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Nov
29

Zahlenspiel Fußball: Wenn die Laufleistung fast so wichtig ist wie das Ergebnis

In den US-Sportarten Baseball, Basketball, Eishockey oder American Football wird seit Jahrzehnten jede Kleinigkeit auf dem Spielfeld erfasst, seziert und analysiert. Anhand der gewonnenen Daten werden Schlüsse gezogen, die anschließend gewinnbringend umgesetzt werden sollen. Mittlerweile hat diese Daten-Versessenheit auch den Fußball erfasst – und treibt bisweilen seltsame Blüten.

Zu Zeiten von Fritz Walter, Uwe Seeler oder Gerd Müller war der Fußball noch einfach: Am Ende eines Spiels standen zwei Zahlen an der Ergebnistafel. Wenn unter dem Namen der eigenen Mannschaft die größere Zahl stand, hatte in den 90 Minuten zuvor alles richtig gemacht. Punkt. Irgendwer hat sicherlich noch die Aufstellungen und die Namen der Torschützen notiert. Und natürlich gab es eine Tabelle, anhand der man ablesen konnte, wo man im Vergleich stand. Doch das war es auch schon mit dem statistischen Aufwand.

Dass man sich im Fußball bis in die 1980er Jahre hinein wenig aus Zahlen und Statistiken gemacht hat, ist für jeden amerikanischen Sportfan heute noch unvorstellbar. Im Baseball werden seit den Kindertagen des Spiels die Marktwerte der Akteure anhand ihrer Statistiken taxiert. Im Basketball weiß jedes Kind, dass Dirk Nowitzki unfassbar gute Trefferquoten von der Freiwurflinie und aus der Halbdistanz hat. Im Eishockey gibt es „+/-“-Statistiken, welche die Tor-Gegentorbilanz eines jeden Spielers auf dem Eis erfassen und so seinen Wert für die Mannschaft suggerieren. Und im American Football kann jeder beispielsweise nachlesen, wie viele Yards ein Receiver zurückgelegt hat.

Der gläserne Spieler ist geboren

Im Fußball hat man sich nicht unbedingt gegen die massive Erfassung des Spiels in Zahlen gewehrt, doch niemand hat auch wirklich danach geschrien. Das erkennt man schon daran, dass beispielsweise die Torvorlagen der Netzers oder Overaths erst jetzt, mit jahrzehntelanger Verzögerung, in die Statistiken eingepflegt werden.

Bei ihren Nachfolgern weiß man dagegen bereits während einer Partie, wie schnell und wie viel sie gelaufen sind, nach wie vielen Sekunden sie sich im Schnitt vom Ball trennen oder in welchen Teilsegmenten des Platzes sie sich aufgehalten haben. Die „ran-Datenbank“, die in den 1990ern den Fußball mit mehr oder weniger sinnvollen Statistiken den deutschen Fußball „revolutionierte“, wirkt da wie ein C64 unter High-End-Rechnern.

Zahlen wie solche, die man bei der WM 2010 auf der FIFA-Seite nachlesen konnte, werden seit dieser Saison Woche für Woche in der Bundesliga erhoben und über die Medien öffentlich gemacht. Nun ist gegen diese Zahlen per se nichts einzuwenden. Der eine oder andere Trainer baut seine gesamte Philosophie auf der Analyse solcher Daten auf. Und auch für den Fan und die Medien sind sie allemal interessant. Nur: Man muss sie auch richtig lesen können…

Gelaufene Kilometer = Erfolg?

TV-Kommentatoren, aber auch Zeitungen, haben vor allem den Wert der gelaufenen Kilometer in ihr Herz geschlossen. Das könnte daran liegen, dass Fußball heute wie zu Herbergers Zeiten ein Laufspiel ist. Die Gleichung lautet daher: Wer mehr läuft, bringt mehr Einsatz, investiert mehr für den Sieg. Doch solche Statistiken sind in ihrer Aussagekraft nicht immer eindeutig.

So darf es niemanden verwundern, dass die Spieler von Borussia Dortmund am Ende einer Partie mehr Kilometer zurückgelegt haben als ihre Gegner. Schlicht und einfach, weil ein laufintensives Spiel zur Spielphilosophie von Jürgen Klopp gehört. Im Falle des BVB wäre vielmehr das Gegenteil eine Überraschung. Anders ausgedrückt: Dass man viel läuft, muss nicht per se bedeuten, dass man auch „richtig“ läuft.

Genauso wenig darf es jemanden verwundern, wenn Hannover 96 am Ende einer Partie weniger Ballkontakte hat als der Widersacher; ebenso wie der FC Bayern einen ausgeprägten Besitzfußball pflegt, der fast immer darin mündet, dass der Ballbesitz-Wert hoch und die Kilometerleistung recht niedrig ist. Und jetzt kommt der “Clou“: Trotz der unterschiedlichen Wahl der „Waffen“ kommen alle drei Teams zu ihren Erfolgen!

Statistiken richtig lesen

Auch wenn ich wie ein Ewiggestriger wirke: Die wichtigste Statistik im Fußball kann man auf der Ergebnistafel ablesen. Alle anderen Statistiken sind allenfalls aufschlussreich. Sie können rückblickend erklären, warum ein Spiel seinen Verlauf genommen hat. Ebenso können sie Trainern Hinweise geben, an welcher Stellschraube sie bei ihren Spielern drehen müssen oder welchen Spielertyp sie verpflichten müssen, um bessere Ergebnisse zu erzielen.

Statistiken sollten allerdings nicht so interpretiert werden, wie es einem gerade passt. Das Paradebeispiel für eine willkürliche Auslegung hat jüngst das „Aktuelle Sportstudio“ gegeben: Das ZDF hatte am 19.11.2011 das Erstverwerter-Recht für das Bundesliga-Spitzenspiel Bayern München – Borussia Dortmund (0:1). Nach der Zusammenfassung des Spielgeschehens zog Kommentator Bela Rethy eine Statistik heran, anhand der er den BVB-Sieg an Zahlen festmachte.

Rethy wies dabei dezidiert auf die 10 Kilometer größere Laufleistung der Schwarz-Gelben hin. Die anderen Statistiken (u.a. Torschüsse, Zweikämpfe, Ecken, Ballbesitz), die alle den FC Bayern vorne sahen, ließ er dabei geflissentlich außer Acht. Sir Winston Churchill („Glaube nur den Statistiken, die du selber gefälscht hast“) wäre stolz gewesen.

Wann ist ein Torschuss ein Torschuss?

Dabei muss jedem klar sein, dass natürlich auch ein Torschuss nicht immer ein Torschuss ist. Wenn ich einen Ball auf den Kasten bringe, wird die Aktion als Torschuss gewertet. Schieße ich 15 Meter drüber, ebenfalls.

Weiterhin ist es nur logisch, dass sich das Verhältnis der Torschüsse oder des Ballbesitzes gerne auch mal verlagert, wenn sich der Spielstand ändert. Wer zurückliegt, hat normalerweise in der Folge mehr Ballbesitz, riskiert mehr und erhöht den Druck auf des Gegners Tor, was auch schon mal in einer großen Zahl von (Verzweiflungs-)Schüssen mündet. Ebenso hängt die Erfassung von gewonnenen Zweikämpfen immer auch von der Interpretation des Auswerters ab.

Ein weiteres Problem ist, dass mittlerweile auch viele Spieler um den Wert von Zahlen und Statistiken wissen. Gute Noten in Zeitungen werden ebenso wohlwollend aufgenommen wie gute Zweikampfstatistiken oder Passquoten. Solche Zahlen können darüber entscheiden, wie gut oder schlecht der nächste Vertrag dotiert ist. Nur kann man auch diese Statistiken leicht zu seinen Gunsten verbessern. Indem man etwa schwer zu gewinnenden bis aussichtslosen Zweikämpfen gleich aus dem Weg geht oder nur risikolose Pässe spielt, erhält die persönliche Statistik ein Face-Lifting. Auch hier gilt also: Zahlen muss man richtig lesen können.

Totale Überwachung auch im Amateurfußball

Die totale Datenerfassung im Fußball – auch über die Scouting-Abteilungen hinaus – lässt sich vermutlich nicht mehr aufhalten. Dafür sind Top-Speeds der Spieler, gelaufene Meter oder angekommene Pässe für die Öffentlichkeit einfach viel zu interessant geworden.

Diesen Trend hat auch die Industrie längst erkannt. Adidas bringt seit Neuestem Fußballschuhe mit integrierten Sensoren zur Performance-Erfassung auf den Markt, die zwar von Lionel Messi oder Lukas Podolski getragen und beworben werden, aber bitte schön auch von Kreisliga-Götzes und Bunte Liga-Özils angezogen werden dürfen.

Auch die Impire AG, welche die offiziellen Spieldaten der 1. und 2 Bundesliga erfasst, hat Anfang November mit dem „beMeister“ eine Technik auf den Markt gebracht, die den Spieler gläsern macht. Mit Sensoren versehene Einlegesohlen und Bälle liefern so auch unterhalb des Profifußballs unzählige Daten.

Und die Zielgruppe ist nicht klein: Immerhin hat der DFB rund 7 Millionen Mitglieder, von denen die meisten aktiv gegen den Ball treten – ein riesiger Markt mit geringen Streuverlusten. Man mag das im ersten Moment für übertrieben halten, doch gerade „moderne“ Amateur-Trainer und ambitionierte Vereinspräsidenten ab der Bezirksliga aufwärts sind für solche Neuerungen sicher empfänglich. Bierbäuchige Stehgeiger, die vom Stellungsspiel und Instinkt leben, vermutlich weniger…

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