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Jun
02

WM 2014 Gruppe C: Offene Entscheidung

Kein echter Favorit, kein echter Außenseiter: In der Gruppe C geht es auf dem Papier so offen wie in keiner anderen Gruppe zu. Die Chance für Kolumbien, die Elfenbeinküste, Griechenland und Japan auf das Achtelfinale. Es könnte eine Gruppe mit vielen Punkteteilungen werden, bei der schon eine Niederlage verheerend sein kann – ebenso wie ein Sieg doppelt wertvoll wäre.

Kolumbien: Vorne hui, hinten pfui

Dank starker WM-Qualifikation und der eigenwilligen Arithmetik der FIFA-Weltrangliste haben es die Kolumbianer zum Kopf der Gruppe C gebracht – obwohl die letzte Teilnahme an einer Weltmeisterschaft 16 Jahre zurückliegt. Damals wie heute dabei: Torwart-Oldie Faryd Mondragon. Der 42-jährige Ex-Kölner steht sinnbildlich für die Probleme der „Cafeteros“ im hinteren Bereich: Es kommt zu wenig nach. Nicht von ungefähr hat es auch Innenverteidiger Mario Yepes mit seinen 38 Lenzen in den WM-Kader geschafft.

Je weiter man die Aufstellung nach vorne durchgeht, desto erlesener wird es aber. Jackson Martinez vom FC Porto ist international einer der begehrtesten Stürmer, der Noch-Herthaner und Bald-Dortmunder Adrian Ramos hat in der Vorsaison in der Bundesliga stolze 16-mal getroffen. Dazu kommen im Mittelfeld erstklassige Kräfte wie James Rodriguez (AS Monaco), Fredy Guarin (Inter Mailand) oder Juan Cuadrado (AC Florenz).

Der Star des Teams steht aber immer noch auf der Kippe: Die Verfassung von Torjäger Radamel Falcao (AS Monaco) ist nach dessen Kreuzbandriss aus den Wintermonaten ein Rätsel. Ein ganzes Volk hat für die Genesung seines Knies gebetet, Falcao hat diverse Wunderheiler aufgesucht. Wie fit er wirklich ist, wird man erst im Ernstfall sehen.

Prognose: Offensivpower ist auch ohne Falcao vorhanden, allerdings ist bei einem Turnier die Balance zwischen den Mannschaftsteilen ein entscheidender Faktor. Fehlende WM-Erfahrung bei 22 der 23 Spieler könnte sich als Problem erweisen. Dennoch: Nicht zuletzt weil das Turnier auf dem eigenen Kontinent stattfindet und man die Gegebenheiten kennt, sollte Kolumbien das Achtelfinale erreichen.

Elfenbeinküste: Der letzte Tanz der alten Männer

Didier Drogba ist 36, Didier Zokora 33, Kolo Touré 33, Yaya Touré auch schon 31 – für die Korsettstangen der Ivorer steht voraussichtlich das letzte Weltturnier auf dem Programm. Immer hoch gewettet, ist das Team sowohl 2006 als auch 2010 nicht über die Vorrunde hinaus gekommen.

Damals hatte das afrikanische Star-Ensemble in den Niederlanden und Argentinien bzw. Brasilien und Portugal aber auch zwei schier übermächtige Gegner in der Gruppe. Dieses Mal gibt es keinen Giganten. Das Motto für die Elefanten muss also lauten: Wenn nicht jetzt, wann dann.

Doch bereits bei zahlreichen Afrika-Meisterschaften haben die Ivorer gezeigt, dass bei aller fußballerischen Klasse das Nervenkostüm nicht ihre Stärke ist. Immer galten Drogba und Co. im letzten Jahrzehnt bei Kontinentalmeisterschaften als Top-Favorit, mehr als zwei verlorene Finals sprangen aber nicht dabei heraus. Gewisse Zweifel sind also auch bei der WM erlaubt.

Prognose: Fast alle Spieler verdienen ihr Geld in einer europäischen Top-Liga, internationale Erfahrung ist reichlich vorhanden. Das Klima sollte den hitzegewohnten Ivorern auch entgegenkommen. Dennoch darf sich das Team in der ausgeglichenen Gruppe keine Fehler erlauben, um das Achtelfinale zu erreichen. Dort wären Italien, Uruguay oder England mögliche Gegner. Allzu lange wird der WM-Aufenthalt wohl auch dieses Mal nicht andauern.

Griechenland: Hält die Mauer?

Zumindest eines muss man den Griechen lassen: Der Europameister von 2004 bleibt sich treu. Auch zehn Jahre nach dem größten Erfolg ihrer Fußballgeschichte kommen die Hellenen dank einer betont defensiven Spielweise mit drei zentralen Mittelfeldspielern vor der Viererabwehr zu ihren Erfolgen. Spektakulär ist das nicht, aber fünf Teilnahmen an den letzten sechs großen Turnieren geben der Mannschaft Recht.

Inmitten der offensivfreudigen Gegner in der Gruppe C scheint die Rolle der Griechen daher klar: Sowohl gegen Kolumbien als auch gegen Japan und die Elfenbeinküste wird das Team von Trainer Fernando Santos den Spielverderber gegen und das Heil über Konter suchen. Die Hoffnungen ruhen dort vor allem auf dem in Deutschland aufgewachsenen Kostas Mitroglou, der vor allem zwischen August und Dezember 2013 durch Tore am Fließband aufhorchen ließ. Nach seinem Wechsel im Januar zum FC Fulham hat er aber – auch verletzungsbedingt – seine Top-Form verloren.

Das sonst so große Bundesliga-Kontingent bei den Griechen ist dieses Mal sehr klein: Der Dortmunder Sokratis ist der einzige aktuelle Deutschland-Legionär. Dafür sind die „Ehemaligen“ José Holebas, Georgios Tzavellas, Alexandros Tziolis und Theofanis Gekas nominiert.

Prognose: Die Griechen sind schwer zu schlagen. Um in die nächste Runde einzuziehen, müssten die Defensivkünstler aber ihrerseits mit ihren beschränkten Mitteln in der Offensive mindestens einen Sieg einfahren und ansonsten auf eine günstige Gruppenkonstellation hoffen. Nur dann scheint das Achtelfinale möglich. Eine frühe Heimreise ist da schon wahrscheinlicher.

Japan: Weiter, immer weiter

Mehrere Experten haben die Japaner im Vorfeld der WM als Überraschungsmannschaft genannt. Die Auslosung in die Gruppe C gibt diesen Tipp in jedem Fall her. Allerdings: Japans größter Trumpf ist eine tolle Organisation, die auf einem sehr laufintensiven Spiel beruht. Dieses – auch da sind sich die Gelehrten einig – wird in Brasilien kaum über 90 Minuten durchzuziehen sein.

Dennoch ist der Mannschaft auf dem Papier einiges zuzutrauen. Um ihre Stars Shinji Kagawa (Manchester United) und Keisuke Honda (AC Milan) herum tummeln sich mittlerweile viele Spieler mit Anstellung in einer europäischen Top-Liga. Die meisten verdienen ihr Geld in Deutschland. Dies sind die Abwehrspieler Gotoku Sakai (Stuttgart), Hiroki Sakai (Hannover) und Atsuto Uchida (Schalke), die Mittelfeldspieler Makoto Hasebe und Hiroshi Kiyotake (beide Nürnberg) sowie die Angreifer Shinji Okazaki (Mainz) und Yuya Osako (1860 München).

Zum Nachteil könnte einmal mehr die Größe werden. Kolumbien, die Elfenbeinküste und Griechenland besitzen über zahlreiche starke Kopfballspieler. Das Spiel in der Luft ist aber allein traditionell nicht die Domäne der Japaner, bei denen nur fünf Feldspieler im Kader mehr als 1,80 Meter messen – in dieser Gruppenkonstellation könnt dieser Umstand zur Achillesferse werden.

Prognose: Potenzial ist da, doch in Brasilien scheinen die Japaner ihrer größten Stärken beraubt zu sein. Nur wenn es Trainer Alberto Zaccheroni gelingt, das Spiel der Mannschaft den Gegebenheiten anzupassen, ist für Asiens Nummer eins das Achtelfinale drin.

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