«

»

Jun
11

WM 2014 Gruppe G: Deutschlands hohe Hürde

Die deutsche Mannschaft gilt als einer der Topfavoriten auf den Titel bei der Weltmeisterschaft 2014. Doch bereits die Vorrundengruppe mit Portugal, Ghana und den USA hat es in sich. Ist die Hürde nicht zuletzt mit Blick auf die Personalprobleme beim dreimaligen Weltmeister vielleicht sogar zu hoch?

Deutschland – Favorit mit Fragezeichen

„Auf dem Papier gesehen haben wir eine Topmannschaft. Aber die Realität sieht im Moment etwas anders aus: Einige Spieler waren über Monate hinweg verletzt, andere haben mit fehlendem Rhythmus und ihrer Form zu kämpfen.“ Bereits im März ahnte Bundestrainer Joachim Löw, was die Stunde bei der WM schlagen könnte. Wenige Tage vor dem Turnierbeginn stellt sich die Situation sogar fast noch schlimmer dar.

Deutschlands formstärkster Feldspieler Marco Reus fällt verletzt für das Turnier aus. Mario Gomez wurde wegen Formschwäche nach Verletzung gar nicht erst nominiert, ebenso wie Ilkay Gündogan, der fast eine komplette Saison verpasst hat. Schlüsselspieler wie Bastian Schweinsteiger, Miroslav Klose, Sami Khedira und Manuel Neuer gehen nach kleineren oder größeren Blessuren nicht in bester Verfassung ins Turnier. Kurzum: Bei aller Klasse besonders im Offensivbereich muss man das Titelpotenzial als geschmälert betrachten.

Dass Löw in dem fast 36-jährigen Miroslav Klose zudem nur eine echte Spitze berufen hat, ist zu Recht nicht ohne Echo geblieben. Löws Vorliebe für die Lösung mit einem gelernten offensiven Mittelfeldspieler in vorderster Front, der seine größere Wendigkeit gegen große Verteidiger in die Waagschale werfen kann, hat trotz rund einem Dutzend Versuchen im Vorfeld nicht so recht Früchte getragen.

Prognose: Deutschland muss wie 2010 erneut beweisen, dass einzelne Ausfälle (damals u.a. von Kapitän Michael Ballack) der Mannschaft eine Extra-Portion Moral verleihen können. Nur dann ist angesichts der gewachsenen Qualität im Kader vielleicht sogar der Titel drin. Sorgen bereitet aber die Dysbalance zwischen Offensive und Defensive. Nicht immer wird das Team mehr Tore erzielen können als der Gegner. Die Gruppe sollte überstanden werden, das Viertelfinale das Minimalziel sein. Danach entscheiden Nuancen, wie weit es geht.

Portugal – CR7 und wer noch?

Den amtierenden Weltfußballer in seinen Reihen zu wissen, wäre für jede Mannschaft ein unschätzbarer Vorteil. In Portugal ist dies aber noch einmal etwas anderes als in Brasilien, Spanien oder Argentinien, weil Cristiano Ronaldo mit seiner Klasse mindestens ein Level über dem Rest des Kaders schwebt. Das Problem: Der Superstar von Real Madrid konnte in der Vorbereitung kaum mit dem Ball trainieren.

Unter seinen Mitspielern finden sich diverse international anerkannte Kräfte wie Ronaldos Real-Kollegen Pepe und Fabio Coentrao oder Joao Moutinho vom AS Monaco. Insgesamt fehlt es aber in jedem Mannschaftsteil mindestens an einem Spieler der Extraklasse. Das wird am deutlichsten im Tor bzw. im Sturmzentrum, wo Keeper Rui Patricio bzw. der  Ex-Bremer Hugo Almeida oder Helder Postiga sicherlich nicht zur internationalen Klasse zählen.

Die Mannschaft ist allerdings sehr spielstark und zugleich taktisch diszipliniert. Diese Mischung hat das kleine Land in den letzten Turnieren zumeist weit gebracht: 2004 wurde die Selecao im eigenen Land EM-Zweiter, 2006 bei der WM in Deutschland sprang Platz vier heraus, 2012 bei der EM musste man sich erst im Halbfinale dem großen Nachbarn Spanien knapp geschlagen geben.

Prognose: Portugal gehört zu den konstantesten Nationen bei großen Turnieren. Noch dazu gibt es in der ehemaligen Kolonie Brasilien eine große portugiesische Gemeinde. Allerdings wiegen die Probleme Ronaldos, der sein Land fast im Alleingang zur WM geschossen hat, schwer. Ist er bei den Spielen auf der Höhe, reicht es mindestens für das Achtelfinale. Ansonsten könnte das erste Vorrunden-Aus bei einer großen Meisterschaft seit zwölf Jahren Realität werden.

Ghana – Wirkliche „Black Stars“ oder Großmäuler?

Keine afrikanische Nation kam im Vorfeld der WM so selbstbewusst daher wie Ghana. Mindestens das Halbfinale sollte es sein, wenn nicht gar der Titel. Das Selbstbewusstsein kommt nicht komplett von ungefähr, immerhin waren die „Black Stars“ 2006 (Achtelfinale) und 2010 (Viertelfinale) bester afrikanischer WM-Teilnehmer.

Viele Spieler im Kader stehen vor ihrer zweiten oder dritten WM und dürften sich von der Atmosphäre beim Weltturnier nicht verrückt machen lassen. Star im Team ist der Schalker Kevin-Prince Boateng. Gemeinsam mit den Ayew-Brüdern André und Jordan (beides Söhne des Idols Abédi Pelé) sowie Michael Essien (AC Milan) und Asamoah Gyan, der mittlerweile in den Vereinigten Arabischen Emiraten in erster Linie Geld verdient, zählt er zu den herausragenden Akteuren.

Ghana überzeugt durch große mannschaftliche Geschlossenheit und eine für afrikanische Mannschaften nach wie vor nicht alltägliche Disziplin und Abgeklärtheit. Das macht sie zu einem gefährlichen Mitbewerber für die deutsche Mannschaft.

Prognose: Das USA-Spiel zum Auftakt wird vorentscheidend. Gelingt wie schon 2006 und 2010 ein Sieg, wird Ghana mit gigantischem Selbstvertrauen ins Deutschland-Spiel gehen. Vermutlich entscheidet sich Ghanas Weiterkommen in einem „Endspiel“ gegen Portugal. Gelingt der Einzug in die K.O.-Phase, muss im Achtelfinale nicht zwangsläufig Schluss sein.

USA – Zwei Bundestrainer planen den Coup

Berti Vogts (Bundestrainer von 1990 bis 1998) und Jürgen Klinsmann (Bundestrainer von 2004 bis 2006) nehmen es mit ihrem Heimatland auf. Das ist eine delikate Mischung. Vogts als Taktikspezialist und absoluter Kenner des Weltfußballs soll dem Visionär und Motivator Klinsmann zuarbeiten, der einst sein Kapitän beim EM-Sieg 1996 war – nebenbei dem letzten Titel, den Deutschland gewonnen hat.

In Kombination sind sie nicht nur für ihren Nachfolger Joachim Löw und das deutsche Team gefährlich. Die USA haben in den bislang drei Jahren unter Klinsmann einen Sprung gemacht, sind mittlerweile die klare Nummer eins ihres Kontinentalverbandes CONCACAF.

Dies gelang auch, weil Klinsmann rund um den Globus die Augen offen hält nach Profis mit amerikanischen Wurzeln. Neben den in Deutschland aufgewachsenen Jermaine Jones, Fabian Johnson, John Brooks, Timothy Chandler und Julian Green ist nicht zuletzt Mikkel Diskerud zu nennen. Norwegischer kann man kaum heißen, und doch ist der Mittelfeldspieler von Rosenborg Trondheim mittlerweile eine Stammkraft – neben arrivierten „original“ US-Boys wie Clint Dempsey oder Michael Bradley. Für Aufsehen hatte im Vorfeld die Nicht-Nominierung von Rekordtorschütze Landon Donovan gesorgt.

Prognose: Die Ergebnisse der Vorbereitung waren zufriedenstellend bis gut. Die USA sind ohnehin bekannt für ihren an Größenwahn grenzenden Optimismus im Sport. Diesen Gegner muss man auf dem Zettel haben in dieser offenen Gruppe. Platz vier mag wahrscheinlich erscheinen, doch auch das Weiterkommen ist nicht auszuschließen.

Schreibe einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Sie können diese HTML-Tags verwenden: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>

*