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Aug
08

Wenn die Sommerpause länger dauert – Nie waren mehr Stars arbeitslos

Sie haben Millionen auf dem Konto, gewannen Titel am Fließband, sind WM-Teilnehmer – und aktuell arbeitslos. Noch nie standen zu Beginn einer Saison so viele Spieler mit großem Namen ohne Verein da wie in diesem Jahr. Aktives Abseits scoutet das Who is Who der nicht ganz freiwilligen „Free Agents“.

Im modernen Fußball geht alles schneller als früher. Nicht nur, dass man weniger Zeit hat, um den Ball zu verarbeiten. Man kommt auch viel schneller nach oben: Das in der Fußballersprache Bewunderung ausdrückende Suffix „-inho“ etwa wird heute oft schon nach einem gekonnten Sololauf oder einem geglückten Hackentrick vergeben. Beinahe logisch, dass sich auch der Weg nach unten zu einer Expressroute entwickelt hat. Als Paradebeispiel sei hier Timo Hildebrand genannt, der binnen vier Jahren vom deutschen Nationaltorwart 1B zum Ladenhüter mutiert ist.

Timo Hildebrand
32 Jahre alt, Torwart, 7 A-Länderspiele, 285 Erstligaspiele in Deutschland und Spanien, Deutscher Meister 2007, Copa del Rey 2008, WM-Teilnehmer 2006, EM-Teilnehmer 2004, 884 BL-Minuten in Serie ohne Gegentor (BL-Rekord)

Als Timo Hildebrand im Jahr 2007 mit dem VfB Stuttgart die deutsche Meisterschaft feierte, war er nur einen Hauch davon entfernt, Jens Lehmann im Tor der deutschen Nationalmannschaft abzulösen. Auf dem Höhepunkt seiner Karriere machte er den nächsten Schritt und wechselte zum FC Valencia in die Primera Division. Tolle Stadt, toller Verein, eine wertvolle und gut dotierte Auslandserfahrung – wenig sprach gegen diesen Wechsel.

Im Nachhinein markierte diese Luftveränderung jedoch den Knick in Timo Hildebrands Karriere. Allerdings lief die Sache auch denkbar ungünstig: Der damalige Sportdirektor Amedeo Carboni lockte Hildebrand mit dem Versprechen nach Valencia, dass die bisherige Nummer eins Santiago Canizares keinen neuen mehr Vertrag erhalten würde. Blöd für Hildebrand: Kaum dass die Tinte unter seinem Vertrag trocken war, wurde Carboni entlassen. Trainer Quique Flores sorgte dafür, dass man mit Canizares doch noch einmal verlängerte, um den Konkurrenzkampf zu erhöhen. Es begann ein Torwart-Wechsel-Dich-Spiel, bei dem Hildebrand jedoch mehrheitlich den Vorzug erhielt: In seiner ersten Saison absolvierte er 26 von 38 Liga-Spielen, gewann ferner mit Valencia die Copa del Rey.

Weil Hildebrand jedoch in einem Spiel Weltklasseparaden und im nächsten eklatante Patzer zeigte, verpasste er die EM-Teilnahme 2008. Bundestrainer Jogi Löw gab – hinter Jens Lehmann, der trotz seines Reservistendaseins bei Arsenal London des Trainers Vertrauen genoss – Robert Enke und René Adler den Vorzug, die er beide in der Bundesliga Woche für Woche auf dem Schirm hatte und die konstant gute Leistungen zeigten.

Im zweiten Jahr in Valencia bekam Timo Hildebrand mit Unay Emery einen neuen Trainer, der nach Canizares‘ Karriereende den Konkurrenzkampf durch den Brasilianer Renan Brito beleben wollte. Die Folge: Hildebrand machte kein Ligaspiel mehr für Valencia, wurde zeitweise sogar zur Nummer drei degradiert. Im Winter 2008/09 bat Hildebrand schließlich um die Freigabe und unterschrieb für eineinhalb Jahre bei dem damaligen Bundesliga-Sensationsteam aus Hoffenheim. Auch hier hatte der 7-malige Nationalspieler getreu einem bekannten Brehme-Bonmot wieder die Scheiße am Fuß, er verletzte sich gleich im ersten Spiel und kam nur auf zehn Einsätze.

Im Spieljahr 2009/10 lief dann nicht mehr viel zusammen bei der TSG. Timo Hildebrand, der 28 Spiele bestritt und dabei solide hielt, geriet des Öfteren von Klubseite in die Kritik. Im Frühjahr 2010 teilte ihm der Verein mit, dass man den am Saisonende auslaufenden Vertrag nicht verlängern werde. Nach einer ersten Arbeitslosigkeit im Sommer 2010 folgte dann der Wechsel zu Sporting Lissabon – als Nummer zwei hinter der portugiesischen Nummer zwei Rui Patricio. So tief war Hildebrand also schon gefallen. Nach drei sporadischen Einsätzen in unbedeutenden Spielen (zweimal Europa League, einmal nationaler Pokal) wurde sein Vertrag bei den Portugiesen im Sommer nicht mehr verlängert.

Seitdem ist der ehemalige Meisterkeeper fast überall im Gespräch, wo sich eine etatmäßige Nummer eins verletzt hat (Leverkusen) oder wo ein starker zweiter Keeper gesucht wird (u.a. Manchester City, wo er im Juli erfolglos ein Probetraining absolviert hat). Angebote aus Griechenland und der Türkei hat Hildebrand bislang dankend abgelehnt, er will in einer starken Liga wieder die Nummer eins werden. Dass er das Zeug dazu hat, hat er über Jahre bewiesen. Die Frage ist nur, ob man es ihn auch zeigen lässt.

Timo, du bist in guter Gesellschaft

Timo Hildebrand ist aber nicht der einzige, dessen Karriere plötzlich einen Knick genommen hat mit dem (bisherigen) Tiefpunkt Arbeitslosigkeit. Nachzufragen auch bei den folgenden Herren, die aufgrund von Verletzungspech, unglücklichen bzw. nicht ganz durchdachten Vereinswechseln oder schlicht und einfach „ungünstigen Konstellationen im Universum“ auf das Abstellgleis geraten sind und derzeit einen Klub suchen.

Thomas Hitzlsperger
29 Jahre alt, Mittelfeld, 52 A-Länderspiele (6 Tore), 222 Erstligaspiele in Deutschland, England und Italien (30 Tore), Deutscher Meister 2007, WM-Teilnehmer 2006, EM-Teilnehmer 2008

Vor nicht einmal zwei Jahren noch Kapitän des VfB Stuttgart und Stammspieler in der Nationalmannschaft, begann Thomas Hitzlspergers Abstieg mit der sportlichen Talfahrt des VfB Stuttgart in der Hinrunde 2009/10: Nach miesem Saisonstart in die Abstiegszone geraten, entzog VfB-Coach Markus Babbel seinem Spielführer im November 2009 die Kapitänsbinde. Nur Tage später war Babbel entlassen, doch unter seinem Nachfolger Christian Gross wurde es noch schlimmer: Hitzlsperger wurde zum Reservisten degradiert.

Um seine mittlerweile ohnehin nur noch minimalen Chancen auf ein WM-Ticket zu wahren, wechselte „The Hammer“ im Januar 2010 zu Lazio Rom. Abstiegskampf in einem fremden Land mit anderer Fußball-Mentalität, das konnte fast nur in die Hose gehen – und tat es auch: Hitzlsperger war nach einem schwachen Debüt gleich außen vor, kam nur auf sechs Einsätze.

Im Sommer 2010 kehrte Thomas Hitzlsperger zurück nach England, wo er vor rund zehn Jahren bei Aston Villa seine ersten Profi-Erfahrungen gesammelt hatte. Sein neuer Arbeitgeber hieß West Ham United, eine durchschnittlich besetzte Truppe, die schnell in Abstiegsnöte geriet. Auch hier hatte „Hitz“ wieder ein Problem: Er war lange verletzt und konnte erst ab Mitte der Rückrunde eingreifen. Zu spät, wie sich letztlich herausstellen sollte. Hitzlsperger stand zwar ab dem 28. Spieltag immer in der Startelf und spielte oft gut, konnte den Abstieg aber nicht verhindern. Im Mai einigten sich der Klub und der Spieler auf die Auflösung des Vertrages, seitdem sucht „The Hammer“ nach einem Arbeitgeber, bevorzugt in Deutschland oder England.

Andreas Hinkel
29 Jahre alt, Abwehr, 21 A-Länderspiele, 249 Erstligaspiele in Deutschland, Spanien und Schottland, UEFA-Cup-Sieger 2007, Schottischer Meister 2008, Spanischer Pokalsieger 2007, EM-Teilnehmer 2004

In der Prä-Lahm-Schweini-Poldi-Ära war Andreas Hinkel einer der großen deutschen Hoffnungsträger. Der flinke, durchschlagskräftige und technisch gute Rechtsverteidiger war einer der „Jungen Wilden“ des VfB Stuttgart, die zwischen 2002 und 2004 die Bundesliga und Europa aufmischten. Kurz vor der Europameisterschaft 2004 in Portugal fiel Hinkel jedoch in ein Leistungsloch. Für einen Platz im Kader reichte es noch, für Einsätze nicht mehr. Auch danach Hinkel konnte nicht mehr an seine früheren Leistungen anknüpfen.

Nachdem er 2006 die WM-Teilnahme im eigenen Land verpasst hatte, entschied sich Hinkel für eine Luftveränderung. Er wechselte zum amtierenden UEFA-Cup-Sieger FC Sevilla, mit dem er in seinem ersten Jahr den Titel gleich verteidigen konnte. Hinkel verfolgte dieses Finale und viele andere wichtigen Spiele allerdings nur von der Bank aus. Hinkels Problem war, dass ein gewisser Dani Alves auf seiner Position spielte. Der Brasilianer, der heute für den FC Barcelona kickt, war damals schon einer der besten Rechtsverteidiger der Welt – ein Faktor, den Hinkel bei seinem Wechsel nach Sevilla wohl unterschätze hatte.

Im Winter 2008 folgte dann das Kontrastprogramm. Von Sevilla, der wärmsten Stadt Europas, wechselte Hinkel ins kalte Glasgow zu Celtic. Hier war er endlich wieder Stammspieler und Leistungsträger. Mit Celtic gewann er gleich im ersten Jahr die Meisterschaft. Dumm nur: Die sportlich einseitige schottische Liga ist nicht gerade der ideale Ort, um sich für die Nationalmannschaft zu empfehlen. Diese Erfahrung mussten in den Neunzigern schon Stefan Klos oder Jörg Albertz machen.

Im Herbst 2010 riss Andreas Hinkels Kreuzband, seitdem hat er kein Spiel mehr absolviert. Sein im Sommer auslaufender Vertrag wurde von Celtic nicht verlängert. Hinkel ist nach eigener Aussage topfit, sucht aber noch nach einem neuen Verein. Angeblich ist der VfB Stuttgart interessiert.

David Odonkor
27 Jahre alt, Mittelfeld, 16 A-Länderspiele (1 Tor), 114 Erstligaspiele in Deutschland und Spanien (3 Tore), Deutscher Meister 2002 WM-Teilnehmer 2006, EM Teilnehmer 2008

David Odonkor ist ein echtes Unikat. Kein anderer Spieler ist nur aufgrund von einer einzigen guten Aktion zum „Star“ geworden. Ein langer Sprint gegen Polen im zweiten Gruppenspiel der WM 2006, eine gute flache Hereingabe in die Mitte, die von Oliver Neuville verwertet wird – Tor! Prompt ging ein Angebot nach dem anderen für den kickenden Leichtathleten auf der Geschäftsstelle von Borussia Dortmund, Odonkors damaligem Arbeitgeber, ein. Den Zuschlag erhielt Betis Sevilla für knapp 7 Millionen Euro.

Was die Spanier bekamen, war ein verletzungsanfälliger Spieler, dessen größte – und man möchte fast sagen: einzige – Qualität darin bestand, seinen Gegenspieler zu überlaufen. In fünf Jahren bei Sevilla absolvierte Odonkor verletzungsbedingt gerade einmal 51 Partien in der ersten und zweiten Liga. Seit dem 1. Juli ist er ohne Job, hielt sich zwischenzeitlich bei einem Fünftligisten fit, absolvierte erfolglos ein Probetraining bei den Glasgow Rangers und wird derzeit vor allem mit kriselnden deutschen Zweit- und Drittligisten in Verbindung gebracht.

Gerald Asamoah
32 Jahre alt, Sturm, 43 A-Länderspiele (6 Tore), 306 BL-Spiele für Schalke und St. Pauli, DFB-Pokalsieger 2001 und 2002, „Meister der Herzen“ 2001, WM-Teilnehmer 2002 und 2006

Auch der langjährige Schalker Fan-Liebling Gerald Asamoah ist seit dem 1. Juli arbeitslos. Er einigte sich mit den Gelsenkirchenern auf eine Vertragsauflösung, nachdem die „Königsblauen“ ihm mitgeteilt hatten, dass sie nicht mehr mit ihm planen und Asamoah seinerseits keine Lust hatte, sein zweites Leihjahr beim FC St. Pauli in der Zweiten Bundesliga anzutreten.

Marco Engelhardt
30 Jahre alt, Mittelfeld, 3 A-Länderspiele, 106 BL-Spiele für Kaiserslautern, Nürnberg und Karlsruhe, Confed-Cup-Teilnehmer 2005

Marco Engelhardt als „echten“ Nationalspieler zu bezeichnen, wäre etwas übertrieben. In der Suchphase nach der richtigen Mischung für den 2006er WM-Kader kam der damalige Lauterer Mittelfeldabräumer zu drei Einsätzen im DFB-Dress, bei denen er nicht überzeugen konnte. Immerhin langte es zur Teilnahme beim Confed-Cup 2005.

Danach ging es mit Engelhardts Karriere deutlich bergab: 2006 Abstieg mit Kaiserslautern aus der 1. Bundesliga, danach Wechsel nach Nürnberg, wo er zwischen Startelf und Bank pendelte. Im Januar 2009 die Rückkehr nach Karlsruhe. Den Abstieg konnte der vermeintliche Hoffnungsträger nicht verhindern. In der Zweiten Liga sollte er als Führungsspieler beim Wiederaufstieg helfen, doch der KSC beendete die letzen beiden Jahre nur als 10. und 15. Im Sommer lief sein Vertrag aus, Engelhardt ist noch auf der Suche.

Auch ausländische Stars suchen neue Klubs

David Trezeguet (Frankreich)
33 Jahre alt, Sturm, 71 A-Länderspiele (34 Tore), 276 Erstligaspiele in Frankreich, Italien, Spanien (152 Tore), Weltmeister 1998, Europameister 2000, vier nationale Meisterschaften. Zuletzt bei Hercules Alicante, wird – natürlich – mit dem VfL Wolfsburg in Verbindung gebracht

Harry Kewell (Australien)
32 Jahre alt, Mittelfeld, 47 A-Länderspiele (13 Tore), 182 Erstligaspiele in England und Türkei (44 Tore), Champions League-Sieger 2005, FA Cup-Sieger 2006, WM-Teilnehmer 2006 & 2010. Zuletzt bei Galatasaray Istanbul.

Owen Hargreaves (England)
30 Jahre alt, Mittelfeld, 42 A-Länderspiele, 172 Erstligaspiele in Deutschland und England (7 Tore), Champions League-Sieger 2001 & 2008, sieben nationale Meistertitel. Zuletzt bei Manchester United, wo er verletzungsbedingt nur fünf(!) Premier League-Spiele in den letzten vier Jahren bestritt.

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  1. Aktives Abseits-Presseschau – Journalismus 101 | Aktives Abseits sagt:

    […] Montag, 8. August 2011, 11:30 Uhr: Auf Aktives Abseits geht der Artikel „Wenn die Sommerpause länger dauert – Nie waren mehr Stars arbeitslos“ online http://www.aktives-abseits.de/wenn-die-sommerpause-langer-dauert-%E2%80%93-nie-waren-mehr-stars-arbe… […]

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