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Nov
15

Weltmeisterlicher Hangover – Standard oder Sonderfall?

Äußerst holprig präsentiert sich die deutsche Nationalmannschaft seit dem Gewinn des WM-Titels. Ist der „Hangover“ ein Sonderfall oder eher der Standard? Aktives Abseits blickt in die Vergangenheit.

2:4 gegen Argentinien, 0:2 in Polen, 1:1 gegen Irland, dazu die eher holprigen Siege gegen Schottland (2:1) und den Zwerg Gibraltar (4:0) – Weltmeister Deutschland ist auch mehr als vier Monate nach dem Titelgewinn weit von seiner Gala-Form entfernt. Das Tief lässt sich natürlich erklären:

  • In Kapitän Philipp Lahm, Torgarant Miroslav Klose und Abwehrrecke Per Mertesacker sind drei Korsettstangen der vergangenen zehn Jahre zurückgetreten.
  • Viele Weltmeister und eingeplante Stützen sind verletzt oder suchen nach den kräftezehrenden Wochen in Brasilien nach ihrer Form. Gegen Gibraltar fehlten unter anderem der neue Spielführer Bastian Schweinsteiger, Marco Reus, Mesut Özil, André Schürrle, Mats Hummels, Christoph Kramer und Julian Draxler.
  • Nachdem das Team zwei Jahre auf den Titel hingearbeitet hat und zwischen Mai und Juli quasi jede Sekunde dem Erreichen dieses Ziels gewidmet hat, sind ein Spannungsabfall oder gar ein Gefühl der Leere nach der Krönung absolut menschlich.
  • Die „leichte“ Qualifikation für die Europameisterschaft 2016 mit zwei sicheren Startplätzen in jeder Gruppe sowie einem Platz für die Play-offs hat womöglich dazu geführt, dass in der Motivationsphase vor den Spielen ein paar Prozent fehlten.

Wie lauten die Lösungsansätze?

Neben den Spielern, die druckresistente Profis sind, muss vor allem der Trainerstab um Bundestrainer Joachim Löw die notwendigen Reizpunkte setzen. Dass der Weltmeister-Coach nach dem schwachen Auftritt gegen Mega-Zwerg Gibraltar erstmals seine schützende Hand von den Spielern genommen hat, mag ein Indiz dafür sein, dass das Vertrauen allmählich verspielt ist. Löw dürfte künftig konsequenter nach Leistung und Potenzial aufstellen.

Zudem sollte die enge Konstellation in der deutschen Qualifikationsgruppe für eine größere Spannung in den verbleibenden sieben Spielen sorgen. Dies dürfte sich als leistungsfördernd erweisen. Die DFB-Elf beweist schließlich Jahren, dass sie Wettkampfsituationen benötigt, um an ihre Grenze zu kommen.

Deutschland nach Titelgewinnen: Der Adler holpert

Dass eine deutsche Nationalmannschaft nach einem Titelgewinn ein wenig aus dem Tritt gerät, ist im Übrigen kein Einzelfall. Auch bei den vorherigen sechs Coups zeigten sich Symptome wie nachlassende Spannung, leichte Überheblichkeit und mangelnde Konsequenz.

Nach der WM 1954: Totaler Einbruch nach dem Wunder
Bei den „Helden von Bern“ rumpelte es gewaltig: Nach dem ersten deutschen WM-Titel verlor das Team von Sepp Herberger seine ersten drei Spiele und gewann bis Ende 1956 nur fünf von 17 Länderspielen.

Nach der EM 1972: Hangover nach der Gala
Die Europameister-Elf von 1972 gilt den Helden von Maracana zum Trotz als spielerisch beste deutsche Nationalmannschaft. Die Bilanz unmittelbar nach dem „Ramba-Zamba“-Spektakel war allerdings durchschnittlich: Im Jahr danach kassierten Franz Beckenbauer & Co. in sechs Partien drei Niederlagen. Erst auf dem Weg zur Heim-WM 1974 wurden die Ergebnisse wieder besser.

Nach der WM 1974: Keine Blöße, aber auch kein Glanz
Nach dem Double-Feature aus dem Gewinn der EM und WM binnen zwei Jahren glänzte Deutschlands Stern nicht mehr allzu hell, das Team von Helmut Schön gab sich aber auch kaum eine Blöße. So wurde bis zur EM 1976 nur eine von 13 Begegnungen verloren (bei sieben Siegen und fünf Unentschieden).

Nach der EM 1980: Nur gegen Kleine gut
Mäßig lief es für die deutschen Europameister nach dem zweiten Titelgewinn. Die Mannschaft von Jupp Derwall gewann zwar sechs seiner zehn Spiele im Jahr eins nach dem Triumph von Rom, doch diese Siege resultierten aus Begegnungen mit zweitklassigen Gegnern. In den wirklichen Härtetests gegen Argentinien und Brasilien (zweimal) setzte es Niederlagen.

Nach der WM 1990: Vogts-Team spielt Ergebnisfußball
Die mit den Spielern aus der DDR verstärkten Weltmeister fuhren unter Beckenbauer-Nachfolger Berti Vogts gute Ergebnisse ein, der gute Fußball blieb aber auf der Strecke. Da hier nur die Resultate zählen, muss man Vogts allerdings starke fünf Siege aus sieben Spielen in den ersten zwölf Monaten nach dem WM-Titel attestieren. Aus dem ersten Elf Spielen waren es sogar neun Siege.

Nach der EM 1996: Ergebnisse top, Spiel Flop
Vogts verstand es auch, nach dem dritten deutschen EM-Titel für die nötigen Ergebnisse zu sorgen: Bis zur ersten Niederlage dauerte es bis zum März 1998 (1:2 gegen Weltmeister Brasilien), aus den 15 Spielen nach dem Sieg von Wembley holte die Mannschaft elf Siege und vier Unentschieden – der Fußball war aber seinerzeit durchaus mäßig und ließ bereits den 1998 einsetzenden Sturzflug des deutschen Fußballs erahnen.

Andere Weltmeister und ihre Bilanzen

Spanien nach 2010: Kurzes Stocken, dann die Explosion
Auch die Furia Roja geriet nach dem Gewinn ihrer bislang einzigen Weltmeisterschaft ein wenig: drei Siege, ein Remis und zwei Niederlagen aus den ersten sechs Spielen wirken beim Gedanken an die dominierende Mannschaft der Epoche von 2006 bis 2012 beinahe surreal. Bis zur (erfolgreichen) EM 2012 fing sich die spanische Nationalmannschaft aber wieder und gewann 21 ihrer nächsten 26 Spiele.

Italien nach 2006: Umbruch verpasst
Bei der WM 2006 in Deutschland war Italiens Mannschaft mit vielen Leistungsträgern um die 30 Jahre auf dem Zenit. Bis zur Europameisterschaft 2008 (Aus im Viertelfinale gegen die neue Macht Spanien) war die Bilanz noch ok (13 Siege, je fünf Remis und Niederlagen), danach verpasste die Squadra Azzurra aber eindeutig den Umbruch. Dies mündete in nur zehn Siege aus den folgenden 27 Spielen und das Vorrunden-Aus bei der WM 2010.

Frankreich nach 1998: Kurzes Stocken mit anschließender Explosion
Die große französische Mannschaft der späten 1990er Jahre um ihren Mittelfeld-Magier Zinédine Zidane erlitt nach dem Titelgewinn im eigenen Land eine kleine Krise, qualifizierte sich erst in allerletzter Minute für die EM 2000 in Belgien und den Niederlanden. Dort erreichte die Équipe tricolore aber ihren maximalen Level. Die Bilanz bis zum EM-Triumph ist daher beachtlich: 27 Spiele, 20 Siege, fünf Unentschieden, nur zwei Niederlagen.

Fazit: Mini-Hangover ist normal

Die Vergangenheit zeigt, dass eine Leistungsdelle nach einem großen Titelgewinn beinahe das Normalste auf der Welt ist. Allerdings darf sich keine Mannschaft der Welt auf den Lorbeeren ausruhen und sich allein auf die große fußballerische Qualität verlassen. Im Länderspieljahr 2015 muss Deutschland die Wende gelingen. Dann wird man 2016 bei der Europameisterschaft wieder zum engsten Favoritenkreis zählen.

1 Kommentar

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  1. h.chinaski sagt:

    Um es mit Bruno Labbadia zu sagen: „Man darf das alles nicht hochsterilisieren.“

    Du hast die Gründe ja schon sehr gut ausgearbeitet. Bodo Illgner hat letztens bei einer Doppelpass-Sendung (sinngemäß) wie folgt zur Qualifikation nach einem Titel geäußert:
    „Wir sind Weltmeister. Was machen wir hier in Luxemburg?“

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