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Okt
20

(Kein) Wiederholungsspiel? – Zum Phantomtor von Hoffenheim

Als der Kopfball von Stefan Kießling in der 70. Minute des Bundesligaspiels zwischen 1899 Hoffenheim und Bayer Leverkusen über das mittlerweile berühmte Loch im Netz den Weg ins Tor fand, war ich – wie so viele – geneigt, spontan ein Wiederholungsspiel zu fordern. Mein Gerechtigkeitsempfinden ließ da keinen Zweifel zu. Doch so einfach ist es nicht.

Die FIFA hält die Tatsachenentscheidung im Fußball hoch. Und das ist zu einem gewissen Grad auch gut so. Wie der vergangene Freitag aber einmal mehr gezeigt hat, ist es die einzig richtige Entscheidung, dass auf Spitzenniveau bald eine Torlinientechnologie kommen wird. Gäbe es sie bereits, würden wir uns heute über das Loch im Hoffenheimer Tornetz amüsieren, anstatt uns den Mund fusselig zu reden.

Die Tortechnologie lässt aber in der Bundesliga mindestens noch bis zum kommenden Sommer auf sich warten. Deswegen liegt die Entscheidungshoheit weiter beim Schiedsrichter. Und der kann nun einmal nicht mehr sehen als das, was er sieht. Gleiches gilt für seine Assistenten und die Spieler. Wobei einige der 22 Akteure auf dem Platz vermutlich die beste Sicht auf das Geschehen hatten.

Dass die Leverkusener um „Torschütze“ Stefan Kießling sowie die exzellent positionierten Stefan Reinartz und Sidney Sam nichts gesehen haben (wollen), kann man ihnen aus professionellen Gründen nicht verdenken. Sie sind dafür nicht zu ächten. Sehr wohl hätten sie aber zu Legenden des Fair Play werden können, wenn sie dem Schiedsrichter schonungslos alles gesagt hätten.

Hoffenheimer in der Bringschuld

Die eigentliche „Schuld“ an dem Dilemma, das man bis zum Wiederanpfiff nach dem Phantomtor noch hätte abwenden können, trifft die Hoffenheimer. Angefangen damit, dass die Heimmannschaft für den intakten Zustand der Tore und ihrer Netze verantwortlich ist. Des Weiteren hätte ein Teil der 1899-Akteure durch Proteste den Wiederanpfiff verzögern können, während ein anderer Teil der Frage nachgegangen wäre, wie der Ball überhaupt ins Tor gelangen konnte, wo er doch offensichtlich danebengegangen war. Das Loch im Netz wurde schließlich erst wenige Minuten später von Hoffenheimer Ersatzspielern entdeckt. Dummerweise zu spät…

Die Bildregie in der Rhein-Neckar-Arena hätte für eine Lösung des Problems sorgen können. Zwar verbieten DFL und FIFA das Einspielen „kritischer Szenen“, doch in diesem Fall hätte man mit diesem Verstoß Schlimmeres verhindern können. Den Rüffel von den Verbänden hätte die TSG sicher gern in Kauf genommen.

Tortechnologie dringender benötigt denn je

Die Szene hat bewiesen, wie sehr sich die FIFA verheddert hat. Tatsachenentscheidung ist schön und gut, und man sollte nicht auf die Idee kommen, irgendwann Sensoren einzuführen, die über eine Abseitsstellung entscheiden oder bei jedem Körperkontakt den Videobeweis bemühen; aber bei der essenziellsten aller Fragen – Tor oder kein Tor – ist jeder Tag ohne Torlinientechnologie einer zu viel.

Abgesehen davon kann man noch eine weitere Diskussion aufmachen: Ist ein irreguläres Tor in letzter Konsequenz nicht genauso schlimm wie ein regulärer Treffer, der nicht anerkannt wird, weil der Schiedsrichter den Ball nicht hinter der Linie gesehen hat? So geschehen im WM-Achtelfinale 2010 zwischen Deutschland und England (4:1) beim berühmten Bloemfontein-Tor. Auch 1899 Hoffenheim wurde am 1. Spieltag der laufenden Saison gegen den 1. FC Nürnberg (2:2) Opfer der nicht vorhandenen Torlinientechnik, als ein Schuss von Kevin Volland aus spitzem Winkel klar hinter der Linie war, der Ball aufgrund des Effets nach dem Aufprallen aber wieder vom Tor wegrotierte.

So oder so führt alles für mich nur zu einem Schluss: Bei der Entscheidung Tor oder nicht Tor liegt die Entscheidungsgewalt unter Hinzuziehen aller zugelassenen Mittel beim Schiedsrichter. Punkt. Bis zum Wiederanstoß kann die benachteiligte Mannschaft alles tun, um eine mögliche Fehlentscheidung abzuwenden. Wenn sie das nicht tut, muss sie mit den Konsequenzen leben. Ansonsten sollte sich die Liga hinterfragen, ob man die Torlinientechnologie nicht vielleicht doch schon in der Winterpause einführt. Technisch einsatzfähig ist sie. Sonst würde die FIFA sie kaum bei der WM im kommenden Sommer verwenden wollen.

Was noch gegen ein Wiederholungsspiel spricht

Was bislang kaum thematisiert wurde: Ein Wiederholungsspiel würde logischerweise bei 0:0 starten, Bayer Leverkusen lag zum Zeitpunkt des Phantomtors nach 70 Minuten aber mit 1:0 in Führung. Wer also Gerechtigkeit für die Hoffenheimer anprangert, der sollte den Faktor nicht außer Acht lassen, dass ein Wiederholungsspiel auch den Leverkusenern gegenüber nicht vollauf gerecht wäre.

Sollten die Verbände tatsächlich grünes Licht für eine Neuansetzung geben, muss man eigentlich hoffen, dass Bayer diese Partie regulär gewinnt, damit alles „im Lot“ ist und im Extremfall der Gewinn der Deutschen Meisterschaft durch die Werkself in dieser Saison nicht für alle Zeit mit einem Makel versehen werden müsste. Auf der anderen Seite darf es nicht sein, dass Hoffenheim sich im Wiederholungsspiel für seine eigene Nachlässigkeit bei der Wartung des Tornetzes noch mit drei Punkten belohnen kann.

In dieser Frage gibt es keine richtige Lösung. Aber eine Wiederholung wäre unter den aktuell verfügbaren Gegebenheiten die weniger richtige.

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