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Mai
15

WM-Kader 2018: Götze-Dämmerung und Petersens Mondfahrt

Mario Götze, der WM-Held von Rio, fehlt selbst im vorläufigen Aufgebot von Bundestrainer Joachim Löw für die Weltmeisterschaft 2018 in Russland. Was eine Überraschung zu sein scheint, darf eigentlich niemanden mehr vom Hocker hauen.

Joachim Löw hat es tatsächlich getan. Der Bundestrainer, dem Verdienste früherer Tage mindestens genauso wichtig scheinen wie das momentane Leistungsvermögen eines Spielers, hat seinen Weltmeistermacher aussortiert. Mario Götze, immer noch zarte 25, frisch verheiratet, aber längst nicht mehr so frisch in den Beinen wie am furiosen Beginn seiner Karriere, ist tatsächlich nicht dabei beim Projekt Titelverteidigung bei der WM in Russland (14. Juni bis 15. Juli).

Nicht einmal im erweiterten Kader, der bis zum 4. Juni von derzeit 27 auf 23 Spieler reduziert werden muss, war noch Platz für den, der zumindest im WM-Finale 2014 die Welt einen historischen Hauch lang glauben machte, er könnte vielleicht doch „besser als Messi“ sein.

Götze: Fünf Jahre Niedergang, ein magischer Moment dazwischen

Eine Überraschung, geschweige denn eine Sensation, ist das nicht (mehr). Zu lang hält die sportliche Talfahrt des einstigen Megatalents an. Genau genommen fünf Jahre, seit er 2013 unter einigem Getöse von Borussia Dortmund zu Bayern München gewechselt war. Was gerne vergessen wird: 2014 schon war Götze kein Stammspieler mehr. Lediglich sein Geniestreich in der Verlängerung des WM-Endspiels gegen Argentinien überdeckte dies. Dieser eine magische Abschluss zum 1:0 – hochwertige Ballmitnahme mit der Brust, akrobatischer Volleyschuss im Fallen mit links – ließ womöglich auch Löw knapp vier Jahre lang den Glauben an Götze aufrechterhalten.

Doch das leichtfüßige Genie ist behäbig geworden. Das Haifischbecken Bayern München hat ihm nicht gutgetan, die alte Heimat Dortmund war nach seiner Rückkehr 2016 keine Oase mehr. Dazu kam eine hartnäckige Stoffwechselerkrankung, die ihn lange beeinträchtigte und deren Therapie ihn lange zum Zuschauen verdammte. Erst langsam kämpfte sich Götze, der selbst bei der WM 2022 gerade mal 30 Jahre alt wäre, aus dem Tief.

Auf ihn zu verzichten, genauso wie auf den kaum weniger verdienstvollen André Schürrle (3 Tore bei der WM 2014, Vorlage zu Götzes Siegtor im Finale), ist von Löw daher nur konsequent. „Es war nicht seine Saison. Er hat nicht seine Form gezeigt, die er bringen kann“, sagte Löw fast geknickt. Götze besitze allerdings immer noch „eine wahnsinnige Qualität“ – eine Aussage, die man zumindest dahingehend deuten kann, dass für ihn die Tür bei der EM 2020 wieder offensteht. Sofern er sich deutlich steigert.

Petersen zeigt der Welt, dass er besser ist als Götze

Die Überraschung am Dienstag ist die Nominierung von Nils Petersen. So richtig hatte niemand Löw zugetraut, dass er den 29 Jahre alten Stürmer vom SC Freiburg, der „nur“ für die Olympia-Silbermannschaft von 2016, aber noch nicht für die A-Mannschaft gespielt hat, nominieren würde.

Eigentlich lautete die Frage, ob Mario Gomez (VfB Stuttgart) oder Sandro Wagner von Meister Bayern München für den Angriff nominiert wird – neben dem gesetzten Leipziger Timo Werner natürlich. Löw entschied sich für Gomez. Und Petersen. Der war in der abgelaufenen Saison immerhin mit 15 Toren der beste deutsche Bundesliga-Torschütze. Und das nicht bei einem Top-Team, sondern bei einem Underdog, der erst am letzten Spieltag den Klassenerhalt schaffte.

Petersen ist offensichtlich ein Spieler, für den Löw sich gern ein wenig ins tiefe Wasser traut. Er braucht einen solchen Typen, der nicht lange braucht um warm zu werden. „Mein Gefühl ist, dass er mit der Aufgabe wächst, von ihm verspreche ich mir einiges“, versicherte der Bundestrainer: „Er ist auch ein sehr, sehr guter Joker.“

Um genau zu sein: der Beste. 20-mal traf der frühere Münchner und Bremer in der Bundesliga nach einer Einwechslung, häufiger als jeder andere. Genau diese Qualität schätzt Löw an ihm. Und genau diese Qualität könnte in Russland vonnöten sein, wenn im Viertelfinale, Halbfinale oder Finale verzweifelt ein Tor hermuss. Genau für diese Qualität stand bislang übrigens ein anderer: Mario Götze.

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