«

»

Okt
17

Zumindest war’s historisch – Deutschland-Schweden 4:4

Das 4:4 der deutschen Nationalmannschaft gegen Schweden nach 4:0-Führung ist auch am Tag danach nur schwer zu realisieren. Über die Gründe muss man nicht lange spekulieren. Fußballspiele werden im Kopf entschieden. Und das ist nicht (mehr) die Stärke der deutschen Nationalmannschaft.

„Wenn der Kopf funktioniert, ist das wie ein drittes Bein.“ Diesen schlauen Satz sagte Christoph Daum, Star-Trainer a.D. mit einem Faible für das Mentale, im Frühjahr 2011. Wenige Wochen später stieg die von Daum betreute Frankfurter Eintracht in die zweite Liga ab. Ich will mir an dieser Stelle jegliche Schadenfreude gegenüber dem „Zampano“ verkneifen. Doch Daums Eintracht hat damals bewiesen, dass nicht nur Talent und Können für den Erfolg einer Mannschaft wichtig sind, sondern dass immer auch der Kopf mitspielen muss.

Kopf und Können zunächst im Einklang

Zunächst waren beim deutschen Team alle genannten Komponenten im Einklang. Fußball spielen kann die Mannschaft eh. Und wer früh mit 2:0 führt und das Ganze relativ bequem auf 4:0 ausbaut, hat auch allen Grund, „mentalmäßig gut drauf“ zu sein (danke, Andreas Möller). Leider ist der Kopf bei allen deutschen Spielern ab der 60. Minute in den Energiesparmodus gewechselt. Das ist menschlich, darf aber auf Top-Niveau nicht passieren.

Niemand dürfte besser wissen, wohin ein Nachlassen der Motivation im Gefühl des sicheren Sieges führen kann. Keine andere Nationalmannschaft hat sich in der Vergangenheit häufiger in scheinbar verlorene Spiele zurückgekämpft als die deutsche. Bis in die 1990er Jahre hinein war es beinahe ein Gesetz: Deutsche Mannschaften sind erst geschlagen, wenn sie im Mannschaftsbus sitzen und immer noch in Rückstand liegen. Deutsche Aufholjagden gab es vor allem dann, wenn der Gegner spielerisch überlegen war, sich aber nach einer Führung zurücklehnte bzw. die DFB-Elf vorführen wollte. Mittlerweile hat sich die Ausgangslage geändert: Gegen fast jeden Gegner ist die deutsche Nationalmannschaft mittlerweile Ton angebend. Darüber freuen wir uns alle. Nur darf sich die Mannschaft bitte schön immer noch etwas von ihrer alten Mentalität bewahren.

Die Negativ-Spirale nimmt Fahrt auf

Vielleicht gehört es bei spielstarken Mannschaften, die einen Gegner auseinandernehmen können – sofern sie zwischen Anpfiff und Abpfiff ernst machen – aber auch einfach dazu, dass das Gefühl des Rausches zu einem Nachlassen der Spannung führt. Wer selber schon einmal Sport getrieben hat, kann das sicher bestätigen: Im sicheren Gefühl des Sieges nimmt man etwas raus, spielt nicht mehr geradlinig, sondern will hier und da auch mal ein wenig zaubern und die Sache über die Zeit schaukeln. Das Riskante dabei: Schaltet man zu früh einen Gang zurück – nämlich BEVOR der Gegner demoralisiert ist –, kann es gefährlich werden. Denn nichts gibt einer zurückliegenden Mannschaft mehr Schub als ein Gegner, der es scheinbar nicht mehr ernst nimmt und einen gewähren lässt.

Das ist gestern passiert – nicht mehr und nicht weniger. Dass das nicht passieren darf, wenn man die beste Mannschaft der Welt werden will, steht außer Frage. Das darf noch nicht einmal der zweitbesten Mannschaft der Welt passieren, die Deutschland laut FIFA-Weltrangliste ist (auf diese Platzierung beruft sich auch DFB-Präsident Niersbach immer, wenn Kritik am Team laut wird).

Populistisch, aber wahr: Wo ist die Siegermentalität?

Am Ende hat man gestern wieder einmal gesehen, woran es dem deutschen Team fehlt: Siegermentalität. Ich weiß, das wird die Bild-Zeitung heute auch schreiben. Aber im Gegensatz zu denen möchte ich dieses Schlagwort nicht einfach nur im Raum stehen lassen: Große Mannschaften kassieren womöglich ebenfalls das 4:1, so wie Deutschland gestern durch Ibrahimovic in der 62. Minute. Doch große Mannschaften schütteln sich dann nur und zeigen dem Gegner in der Folge, was Sache ist. Große Mannschaften wollen dann das 5:1 machen anstatt das Ergebnis zu verwalten.

Die deutschen Spieler waren dagegen nach dem 4:0 im Basketball-Modus: Immer schön körperlos und vermeintlich „intelligent“ spielen. Als dass nicht funktioniert hat, kam Nervosität dazu, die später in Panik ausartete. Mutloser Fußball war die Folge. Vor allem die Szene vor dem Ausgleich war bezeichnend: Anstatt den Ball in des Gegners Hälfte festzumachen, wurde mit dem Rückpass zu Manuel Neuer die feigste aller Möglichkeiten gewählt. Dem gestern unglücklichen Keeper blieb dann nur, die Kugel nach vorne zu dreschen, von wo sie postwendend und mit Ansage zurückkam. Die Uhr spielt man so sicher nicht runter…

Ein Zlatan für Deutschland!

Als das Spiel vorbei war, dachte ich mir: Mit einem Zlatan Ibrahimovic in der Mannschaft hätten die Deutschen den Gegner „aufgefressen“. Der Schwede mag der arroganteste Spieler seit Eric Cantona sein; doch er ist einer der wenigen Spieler auf der Welt, die fußballerisches Können mit einer unglaublichen, titanenhaften Ausstrahlung kombinieren. Um auf den Daum-Spruch von Anfang zurückzugreifen, besitzt Ibrahimovic sicherlich das „dritte Bein“ (Vorsicht, Zote). Und zwar nicht nur, wenn ein Spiel gut läuft…

P.S.: Mein alter „Buddy“ Tom Bartels war gestern auch wieder mit dabei. Lange der schwächste Mann. Zu seinem Glück gab es die letzten 30 Minuten, sodass sich heute niemand mehr an seine Leistung erinnert. Unter den Blinden ist eben manchmal der Einäugige König.

P.P.S.: Im Gegensatz zu ARD-Experte Mehmet Scholl kann ich der Tatsache wenig abgewinnen, dass die Mannschaft aus diesem Spiel unglaublich viel lernen wird, und dass ihr ein 4:4 nach 4:0 nie wieder unterlaufen wird (das dürfte so schnell keiner Mannschaft der Welt mehr passieren). Naja, zumindest war’s gestern historisch…

1 Kommentar

Derzeit kein Ping

  1. daniel sagt:

    Löw hat einfach absolut mal null auf die Einwechslungen und 2 Tore von Schweden reagiert. Boateng hat sich als neuer Flügelstürmer interpretiert und die rechte Seite komplett aufgemacht. So gut seinen Aktionen in der ersten HZ auch waren. Dass später der Kallström Schweini so schwindelig spielte lag auch daran, dass sonst niemand im Mittelfeld mit nach hinten kam. Man, dann sollen sie halt Westermann als 6er noch bringen… aber nicht Podolski, wenn Götze schon destruktiv und wirkungslos angesichts des Spielverlaufs war…

Schreibe einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Sie können diese HTML-Tags verwenden: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>

*