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Jan
30

Wertsachen oder Muster ohne Wert? – Über die Macht von transfermarkt.de

Transfers und Transfergerüchte elektrisieren viele Fußballfans. Wer kommt, wer geht, wie viel Geld fließt? Das Personalkarussell in den Profivereinen dreht sich heutzutage unaufhörlich. Permanente Spekulationen sind die Folge. Viele Medien greifen diese Gerüchte auf und referenzieren dabei vor allem auf die Seite www.transfermarkt.de. Doch deren Aussagekraft wird überschätzt – mit schwerwiegenden Folgen.

Die Geschichte der Website www.transfermarkt.de klingt fast wie ein Märchen. Im Jahr 2000 gegründet, gehört die Seite heute zu den populärsten Pages des Landes. Bis zu 1,5 Millionen Besucher strömen täglich auf www.transfermarkt.de, um sich über die neuesten Transfers, aber auch jedes noch so abwegig scheinende Wechselgerücht, das in einer Provinz-Zeitung aus Osteuropa erschienen ist, auszutauschen. Die Seite trifft damit den Puls der Zeit. Denn jede Fußballmannschaft, ob Tabellenführer der Bundesliga oder Abstiegskandidat in der Oberliga, bastelt nonstop an einer neuen, im Idealfall besseren Truppe.

transfermarkt.de: Alleinstellungsmerkmal Marktwert

Was macht transfermarkt.de aus? Alle Gerüchte werden gesammelt und von den registrierten Usern auf den Wahrscheinlichkeitsgrad eines Transfers hin abgeklopft. Außerdem findet man zu rund 200.000 Spielern weltweit Informationen zum Alter, Position, Vereinsvita, Einsatzzeiten, Toren, Vorlagen oder Berater. Das eigentliche Alleinstellungsmerkmal von transfermarkt.de sind aber die Marktwerte, die man zu jedem Akteur findet.

Eben dieser auf transfermarkt.de publizierte Marktwert wird mittlerweile in vielen Medien als Referenz genannt, wenn ein Spieler XY bei einem Profiverein im Gespräch ist. Dadurch wird transfermarkt.de fast schon in eine Reihe mit Duden und Brockhaus gestellt. Getreu dem Motto: Wenn die das sagen, wird das schon stimmen. Somit sichert sich die Seite eine ungeheure Macht, denn ein hoher kolportierter Marktwert kann – wie auch gute Noten in kicker oder BILD – als Karriere-Booster fungieren und bei Vertragsverhandlungen bares Geld wert sein. An dieser Stelle sollte man eigentlich stutzig werden.

Wie die Marktwerte entstehen

Die Marktwerte beruhen nämlich allein auf Bewertungen und Einschätzungen der registrierten User und einiger weniger „Informations-Scouts“, die sich dezidiert mit einer bestimmten Liga oder einer bestimmten Region befassen. Nun mag man einwenden, dass beispielsweise auch wikipedia auf der „Weisheit der Vielen“ beruht und mittlerweile durchaus anerkannt wird. Doch bei der Online-Enzyklopädie wie auch bei transfermarkt.de kann man nie vor Fehlurteilen gefeit sein – selbst wenn man den Scouts und Usern Fachkenntnis und ein Handeln nach bestem Wissen und Gewissen zubilligt. Denn da bliebe ja noch die Möglichkeit eines zu Gunsten des Spielers veränderten Marktwertes…

Eben weil transfermarkt.de eine so hohe Akzeptanz in der deutschen Öffentlichkeit genießt, liegt ein hoher Marktwert auf transfermarkt.de naturgemäß auch im Interesse der Spieler und ihrer Berater. Auch wenn die Betreiber der Seite jegliche Einflussnahme von außen ausschließen, so schwingt doch zumindest ein vager Verdacht mit, dass manche Werte ein wenig „gepimpt“ sind könnten. Gerade eher unbekannte Spieler aus Osteuropa, denen man einen hohen Marktwert attestiert, könnten dadurch leichter in den Fokus deutscher Profivereine geraten – zumal „teure“ Spieler als gute Spieler gelten und auch von den Medien stark geschrieben werden. Nicht ganz unwichtig zu wissen ist an dieser Stelle, dass dem Axel-Springer-Verlag seit 2008 51 Prozent von transfermarkt.de gehören. Über die viel gelesenen Medien BILD und SportBILD gelangen die Marktwerte so unters Volk und werden teilweise auch von anderen Medien dankend als bare Münze genommen.

Genereller Trend: Das Ausland kommt besser weg

Generell ist festzustellen, dass ausländische Spieler bei den deutschen Usern ein höheres Standing haben. Schaut man sich etwa die Top 50 der vermeintlich wertvollsten Spieler der Welt an, so wird dem seit fast zwei Jahren kriselnden Fernando Torres (Spanien/FC Chelsea) mit 42 Millionen Euro immer noch der achthöchste Marktwert des Planeten eingeräumt. Und sein Landsmann Pedro, der beim FC Barcelona nicht über die Rolle eines Reservisten hinauskommt (1 Saisontor in 13 Spielen), rangiert mit 28 Millionen Euro kolportiertem Marktwert immer noch in den Top 50 – vor Spielern wie Klaas-Jan Huntelaar, Lukas Podolski oder Marco Reus.

Am deutlichsten wird dieses Missverhältnis aber am Beispiel der englischen Premier League. So weist der Kader des Tabellenletzten Wigan Athletic laut transfermarkt.de einen höheren Marktwert auf als die Hälfte aller Bundesliga-Vereine. Das Team hat ferner 13 Spieler mit einem individuellen Marktwert von 3 Millionen Euro und mehr in seinen Reihen. Ein solches Resultat schafft der Bundesliga-Vierte Borussia Mönchengladbach beispielsweise nicht – und das, obwohl die Marktwerte im Verlauf der Saison bereits zwei- bis dreimal angepasst wurden.

Krass ist auch das Beispiel Italien. Dort schreibt man Miroslav Klose (Lazio Rom/13 Saisontore in der Serie A) aufgrund seines hohen Fußballeralters von 33 Jahren einen Marktwert von gerade mal 6 Millionen Euro zu. Der Marktwert des drei Jahre jüngeren Schweden Zlatan Ibrahimovic (AC Mailand/15 Saisontore) wurde aber erst vor Kurzem wieder auf 37 Millionen Euro angehoben.

Natürlich vergleicht man in vielen Fällen Äpfel mit Birnen, doch man wird das Gefühl nicht los, dass deutsche Spieler kritischer gesehen werden. Kicker aus dem Ausland, die von den dortigen Medien gehypt werden, scheinen dagegen von Natur aus ein höheres Prestige zu genießen und werden deswegen besser bewertet. Auch dieser Fakt sollte jedem zu denken geben, der transfermarkt.de als Gradmesser betrachtet…

3 Kommentare

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  1. JJ sagt:

    Endlich mal jemand der transfermarkt.de kritisch sieht: danke!!

    ich hab mich schon lange gefragt, wieso viele die transfermarkt.de werte als reale marktwerte sehen und nicht kritisch hinterfragen. Für mich sind das mehr oder weniger erfundene werte, solang nicht wirklich ein verein ablösesumme X bezahlt. Wobei da natürlich noch die länge der restvertragslaufzeit berücksichtigt werden muss.

    Am schönsten sind für mich jedoch die schönen bild-schlagzeilen: Spieler xy hat Summe X an Wert gewonnen/verloren… :) als quelle die eigene Seite transfermarkt.bla *G*

    naja eine schönes zahlenspielzeug/gerüchte internetseite… mehr nicht

  2. Henning Strenge sagt:

    Für die Marktwerte im Ausland sind aber glaube ich andere Redaktionen verantwortlich. (Für England aus England)

  3. Chori_Pan sagt:

    Bin über den Artikel einigermaßen erstaunt:

    Ich benutze TM aus 2 Gründen:
    a) wegen der Gerüchte
    b) wegen statistischer FAKTEN (Vereinsvita, Tore, Ablöse)

    den Marktwert fand ich schon immer abenteuerlich,nicht nachvollziehbar, ja sogar komplett uninteressant. Daher kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass Manager von Fußballclubs ihn beachten.

    Was genau soll der Marktwert denn überhaupt sein? Eine mögliche Ablösesumme? Eine solche wird bei einem 33jährigen fast zwangsläufig nahe Null liegen. Oder der tatsächliche Wert eines Spielers für sein Team? Dieser ist noch viel hypothetischer.

    Eine Frage, die mich viel mehr interessiert: Wie errechnet/verändert sich bei TM die Prozentzahl der Wechselwahrscheinlichkeit bei den Gerüchten?
    Heibel, bitte ermitteln Sie!

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