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Aug
09

Zweite Mannschaft, erste Klasse? – Joselu, Carvajal & Co.

Großer Name, wenig dahinter. Diese Erfahrung haben einige Bundesliga-Vereine gemacht, die sich bei den zweiten Mannschaften von Real Madrid und dem FC Barcelona bedient haben. Bei den Namen Goran Vucevic oder Perica Ognjenovic dürfte es bei dem einen oder anderen Fan klingeln – oder eben nicht, was im Grunde schon alles aussagt. In der Sommerpause waren auch Bayer Leverkusen und 1899 Hoffenheim für teuer Geld bei der Filiale von Real Madrid shoppen. Ob’s was nützt?

„Joselu hat seine Klasse bei Real Madrid schon unter Beweis gestellt. Er passt hervorragend nach Hoffenheim und in diese Mannschaft.“ Angesichts der Worte, die Hoffenheim-Trainer Markus Babbel gestern in einer Pressemitteilung der TSG unterschoben wurden, musste ich schon ein wenig schmunzeln. Immerhin ist der gute Joselu schon ganze zwei Mal für die Erste Mannschaft der „Königlichen“ aufgelaufen.

Joselu und Carvajal: 11 Millionen für Zweitligaspieler

Vorwiegend hat das 22-jährige Sturmtalent für Real Madrid Castilla, die Zweite Mannschaft des spanischen Meisters, in der dritten spanischen Liga gekickt. Auch eine Saison zur Leihe bei Zweitligist Celta Vigo steht in der Vita des Stürmers, dessen Dienste sich Hoffenheim nun stolze sechs Millionen Euro Ablöse kosten lässt. [Anmerkung: Zum Glück sind die Zeiten vorbei, in denen Dietmar Hopp den Verein großzügig unterstützt hat. Respekt für Ihre Geradlinigkeit, Herr Mäzen…]. Immerhin: In seinen 20 Minuten an der Seite von Ronaldo, Özil & Co. hat es Joselu auf zwei Treffer gebracht. Kann er an diese Quote in Hoffenheim anknüpfen, werde ich zu Fuß von Köln ins Kraichgau laufen, versprochen…

Auch Daniel Carvajal, Joselus Landsmann und Ex-Teamkollege bei Castilla, hat den Weg in die Bundesliga gefunden. Der 20-jährige Rechtsverteidiger heuerte mangels Perspektive in der Ersten Mannschaft von Real Madrid bei Bayer Leverkusen an. Kostenpunkt: 5 Millionen Euro. Auch Carvajal ist alles andere als ein Schnäppchen für einen Spieler, der in Spanien vorwiegend Zweit- und Drittligaluft geschnuppert hat. Zumindest ist José Mourinho so sehr von Carvajals Qualitäten überzeugt, dass sich Real ein Rückkaufrecht auf den 1,71-Mann gesichert hat.

Vucevic, Ognjenovic & Co.: Eine Liste des Grauens

Trotzdem: Bei allem Talent müssen Joselu und Carvajal ihre hohen Ablösen erst einmal rechtfertigen. Ihre berühmten und weniger berühmten Vorgänger haben jedenfalls mehrheitlich den Durchbruch in Deutschland nicht geschafft. Nicht überall, wo Real Madrid oder FC Barcelona drauf stehen, ist nämlich auch Real Madrid und FC Barcelona drin.

  • Goran Vucevic (1. FC Köln, 1997-1999, kam vom FC Barcelona B)
    Mit dem „Königstransfer“ vom FC Barcelona wollte der 1. FC Köln in der Saison 1997/98 nach fünf Jahren internationaler Abstinenz endlich wieder die UEFA-Cup-Plätze angreifen. Der 2-Millionen-Einkauf aus Kroatien mit der Erfahrung von zwei Kurzeinsätzen in der Ersten Mannschaft des FC Barcelona erwies sich allerdings bald als körperlich und gedanklich zu langsam für die 1. Bundesliga. Allzu schnell wurde klar, warum der FC Barcelona diesen Spieler im besten Fußballeralter mit Kusshand an einen deutschen Mittelklasseclub abgab. Ein Jahr später, der FC war mittlerweile abgestiegen, erwies sich Vucevic auch für die 2. Bundesliga als zu langsam. Auf das Experiment, Vucevic auch noch auf seine Drittligatauglichkeit zu testen, verzichteten die Kölner lieber und trennten sich nach 16 Spielen in zwei Jahren von dem Kroaten.
  • Perica Ognjenovic (1. FC Kaiserslautern, 2001/02, kam von Real Madrid Castilla)
    Auch beim 1.FC Kaiserslautern ließ man sich zu Zeiten der „Führungsriege“ Andreas Brehme, Jürgen „Atze“ Friedrich und Robert „Defizit an Durchblick“ Wieschemann von großen Namen blenden. So schlug man im Januar 2002 zu, als man die Chance erhielt, einen waschechten Star von Real Madrid in die Pfalz zu lotsen. Ursprünglich war man an einer Leihe von Esteban Cambiasso interessiert. Doch als der Argentinier sich zierte, holte man einfach einen anderen Spieler aus der Talentschmiede Castilla: den serbischen Rechtsaußen Perica Ognjenovic. Der hatte es bei der WM 1998 immerhin auf drei Einsätze als Joker gebracht, konnte also nach allem Menschenermessen kein „Blinder“ sein – war er aber doch. 48 Bundesliga-Minuten genügten den Verantwortlichen um festzustellen, dass Ognjenovic kein Bundesliga-Format hat. Nach weiteren illustren Stationen, wie Dalian Shide (China), PMMJ Selangor (Malaysia) oder GS Ergotelis (Griechenland) beendete Perica Ognjenovic 2011 seine Karriere. P.S.: Die einzigen, die noch dümmer da standen als der FCK waren die „Königlichen“ selbst: Die hatten 1999 doch tatsächlich 16(!) Millionen D-Mark – für die jüngeren Leser: 8 Millionen Euro – für Ognjenovic hingeblättert. Scouting wird wahrlich überbewertet…
  • Diego Leon (Arminia Bielefeld, 2004-2006, kam von Real Madrid Castilla)
    Auch in der westfälischen Provinz gönnte man sich Mitte der 2000er Jahre ein Juwel aus der Schatztruhe der „Königlichen“. 300.000 Euro kostete das 20-jährige Mittelfeldtalent Diego Leon, der in zwei Jahren lediglich auf 295 Bundesliga-Minuten kam. Eine echte Verstärkung war Leon nur für Arminias Zweite, die in der Oberliga kickte. Dort traf er 2005/06 immerhin 7 Mal ins Schwarze. Leons weiterer Karriereweg ist ähnlich spektakulär wie der von Perica Ognjenovic: Über die Zwischenstationen Grasshoppers Zürich, FC Barnsley, Wacker Burghausen und Salamis Famgusta landete der Spanier zuletzt beim griechischen Erstligisten AO Kerkyra.
  • Christopher Schorch (1.FC Köln, 2009-?, kam von Real Madrid Castilla)
    Eine Ausnahme stellt in gewisser Weise Christopher Schorch dar. Der Verteidiger wechselte 2007 als 18-jähriges deutsches Top-Talent von Hertha BSC Berlin in die spanische Hauptstadt, wurde nach zwei mehr als soliden Jahren in der Segunda Division für 1 Million Euro von den „Geißböcken“ verpflichtet und hatte fortan die „Seuche“: Ein Kreuzbandriss, ein Knorpelschaden, mehrere Muskelfaserrisse und sogar eine Erkrankung an der Schweinegrippe befielen den 1,89-Meter-Hünen. Weder beim FC noch bei einer Leihe bei Energie Cottbus konnte Schorch das ihm nachgesagte Talent nachweisen. Derzeit hält er sich bei der U23 des FC in der Regionalliga fit.
  • Die Ausnahme: Adam Szalai (Mainz 05, 2010-?, kam von Real Madrid Castilla)
    Einzig der in Deutschland aufgewachsene Ungar Adam Szalai (24) konnte auch in der 1. Bundesliga bestehen. Zwar verpasste der Mainzer Mittelstürmer wegen eines Kreuzbandrisses fast das komplette Spieljahr 2011, doch abgesehen davon sind sowohl seine Einsatzzeiten (50 Spiele) als auch seine Effektivität (8 Tore, 7 Vorlagen) durchaus zufriedenstellend für einen 600.000 Euro-Transfer. Joselu und Carvajal sollten sich von all ihren Vorgängern also am ehesten Adam Szalai zum Vorbild nehmen.

4 Kommentare

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  1. Henning Strenge sagt:

    Joselu möchte angeblich jetzt für Deutschland spielen.

    http://www.sport1.de/de/fussball/fussball_dfbteam/newspage_597606.html

  2. Chori Pan sagt:

    Einen „Großteil“ seiner Spielzeit hat Ognjenovic übrigens bei unserem Auswärtssieg beim Effzeh absolviert. Wo auch sonst? :-)

    Und wenn Josule für den Kraichgauer Traditionsklub auf 10 Saisonminuten kommt und dabei 1x einnetzt sehen wir Dich Richtung Hockenheimring joggen????

  3. Heibel sagt:

    Ein Mann, ein Wort! Die Laufform hab ich im Moment… Würde nur ein paar Wochen dauern ;-)

    Find ich gut, dass er direkt mal sagt, dass er für Deutschland spielen will. Von der Sorte hatten wir doch schon ein paar: http://www.aktives-abseits.de/sean-dundee-paulo-rink-co-%E2%80%93-einburgerungen-im-fusball-teil-2/

  4. Lancelot Maloisel sagt:

    Für Euch Nordlichter: Es heißt der Kraichgau. also in den Kraichgau

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