«

»

Sep
21

Zu Kaisers Zeiten – Kuriose Fußballregeln made in USA

Unfassbar, wie viele kuriose Regeln und Wertungssysteme es im Fußball schon gegeben hat. Dieses Mal widme ich mich der nordamerikanischen Fußballliga der 1970er Jahre (NASL), in der u.a. Franz Beckenbauer, Gerd Müller, Johan Cruyff und Pelé ihre Karrieren ausklingen ließen.

Die USA sind das Land der Show-Effekte. Auch beim Sport wollen die Amerikaner unterhalten werden und gefälligst was zu bejubeln haben. Vielleicht sind sie aus diesem Grund mit dem Fußball, der populärsten Sportart der restlichen Welt, nie so recht warm geworden. Schließlich sind beim Fußball Erfolgserlebnisse Mangelware, auf internationalem Top-Niveau fallen im Schnitt weniger als drei Tore pro Spiel.

Dessen ungeachtet hat man in den USA mehrere Versuche unternommen, das Spiel populär zu machen. Am großspurigsten ging man in den 1970er Jahren vor. Die nordamerikanische Fußballliga (NASL) lockte damals jede Menge gealterter Stars mit dicken Gehaltschecks über den großen Teich: Pelé, Franz Beckenbauer, Gerd Müller, Johan Cruyff, George Best, Bobby Moore und viele mehr kickten in den späten 1970ern und frühen 1980ern in der NASL. Doch die Stars alleine machten die Stadien nicht voll. Also mussten ein paar „amerikanischere“ Regeln her.

NASL: Die Amerikanisierung des Fußballspiels

Und die Macher der NASL gaben sich nicht mit Kleinkram zufrieden, sondern machten sich gleich an der heiligsten Fußball-Regel zu schaffen: dem Abseits. Wie beim Eishockey unterteilten sie ab der Saison 1973 das Spielfeld in Drittel. Erst im Angriffsdrittel, ab 35 Yards (ca. 31 Metern) vor dem Tor, griff die Abseitsregel. Ein Traum für alle lauffaulen Stürmer dieser Welt! (Ok, Mario Gomez würde das auch nicht davon abhalten, zehnmal pro Spiel abseits zu sein).

Ein Jahr später wurde der Fußball dann noch mehr amerikanisiert: Wie beim Baseball, Basketball oder Eishockey wurde das Unentschieden abgeschafft. Stand es nach 90 Minuten unentschieden, wurde der Sieger direkt im Anschluss per Elfmeterschießen ermittelt. Außerdem wurde 1974 eine neue Punkteregelung eingeführt: Der Sieger nach 90 Minuten erhielt 6 Punkte, für den Sieger nach Elfmeterschießen gab es noch 3 Zähler. Aber auch die Verlierer konnten durchaus noch etwas mitnehmen: Wer nach 90 Minuten unterlegen war, aber in des Gegners Tor getroffen hatte, erhielt für jede „Bude“ einen Extra-Punkt. Maximal 3 waren möglich, sodass eine 3:4-Pleite nach 90 Minuten genauso viel wert war wie ein Sieg nach Elfmeterschießen. Die Teams sollten so zu einem offensiveren und spektakuläreren Spiel animiert werden.

1977 wurde dann das Elfmeterschießen durch den Shoot-Out ersetzt. Bei dieser Anleihe aus dem Eishockey nahm der angreifende Spieler den Ball bei der 35 Yard-Linie auf und hatte fünf Sekunden Zeit, den Torhüter zu überwinden und die Kugel im Tor zu versenken.

All diese Maßnahmen erhöhten das Spektakel und hielten die Liga relativ lange am Leben. Doch ab den 1980er Jahren intervenierte die FIFA immer energischer, forderte vor allem eine Rückkehr zur konventionellen Abseitsregel. Auch die komplizierte Punktevergabe war dem Weltverband ein Dorn im Auge. Ab 1982 spielte die NASL dann wieder „europäisch“. Zwei Jahre später stellte die Liga den Spielbetrieb ein. Nicht zuletzt, weil dem Publikum das Spiel zu langweilig geworden war.

MLS: Neue Liga mit (nicht immer) neuen Gewohnheiten

Erst 12 Jahre später kam es kurz nach der Fußball-WM 1994 unter dem Namen Major League of Soccer (MLS) zur Neuauflage einer nationalen Fußballliga. Parallelen sind durchaus zu erkennen: Auch die moderne MLS setzt auf teure Alt-Stars. Derzeit lassen zwischen Los Angeles und New York u.a. David Beckham, Thierry Henry, Rafael Marquez, Torsten Frings und Frank Rost ihre Karrieren ausklingen.

Anders als in den Siebzigern ist das Spiel aber nicht mehr so stark amerikanisiert. Es wird zwar in Conferences (Westen und Osten) mit Play-offs gespielt. Doch nachdem die Uhr zunächst wie beim Basketball oder Eishockey herunterlief und bei Unterbrechungen angehalten wurde, ist die Spieldauer mittlerweile dem FIFA-Standard angepasst. Das gilt übrigens auch für die Abseitsregel. Der größte Unterschied zu den europäischen und südamerikanischen Ligen besteht darin, dass es in der MLS weder Auf- noch Absteiger gibt. Typisch für das Franchise-System, das man aus den anderen US-Sportarten kennt.

Komplizierter ist es in der Remis-Frage. In den Kindertagen der MLS griff man zunächst auf den Shoot-Out aus NASL-Zeiten zurück. Ab 2000 hat man sich jedoch schrittweise auf europäische Verhältnisse umgestellt. Zunächst wurde eine zehnminütige Verlängerung mit Golden Goal angesetzt. Stand es danach noch unentschieden, wurden die Punkte geteilt. 2004 wurde auch diese Art der Verlängerung in der regulären Saison aufgehoben, seitdem sind Unentschieden „vollwertige Ergebnisse“. Erst in den Play-offs wird bei Unentschieden nach 90 Minuten eine Verlängerung gespielt. Bislang mit Erfolg, die Amerikaner scheinen den Soccer anzunehmen – auch wenn die Resonanz nicht mit der beim American Football, Baseball oder Basketball zu vergleichen ist.

Schreibe einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Sie können diese HTML-Tags verwenden: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>

*