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Mrz
25

„WM-Titel ein Ding der Unmöglichkeit“ – Bierhoffs These und die Fakten

Nationalmannschaftsmanager Oliver Bierhoff hat sich zu der These hinreißen lassen, dass der WM-Titel in Brasilien für eine europäische Mannschaft kaum zu erringen sei. Einerseits handelt es sich bei dieser Aktion gewiss um den Versuch, den Erwartungsdruck auf die DFB-Elf zu verringern. Andererseits weiß Bierhoff auch um die Statistik. Die untermauert seine These – zumindest auf den ersten Blick.

Europäer in Amerika bislang ohne Chance

Fakt ist: Alle sieben WM-Turniere, die bislang auf dem amerikanischen Kontinent ausgetragen wurden, gingen an amerikanische Mannschaften: Dreimal schlug Brasilien zu (1962 in Chile, 1970 in Mexiko, 1994 in den USA), je zweimal Uruguay (1930 in Uruguay, 1950 in Brasilien) und Argentinien (1978 in Argentinien, 1986 in Mexiko).

Fraglos wird Gastgeber und Rekordweltmeister Brasilien in 15 Monaten zum allerengsten Favoritenkreis gehören. Jedoch ist die Selecao, vergleichbar mit dem deutschen Team vor der Heim-WM 2006, noch im Aufbau. Ferner kann die Kulisse den Gastgeber nicht nur beflügeln. Sollten Neymar, Oscar & Co. holprig starten, könnte die Euphorie schnell ins Gegenteil umschlagen.

Dauer-Mitfavorit Argentinien wird sicherlich ebenfalls zum Favoritenkreis gehören. Das Team um Weltfußballer Lionel Messi besitzt große Qualität und dominiert aktuell die WM-Qualifikation in Südamerika. Wie stark die Gauchos wirklich sind, ist allerdings schwer abzuschätzen. Fakt ist zudem, dass Argentinien es trotz eines traditionell prominent besetzten Kaders letztmals bei der WM 1990 unter die besten Vier geschafft hat.

Uruguay erreichte 2010 bei der letzten WM in Südafrika als beste südamerikanische Mannschaft den vierten Platz, 2011 gewann die kleine Nation (nur 3,5 Mio. Einwohner) zudem die Copa America. Mit Luis Suarez (FC Liverpool) und Edinson Cavani (SSC Neapel) verfügt die „Celeste“ außerdem über zwei Weltklassestürmer, auch die Abwehr genügt internationalen Ansprüchen. Dennoch tut sich Uruguay in der WM-Qualifikation aktuell schwer, muss um das Ticket nach Brasilien zittern. Wenn die „Urus“ dabei sind, wird man sie aber ebenso beachten müssen wie die weiteren Starter aus Südamerika.

Die Geschichte war gestern

Doch zurück zur Bierhoff-These. Unabhängig von der Stärke der Starter aus Südamerika und Europa gibt es genug Argumente, warum die WM 2014 ein offenes Rennen werden kann. Der Geschichte sollte man jedenfalls nicht zu viel Bedeutung beimessen, denn…:

  • 1930 und 1950 haben aufgrund der beschwerlichen Anreise nur wenige Teams aus Übersee die Reise nach Südamerika auf sich genommen.
  • Die Brasilianer von 1970 waren der Konkurrenz so überlegen, dass sie vermutlich in jedem Land der Welt den Titel gewonnen hätten.
  • Die WM 1978 gilt als „verschoben“. Die damalige argentinische Militärregierung soll durch finanzielle Zuwendungen an Peru einen 6:0-Sieg im letzten Zwischenrundenspiel und damit das Ticket für das Finale erkauft haben. Im Endspiel Argentinien – Niederlande (3:1 n.V.) pfiff Schiedsrichter Sergio Gonella aus Italien überaus einseitig zu Gunsten der Gastgeber. Nicht wenige niederländische Spieler und internationale Journalisten witterten danach Schiebung, ohne jedoch Beweise zu haben.
  • Die WM 1994 wurde erst im Elfmeterschießen zu Gunsten der Brasilianer entschieden (3:2 n.E. gegen Italien). Ein anderer Ausgang, und wir würden heute nicht über vermeintliche Chancenlosigkeit sprechen.
  • In Mexiko 1970 und 1986 machte die dünne Luft den Europäern zu schaffen, als teilweise auf über 2.000 Metern Höhe gespielt wurde. In Brasilien 2014 wird die Höhe kaum entscheidenden Einfluss haben: Sieben der zwölf Spielorte liegen auf Meereshöhe oder nur knapp darüber (u.a. Endspielort Rio de Janeiro). Das „Dach“ der WM bildet die Hauptstadt Brasilia mit einer Höhe von 1150 Metern. Für austrainierte Profis stellt das heutzutage kein größeres Hindernis mehr dar.
  • 1970, 1986 und 1994 waren vor allem die hohen Temperaturen problematisch, weil auf Wunsch der europäischen TV-Stationen in den Mittags- und Nachmittagsstunden bei 35 bis 40°C im Schatten gespielt wurde. Auch in Brasilien werden viele Spiele um 13 bzw. 17 Uhr Ortszeit angepfiffen. Allerdings herrscht im Juni/Juli auf der Südhalbkugel „Winter“. In einem riesigen Land wie Brasilien bedeutet das, dass die Mannschaften mal subtropische und mal gemäßigte Bedingungen vorfinden werden. Hier kann die Auslosung durchaus Einfluss auf den Turnierverlauf haben. Wer etwa in Porto Alegre im Süden des Landes spielt, muss kaum mit Tageshöchsttemperaturen über 20°C rechnen. Sao Paulo und Curitiba bieten zu dieser Jahreszeit ähnliche Verhältnisse. Mittelwarm (bis 25°C im Schnitt) ist es in den meisten Spielorten, darunter Rio de Janeiro und Brasilia. Zu „Hitzeschlachten“ kommt es voraussichtlich in Fortaleza (im Schnitt 29°C), Cuiaba (30°C) und vor allem in Manaus (32°C), das mitten im brasilianischen Regenwald liegt und deswegen zusätzlich zur hohen Temperatur auch über ein besonders feuchtes Klima verfügt. Hier finden jedoch nur Vorrundenspiele statt. Alles in allem dürften Höhe und Witterung also nicht zu einem unüberwindlichen Problem für europäische Mannschaften werden.
  • Der Heimvorteil im Fußball verliert immer mehr an Bedeutung. In den vergangenen 20 Jahren hat sich die Zahl der Auswärtssiege auf nationalem und internationalem Top-Niveau verdoppelt. Nur am Rande: 1994, also vor knapp 20 Jahren, fand die letzte WM in Amerika statt. Seitdem ist im Weltfußball viel passiert. Quintessenz: Qualität und Abgezocktheit setzt sich immer häufiger auch in unbekannter und hitziger Atmosphäre durch.