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Jun
04

WM 2014 Gruppe D: Drei Weltmeister und ein Außenseiter

Sieben WM-Titel verbergen sich in der Gruppe D. Doch der Schein trügt: Der 1966er Champion England lief zuletzt mehr denn je der Musik hinterher. Vierfach-Weltmeister Italien und die zweimal in Südamerika erfolgreichen Uruguayer gehen als Favoriten in die Gruppe. Costa Rica dürfte nur für drei Spiele bei der WM vorbeischauen.

Uruguay: Offensivpower mit Fragezeichen

Suarez, Cavani, Forlan – drei Angreifer, bei deren Namen man nur mit der Zunge schnalzen kann. Großes Aber: Diego Forlan, 2010 noch mit dem Goldenen Ball als bester Spieler der WM in Südafrika ausgezeichnet, ist mittlerweile 35 Jahre alt und spielt in der bestenfalls zweitklassigen japanischen Liga. Edinson Cavani steht seit seinem 65 Millionen Euro schweren Wechsel vor Jahresfrist vom SSC Neapel zu Paris St. Germain nicht nur im Schatten des Eiffelturms, sondern vor allem des Vereinskollegen Zlatan Ibrahimovic. Und Luis Suarez, der für den FC Liverpool mit 31 Liga-Toren die Saison seines Lebens gespielt hat, musste sich erst Ende Mai einer Knie-OP unterziehen. Hinter seiner Verfassung muss man ein Fragezeichen setzen.

Es gibt allerdings auch ein positives Aber: Die Urus haben ein Team, das im Kern seit vielen Jahren eingespielt und gewachsen ist. Vor allem die Defensive um Keeper Fernando Muslera (Galatasaray) und die Verteidiger Diego Godin (Atlético Madrid), Diego Lugano (West Bromwich) sowie Martin Caceres (Juventus Turin) stellt internationale Klasse dar. Dies macht die zumeist kompakt und aggressiv agierenden Uruguayer auch ohne die gewohnte Durchschlagskraft in der Spitze zu einem sehr unangenehmen Gegner.

Hinzu kommt der Faktor der Heimatnähe: Das kleine Land mit nur 3,3 Millionen Einwohnern grenzt direkt an Brasilien. Klimatisch und kulturell genießt die „Celeste“ also einen Vorteil. Hinzu kommt die Geschichte: Uruguay war bereits 1950, bei der ersten WM in Brasilien, der große Spielverderber und schnappte sich den Titel. Nicht wenige trauen auch dem Team von 2014 zu, zumindest in die Nähe des Finals im Maracana zu kommen. Die Auslosung würde eine Neuauflage des 50er Endspiels gegen Brasilien schon im Viertelfinale ermöglichen. Angst vor einem erneuten „Maracanazo“ (Schock von Maracana) wäre im Land des Gastgebers dann gewiss vorhanden.

Prognose: Wenn alle Korsettstangen ihre Form erreichen, kann der WM-Vierte von 2010 eine ähnliche Platzierung erreichen. Die Auslosung mit Italien und England in der Gruppe sowie Brasilien, Spanien, Chile oder den Niederlanden als potenziellen Gegnern bereits im Viertelfinale ist allerdings eine hohe Hürde. Bis in die Runde der letzten Acht sollten es die Urus aber allemal schaffen.

Italien: Wieder hopp oder topp?

Bei den Italienern hat man bei jedem großen Turnier den Eindruck, dass die Vorrunde die größte Hürde ist. Wenn diese aber einmal mit Erfolg genommen ist, muss man der Squadra Azzurra alles zutrauen. So blamierte sich der Titelverteidiger 2010 mit dem Aus in der Gruppenphase, und selbst bei den WM-Titelgewinnen 1982 und 2006 überstand das Team die Vorrunde gerade so – um anschließend richtig loszulegen.

Ausreichend Potenzial für einen langen Verbleib im Turnier ist bei den traditionell taktisch perfekt geschulten Azzurri auch dieses Mal vorhanden. Auch wenn der Zenit ihrer Karrieren bereits ein Stück überschritten scheint, stellen Keeper Gigi Buffon (36) und vor allem Spielmacher Andrea Pirlo (35) immer noch Spitzenklasse dar. Besonders im Fall des bärtigen Mittelfeldvirtuosen mit dem göttlichen Fußgelenk ist allerdings abzuwarten, wie er die Bedingungen in den tropisch-heißen Spielorten Manaus, Recife und Natal wegsteckt. Beim Confed Cup im Vorjahr war ihm die Belastung schon deutlich anzumerken.

Neben dem Schlüssel-Duo verfügt Italien wie immer über Vielzahl von Klasseleuten. Dem tut selbst der Schienbeinbruch von Milan-Star Riccardo Montolivo keinen Abbruch. Vor allem Thiago Motta oder Daniele De Rossi als Abräumer und Aggressive Leader sind mittlerweile Unikate, nach denen sich andere Nationaltrainer die Finger lecken würden. Ebenfalls dabei: die unberechenbare Skandalnudel Mario Balotelli, die Deutschland 2012 im Halbfinale der EM das Fürchten lehrte, und die neue BVB-Wertanlage Ciro Immobile bei seinem ersten großen Turnier.

Prognose: Mit einem Sieg gegen England in der Sauna von Manaus und einem eingeplanten Sieg gegen Costa Rica am zweiten Spieltag dürfte es im letzten Gruppenspiel gegen Uruguay für die Elf von Cesare Prandelli um Nichts mehr gehen. Ab dem Viertelfinale, wenn die Italiener normalerweise erst heiß laufen, „drohen“ packende Spiele gegen Brasilien, Spanien, Chile oder die Niederlande. Gegen diese Gegner muss man der Squadra alles zutrauen. Das Halbfinale ist drin, danach alles möglich.

England: Wankende Giganten

Vor 1966 sind die Engländer stets in dem Selbstverständnis zur WM gereist, als Mutterland des Fußballs den Titel gewinnen zu müssen. Als sie ihn 1966 im eigenen Land endlich geholt hatten, war es nach dem eigenen Selbstverständnis nur eine Frage der Zeit, bis dies zum zweiten Mal gelingt. Dumm nur: Der vierte Platz 1990 war seither das höchste der Gefühle.

Weil besonders der englische Nachwuchs lahmt und das Mutterland in dieser Hinsicht ähnlich katastrophal aufgestellt ist wie Deutschland um 2000 herum, fordert bei der WM 2014 aber niemand in der Heimat mehr den Titel. Im Gegenteil: Schon das Erreichen der K.O.-Runde wird als Erfolg angesehen. Und das wäre er auch.

Denn die Abwehr muss sich nach den Rücktritten der in die Jahre gekommenen John Terry und Rio Ferdinand gerade finden, das Mittelfeld lebt derweil noch zu stark von den Alt-Stars Frank Lampard (35) und Steven Gerrard (34). Doch es gibt auch Hoffnungsschimmer: Im Liverpooler Daniel Sturridge (25) haben die Three Lions mittlerweile eine ähnlich starke Angriffswaffe wie Superstar Wayne Rooney (28). Auch im Mittelfeld könnte der Liverpooler Teenie Raheem Sterling bei seinem ersten großen Turnieren zu einer positiven Überraschung avancieren.

England hat allerdings das Pech, eine schwere Gruppe erwischt zu haben – und einen ungünstigen Spielplan noch dazu. Wenn gegen Italien und Uruguay zum Auftakt nicht mindestens drei Punkte geholt werden, dürfte es im letzten Gruppenspiel gegen Costa Rica nur noch um die goldene Ananas gehen.

Prognose: England kann bei dieser WM nur positiv überraschen. Dazu bräuchte das Team von Roy Hodgson gegen Italien oder Uruguay einen absoluten Sahne-Tag. Bleibt der aus, dürfte erstmals seit 1958 nach der Vorrunde Schluss sein.

Costa Rica: Der Partygast

Ähnlich wie Australien in der Todesgruppe B ist auch Costa Rica in der Gruppe D nur zu bemitleiden. In den eigenen Möglichkeiten ohnehin limitiert, hat Fortuna dem kleinen mittelamerikanischen Land auch noch drei Brocken zukommen lassen. Das ist definitiv zu viel des Guten.

Schließlich ist Angreifer Bryan Ruiz (PSV Eindhoven) der einzige Spieler im aktuellen Kader, der eine gewisse Klasse verkörpert. Ansonsten stehen neun seiner Kollegen in der auf deutschem Amateurniveau befindlichen heimischen Liga unter Vertrag. Das sagt bereits alles über die Leistungsdichte.

Prognose: Schon die Qualifikation war ein Erfolg – zumal sämtliche Siege in Heimspielen errungen wurden. Die gibt es in Brasilien nicht. Alles andere als drei klare Niederlagen wären eine Überraschung.

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