«

»

Jan
20

WM und EM im Winter? – FIFA und UEFA verrennen sich in einen Fehler

Mit der Vergabe der Fußball-WM 2022 nach Katar fing es an. Weiter ging es mit der Idee, diese WM im Winter auszutragen. Nun berichtet die Sport Bild, dass FIFA und UEFA ab 2015 den kompletten Fußballkalender umkrempeln wollen. Eine weitere Schnapsidee der „Weisen“ aus Zürich und Nyon.

Es ist ja beileibe nicht so, dass einen bei der FIFA oder der UEFA noch irgendetwas überraschen würde. Dafür haben insbesondere ihre aktuellen Präsidenten Sepp Blatter und Michel Platini schon genug schlechte Ideen gehabt – und viele davon leider auch umgesetzt.

Eine Geschichte von Machtgewinn und -erhalt

Die Liste der schlechten Ideen von FIFA-Präsident Sepp Blatter (seit 1998 im Amt) ist fast so lang wie der Amazonas. Hier nur die schlimmsten:

– Fußball-Weltmeisterschaften im Zwei- statt im Vierjahresrhythmus zwecks Gewinnoptimierung (nicht durchgekommen).

– Rotation der WM-Vergabe, damit jeder Kontinentalverband mal an die Reihe kommt. Bewertung: War eine nette Idee, doch Blatters Motive waren die falschen. Auf diese Weise konnte er endlich SEINE WM in Afrika durchdrücken. Kaum war die eingetütet (2010 in Südafrika), hob die FIFA das Rotationsprinzip wieder auf. Seine Einführung hat ihm aber bei kleineren Fußballnationen genug Sympathien und Stimmen für weitere Wiederwahlen eingebracht.

– Ganz aktuell: Vergabe der WM 2022 nach Katar. Jeder Kommentar überflüssig.

Auch sein UEFA-Pendant Michel Platini hat trotz seiner relativ kurzen Amtszeit (seit 2007) schon einiges vorzuweisen. Chapeau, Monsieur:

– Mehr sichere Startplätze für die Meister der kleinen Nationen in der Champions League. Platini sicherte sich so die nötigen Stimmen (vor allem aus den kleinen Ländern Osteuropas), um überhaupt erst UEFA-Präsident werden zu können. Bewertung: Prinzipiell im Sinne des vereinten Europas und des Namens „Champions League“. Aber letzten Endes nur eine halbgare Lösung. Wenn schon, hätte Platini den ganz großen Schnitt machen und alle Nicht-Landesmeister aussperren müssen. So aber nahm er der Champions League Qualität, weil die Meister aus den kleinen Nationen oft nur Kanonenfutter sind und bereits in der Gruppenphase ausscheiden. Stärkere Teams müssen dafür im „Cup der Verlierer“ (s.u.) antreten.

– Sinnloses Aufblähen des UEFA-Cups bzw. der Europa League durch Aufstockung der Teilnehmerzahl (von 64 auf 96 Starter) mit der Folge des Qualitätsverlustes. Außerdem Zunahme der Spiele auf dem Weg zum UEFA Cup-Sieg auf mindestens 17. Als Schalke 1997 diesen Pokal gewann, waren es noch 12. Damit hat Platini nicht gerade zu einer Entzerrung des Spielplans und einer Entlastung der Spieler beigetragen.

Neue „revolutionäre“ Idee: Ligafußball von April bis November, WM und EM im Winter

Nun haben die beiden mächtigsten Männer des Weltfußballs (au Backe!) allem Anschein nach eine neue, „revolutionäre“ Idee. Wie die Sport Bild in der Ausgabe vom 19. Januar 2011 berichtet, planen Blatter und Platini im Falle ihrer Wiederwahl eine komplette Änderung des Rahmenterminkalenders.

Demnach soll der Ligabetrieb weltweit umgestellt werden. Wird bislang fast überall von August bis Mai gespielt (u.a. in den fünf großen Ligen), soll laut den Informationen, die der Sport Bild vorliegen, ab 2015 der Ball in den Ligen und im Europapokal von April bis November rollen. Die Nationalmannschaft hätte in dieser Phase Sendepause. Im Dezember und Januar würde der Ball dann weltweit ruhen. Welt- und Europameisterschaften fänden immer im Februar und März statt. Gleiches gilt für WM- und EM-Qualifikationsspiele. Diese beiden Monate würden also ganz den Nationalmannschaften gehören.

Was wären die Konsequenzen?

Das Motiv hinter diesen Plänen ist, das Niveau bei den großen Turnieren zu heben. Womit wir bei den Vorteilen wären, wenn diese Idee umgesetzt werden sollte:

– Das Niveau der WM- und EM-Turniere würde mit großer Wahrscheinlichkeit steigen, weil die Spieler nicht mehr müde anreisen würden. Nach einer langen Fußballpause im Winter und einer mehrwöchigen Vorbereitung wären sie zu Turnierbeginn frisch. Das würde die gut besetzten Mannschaften bevorteilen, deren Spieler bislang häufig mit schweren Beinen (und Köpfen) nach einer langen Vereinssaison angereist sind.

– Der Zuschauerkomfort in den Bundeligastadien würde steigen, weil die Saison in der Schönwetterphase in Deutschland gespielt würde. Gleiches gilt für die Europapokalwettbewerbe.

Nun die Liste der Nachteile:

– Es macht den Reiz von Welt- und Europameisterschaften aus, dass sie während des europäischen Sommers ausgetragen werden. Europa ist nach wie vor der wichtigste Fußballmarkt. UEFA und FIFA wären schlecht beraten, die Fans vor den Kopf zu stoßen. Grillwürstchen, kaltes Bier, Fernsehen und Feiern im Freien gehören einfach dazu. Wer hat schon Lust darauf, bei Minusgraden auf Marktplätzen zu stehen? Und wie lange würde der Fan das mitmachen?

– Aber auch die Vereine werden sich „bedanken“. Ich hoffe, dass Uli Hoeneß keinen Herzinfarkt erlitten hat, als er von Blatters und Platinis Plänen gehört hat! Die Vereine bezahlen die Nationalspieler das ganze Jahr über, würden sie aber von Dezember bis März nicht zu Gesicht bekommen, weil die entweder gerade bei einer WM oder EM weilen bzw. über Monate eine komplette WM- oder EM-Qualifikation spielen müssen. Und als Dank kommen die auch noch ausgelaugt von diesen Spielen zurück und müssen sofort bereit sein für den Liga- und Europacupbetrieb. Denn in Blatters und Platinis Plänen ist keine Rede von einer Pause NACH den großen Turnieren.

– In den Jahren, in denen keine WM oder EM ansteht, würde sich die Nationalmannschaft zwischen Januar und März Woche für Woche in der Qualifikation mit Gegnern wie Aserbaidschan, Kasachstan oder Belgien messen (müssen). Darauf werden weder Spieler noch Fans besonders große Lust haben.

– Eine Fußball-WM oder -EM im Februar? Wo soll man die austragen, wenn man den Spielern gute Wetter- und Platzverhältnisse bieten möchte? In Deutschland sind die Plätze trotz Rasenheizungen und professioneller Pflege im Februar eher als Acker zu bezeichnen. Große Turniere würden also immer nach Südeuropa gehen oder in Äquatornähe bzw. auf der Südhalbkugel gespielt werden. Mali 2026 und Indonesien 2030 wird sicher ganz groß….

– Nicht zu vergessen: Bislang haben viele andere Sportgroßereignisse gezielt einen Bogen um den Juni und die erste Juliwoche gemacht. Gegen König Fußball kommt eben keiner an. Aber wenn die WM oder EM im Februar stattfände, hätten die Wintersportarten ein Problem. Sollen Olympische Winterspiele etwa künftig in den Dezember bzw. Januar oder in ungerade Kalenderjahre ausweichen, nur weil zwei Herren mit seltsamen Ideen und viel zu viel Macht auf einmal in den Februar umziehen möchten?

Wieder mal nur an die eigenen Interessen gedacht

Sepp Blatter (respektive Depp Blatter) und Michel Platini (Michel Platitude) glauben wahrscheinlich, dass ein neuer Rahmenkalender die beste Idee seit der Erfindung des Fußballs wäre. Warum sollten Sie auch nicht? Immerhin würde bei „ihren“ Turnieren das Niveau steigen. Und mit dem steigen auch Renommee und Einnahmemöglichkeiten. Dass man dabei den Rest der Fußball-, ja sogar der ganzen Sportwelt, vor den Kopf stößt und den Sport nachhaltig kaputt macht, scheint ihnen entgangen zu sein. Oder doch nicht? Laut der Sport Bild wollten die beiden „Unfehlbaren“ des Fußballs ihre Pläne eigentlich bis nach ihrer Wiederwahl im März (Platini) bzw. Juni (Blatter) geheim halten. Man kann nur hoffen, dass jemand die Wiederwahl von „Blattini“ zu verhindern weiß!

Andererseits muss sich auch niemand über diese Idee wundern. Eigentlich ist sie fast ein logischer Schritt: Erst Katar 2022! Dann der Vorschlag, Katar 2022 im Winter auszutragen! Nun die Idee, alle Welt- und Europameisterschaften im Winter auszutragen! Das erscheint einem schon irgendwie wie von langer Hand geplant…

Andererseits ist Irren auch menschlich. Vielleicht hat sich Blatter auch in seiner Katar-Idee verrannt und ist nicht in der Lage, seinen Fehler offen einzugestehen und zu revidieren. Stattdessen zieht er sein Ding bis zum Letzten durch – und bringt damit seinen Laden in Zürich und den aus der Nachbarschaft in Nyon auf einen nicht mehr für möglich gehaltenen neuen Tiefpunkt.

Schreibe einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Sie können diese HTML-Tags verwenden: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>

*