweiten Jahr nach dem Aufstieg in die 1. Bundesliga rettete sich die Werkself erst in der Relegation gegen Zweitligist Kickers Offenbach (1:0, 2:1). Ohne Relegation wäre Leverkusen damals abgestiegen – und hätte sich womöglich nie als Spitzenkraft im deutschen Fußball etabliert.

Frankfurts verfrühtes „erstes Mal“

Wenn man so will, war Eintracht Frankfurt der drittletzte „Dino“ der Bundesliga. 1996 stiegen die Hessen gemeinsam mit dem 1. FC Kaiserslautern ab, danach waren nur noch zwei Gründungsmitglieder ohne Unterbrechung im Oberhaus: der 1. FC Köln (stieg allerdings 1998 erstmals ab) und der Hamburger SV, der sich seither als „Dino“ feiern lassen darf. Ohne Relegation wäre Frankfurt aber schon 1984 abgestiegen. Die Hessen retteten sich mit 5:0 und 1:1 gegen den MSV Duisburg. 1989 zog die Eintracht erneut in der Relegation den Kopf aus der Schlinge: Beim 1:2 und 2:0 gegen den 1. FC Saarbrücken (mit dem späteren Frankfurter Anthony Yeboah) war es aber schon deutlich knapper für die SGE.

Immerhin hat Frankfurt einen inoffiziellen Titel inne: Der Klub nahm zweimal an der Relegation teil und ging zweimal als Sieger hervor. Teilen muss er sich diese inoffizielle Auszeichnung aber mit dem 1. FC Nürnberg (2009, 2010) und dem Hamburger SV (2014, 2015), denen dieses „Kunststück“ sogar zweimal in Folge gelang.

Fortuna Köln erstklassig: „Schäng“ Löring gefällt das

Fortuna Köln, ewig im Schatten des Stadtrivalen 1. FC Köln, wäre ohne Relegation nach dem Intermezzo 1973/74 zwölf Jahre später noch einmal in die 1. Bundesliga zurückgekehrt. Der Klub aus der Südstadt, der von 1974 bis 2000 unter der Ägide von Sonnenkönig Jean Löring ununterbrochen in der 2. Bundesliga spielte, scheiterte allerdings 1985/86 denkwürdig an Borussia Dortmund: Fortuna gewann das Hinspiel 2:0 und verlor beim BVB 1:3 (damals galt die Auswärtstorregel noch nicht). Im Entscheidungsspiel schoss Dortmund die Kölner 7:0 ab.

Borussia Dortmund: nie Champions-League-Sieger?

Da sind wir bei der anderen Seite der Medaille. Hätte es die 1985/86 Relegation nicht gegeben, wäre Borussia Dortmund vielleicht nie Champions-League-Sieger geworden. Unrealistisch? Nun ja, immerhin hat der damalige und heutige Präsident Reinhard Rauball das 7:0 gegen Fortuna Köln im Entscheidungsspiel der Relegation einst als „wichtigsten Sieg der Vereinsgeschichte“ bezeichnet. Tatsächlich war dieses Spiel so etwas wie die Initialzündung für eine goldene Zukunft: Über die Zwischenstation DFB-Pokalsieg 1989 schwang sich der BVB in den 1990er Jahren unter Ottmar Hitzfeld zwischenzeitlich zur Nummer eins in Deutschland und Europa auf (Meister 1995 und 1996, CL 1997). Auch die goldene Ära Klopp (Meister 2011 und 2012, Pokalsieger 2012, Cl-Finale 2013) wäre so vielleicht nie möglich gewesen.

Gladbach mit Favre in der Versenkung statt in der Königsklasse?

Die Entwicklung von Borussia Mönchengladbach unter Trainer Lucien Favre ist einzigartig. Aus dem Keller der Tabelle führte der Schweizer die Elf vom Niederrhein binnen vier Jahren direkt in die Champions League. Ohne Relegation wäre dieses Fußballmärchen aber nicht möglich gewesen. Denn als Favre im Februar 2011 von Michael Frontzeck übernahm, war Gladbach abgeschlagener Tabellenletzter. Der Taktikfuchs führte das Team in einem Herzschlagfinale noch bis auf Platz 16. Weil es die Relegation gab, war dieser Rang Gold wert. Ohne ihn wäre es aber zum dritten Mal nach 1999 und 2007 in die 2. Liga gegangen. Nix mit der großen Reus-Show 2012 und Platz vier. Und wohl auch nichts mit Platz drei im Spieljahr 2014/15.

Kein Wahnsinn von Düsseldorf

Sportlich gesehen hat die Relegation 2011/12 keinen Unterschied gemacht: Der Dritte der 2. Liga ist aufgestiegen, der 16. der Bundesliga musste runter. Bei diesen Protagonisten der Relegation handelte es sich aber um Fortuna Düsseldorf und Hertha BSC. Die Szenen hat heute noch jeder Fußballfan vor Augen: Nach dem 2:1-Sieg der Fortunen in Berlin trennen die Rheinländer beim Stand von 2:2 im Rückspiel vor heimischem Publikum nur noch wenige Minuten vom Aufstieg – als die ersten Über-Euphorisierten den Platz stürmen und eine regelrechte Welle lostreten. Das Spiel wird mit Mühe und Not zu Ende gebracht – nur um vor dem DFB-Sportgericht ein wochenlanges Nachspiel zu provozieren. Am Ende stieg Fortuna nach 15 Jahren sportlich wieder auf. Und sofort wieder ab.

Bye, bye Hoffe

Es gibt weiß Gott nicht sehr viele Sympathisanten von 1899 Hoffenheim. Alimentiert vom milliardenschweren Mäzen Dietmar Hopp marschierte der Dorfklub aus dem Kraichgau von der Kreisliga bis in die Bundesliga. War das erste Bundesligajahr 2008/09 noch rauschhaft und spektakulär, entwickelte sich Hoffenheim schnell zur grauen Maus. Nach einer katastrophalen Saison 2012/13 mit drei Trainerwechseln reichte es am Ende dank der Mithilfe von Borussia Dortmund im letzten Saisonspiel (2:1 der TSG im Westfalenstadion) doch noch zur Teilnahme an der Relegation. Dort wurde der 1. FC Kaiserslautern im Duell Neureich gegen Tradition 2:1 und 3:1 geschlagen. Ohne Relegation wäre Hoffenheims Erstliga-Abenteuer zumindest vorläufig beendet gewesen. Roberto Firmino und Kevin Volland hätten in den letzten Jahren an anderer Stelle gezaubert.

HSV: Die Uhr tickt seit 2014 nicht mehr

Oben wurde es bereits angerissen: Ohne die Relegation hätte die Stadionuhr des Hamburger SV bereits vor einem Jahr aufgehört zu ticken. Genauer gesagt am 3. Mai 2014 nach dem 1:4 gegen Bayern München am 33. Spieltag. Bei 50 Jahren, 252 Tagen wäre sie stehen geblieben. Wäre… So aber konnte sich der große HSV zweimal hauchdünn gegen die Underdogs Greuther Fürth (0:0, 1:1) und Karlsruher SC (1:1, 2:1 n.V.) retten.

Nur halb so dramatisch: das beste Abstiegsfinale mit Relegation

Wer weiß noch, was am 29. Mai 1999 passiert ist? Genau: das dramatischste Abstiegsfinale der Bundesliga-Geschichte. Damals gab es keine Relegation und der VfL Bochum sowie Borussia Mönchengladbach waren am letzten Spieltag schon längst abgestiegen. Gleich sechs Vereine konnten an jenem sonnigen Samstag noch auf Platz 16 landen. Die schlechtesten Karten hatte Eintracht Frankfurt als Drittletzter mit 34 Punkten und minus 14 Toren. Eigentlich gerettet war der 1. FC Nürnberg mit 37 Punkten und einer um fünf Tore besseren Differenz.

Der Rest ist großes Gefühlskino: Frankfurt holte irre auf, die Teams auf den anderen Plätzen spielten mit und in Nürnberg grüßte Radioreporter Günther Koch um 17.17 Uhr vom „Abgrund“. Mit einer Relegation wäre Fjörtofts 5:1 in Frankfurt nicht so heroisch gewesen, und der Fehlschuss von Frank Baumann in Nürnberg nicht so folgenschwer. Irgendwie gibt es also genug Gründe, das mit der Relegation noch einmal zu überdenken…

1 Kommentar

1 Ping

  1. h.chinaski sagt:

    Insbesondere über 85/86 redet man in der Kölner Südstadt gar nicht gern.

    siehe Punkt 2:
    http://www.11freunde.de/artikel/10-dinge-ueber-die-relegation

    Angeblich waren etliche Spieler schon im zweiten Relegationsspiel angeschlagen.

  1. #Link11: Ich hab in Katar noch nie einen schlafen gesehen | Fokus Fussball sagt:

    […] Aktives Abseits blickt zurück: Was wäre, wenn es die Relegation nie gegeben hätte? Was wäre uns erspart, was […]

Schreibe einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Sie können diese HTML-Tags verwenden: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>

*