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Sep
26

Zerbricht der FC Barcelona am Facelifting?

Der FC Barcelona hat erkannt, Dinge verändern zu müssen, um top zu bleiben. Nachdem das auf-die-Spitze-treiben der Ballzirkulation, besser bekannt als Tiki-Taka, zuletzt gegen hochklassige Gegner immer mehr ins Nichts mündete, hat sich die Klubführung nach dem krebsbedingten Aus von Trainer Tito Vilanova für eine Kurskorrektur entschieden. Der neue Coach Gerardo Martino soll diese umsetzen. Seine Maßnahmen lassen sich gut an – doch das gefällt nicht jedem.

315 Spiele in Folge hatte der FC Barcelona mehr Ballbesitz als seine Gegner. Bis zum vergangenen Samstag. An diesem Tag gelang es dem Hinterbänkler-Team Rayo Vallecano nicht nur, dem katalanischen Renommierklub 45 Minuten lang Paroli zu bieten. Nein, die Madrider Vorstädter hatten nach den vollen 90 Minuten auch 51 Prozent Ballbesitz auf dem Konto und waren damit häufiger an der Kugel als der Gegner. Dass Barcelona die Partie durch einen Dreierpack von Pedro und einen Treffer von Cesc Fabregas mit 4:0 gewann, wurde angesichts dieser Statistik fast zur Randnotiz.

In mehr als einer Gazette war an den folgenden Tagen sinngemäß vom „Tod des Tiki-Taka“ die Rede, dieses mittlerweile fast urtümlichen Stils des FC Barcelona. Jahrelang galt er als Maßstab für perfekten Fußball. Irgendwann wurde Tiki-Taka aber zum Ballbesitz um seiner selbst willen. Das Spiel verlor seine Zielstrebigkeit, zugleich wurde es angreifbar. Mittlerweile gibt es im modernen Fußball eine neue (und zugleich alte) Definition von Spielkontrolle. Unter dieser versteht man nicht per se den Ballbesitz, sondern das, was man mit dem Ballbesitz anzufangen weiß. Die Verbindung aus perfekter Raumaufteilung, toller Technik und schnellem Umschalten in beide Richtungen ist das neue Tiki-Taka.

Ist Barcas „Seele“ in Gefahr?

Dass nun auch in Barcelona mit Gerardo „Tata“ Martino ein Trainer amtiert, der direkteres Umschalten propagiert, mag da nur zeitgemäß und sinnvoll erscheinen. Es erscheint ja auch logisch: Wenn Supertechniker den Ball laufen lassen können, dann sind sie ja wohl erst recht in der Lage, die „einfachen“ Pässe in die freien Räume spielen.

Doch irgendwie findet dieser Stil trotz sechs Auftakt-Siegen in der Primera Division und dem Gewinn des spanischen Supercups rund um das Camp Nou noch nicht allzu viele Anhänger. Die Zeitung „Sport“ war eine der wenigen Ausnahmen. Sie schrieb am Sonntag: „Wie hoch werden Barcelonas Siege wohl ausfallen, wenn das Team auch noch gut spielt?“

Doch genau das ist es, was nicht so recht zum FC Barcelona passt: das Siegen durch Effektivität. Barcelona, dessen Motto „Més que un club“ („Mehr als ein Klub“) weltbekannt ist, steht wie kein anderer Verein für eine quasi eingemeißelte Philosophie. Barcas mittlerweile etwas in die Jahre gekommener Taktgeber Xavi legte im April gegenüber „uefa.com“ diese Philosophie dar: „Andere Mannschaften sind zufrieden wenn sie gewinnen, aber das ist nicht dasselbe. Ihnen fehlt eine Identität. Das Resultat im Fußball ist ein Betrüger, weil es nicht immer den Spielverlauf und die Qualität der Mannschaften widerspiegelt. Für mich gibt es etwas Größeres als das Ergebnis: das Vermächtnis.“

Dominanter Fußball als Identitätsmerkmal

Analog dazu sieht Xavi sich und seine Mannschaftskollegen beim FC Barcelona zu einer bestimmten Art von Fußball verpflichtet: „Barca wird immer versuchen, das Spiel zu bestimmen. Die Fans der Katalanen würden eine andere Spielweise auch gar nicht nachvollziehen können.“ Für Xavi bedeutet Fußball zu spielen daher, „etwas mehr zu leisten, als nur zu siegen.“

Xavis Aussagen zeigen, wie sehr der Ballbesitz und die Selbstberauschung zur DNA des Vereins gehören. Kein anderer Klub lebt eine solch stringente Philosophie vor. In Barcelona wird sie seit den erfolgreichen Trainertagen von Johan Cruyff Anfang der 1990er Jahre konsequent praktiziert. Das bedeutet auch, dass dieser Stil vielen Spielern, Fans und Medien gewissermaßen in Fleisch und Blut übergegangen ist. Daraus ergibt sich die logische Frage: Kann der FC Barcelona es sich überhaupt erlauben, einen direkteren Stil zu pflegen, und kommt nicht allein der Versuch bereits einem Bruch mit der Identität gleich?

Martinos zweites Risiko: Bockige Stars

Ungewohnt in Barcelona ist auch die Rotation, die Martino eingeführt hat. Waren die Superstars um Lionel Messi, Xavi oder Andres Iniesta unter Pep Guardiola und dessen Nachfolger Tito Vilanova gewöhnt, immer zu spielen, weht unter dem Argentinier ein neuer Wind.

So hat sich der 50-Jährige doch tatsächlich bereits zweimal erlaubt, den viermaligen Weltfußballer Lionel Messi auszuwechseln. Einmal nach 70 Minuten beim Stand von 6:0 gegen UD Levante (Endstand 7:0) und einmal nach 80 Minuten beim Stand von 4:1 gegen Real Sociedad (Endstand 4:1). Martinos Begründung klang durchaus plausibel: „Meine Aufgabe ist es, Messi zu schützen, damit er in wichtigeren Momenten gesund ist. Wenn ich die Chance habe, dann gebe ich ihm eine Pause.“

Rotation kommt nicht an

Martinos Problem ist jedoch, dass Messi immer spielen will – was sich nicht zuletzt an seiner Körpersprache und Gestik nach Auswechslungen manifestiert. Auch andere Spieler im Star-Ensemble halten wenige davon, im Sinne des möglichst großen Teamerfolgs hin und wieder einen Spieltag auf der Bank oder gleich ganz daheim zu verbringen.

So beklagte sich Cesc Fabregas via „Marca“ nach dem Vallecano-Spiel: „Es sieht so aus, als würde der Trainer es mit jedem Spieler machen, auch mit den wichtigen. Wir mögen es aber nicht sonderlich.“ Scheinbar mag der Trainer es auch nicht sonderlich, wenn die Spieler sich über seine Vorgehensweise beklagen: Im folgenden Spiel gegen Real Sociedad erhielt nämlich der 26-jährige Welt- und Europameister Fabregas seine Kreativpause.

Große Titel sind fast nur noch über die Breite zu gewinnen

Auch im Punkt der Rotation scheint sich beim FC Barcelona also eine elitäre Denkweise eingeschlichen zu haben, die den Notwendigkeiten der Moderne entgegensteht. Im Idealfall kommt Barca in dieser Saison in Meisterschaft, Copa del Rey, Supercopa und Champions League auf 62 Pflichtspiele auf Vereinsebene.

Während eine funktionierende Rotation in der abgelaufenen Saison beim FC Bayern München einer der Schlüssel für das konstant hohe Niveau in fast allen Spielen war, hat Barca auch hier noch Bedarf, endlich in der Moderne anzukommen. Nur zur Erinnerung: Hätte man in der Vorsaison mehr rotiert, hätte der FC Bayern 90 anstatt knapp 25 Millionen Euro für Thiago Alcantara bezahlen müssen – abgesehen davon hätte Thiago zudem vermutlich keine Veranlassung gesehen, den Verein zu verlassen…

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