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Jan
20

Zwischen Nova-Goal und Novako-Hicks – Abgesang auf Milivoje Novakovic

Milivoje Novakovic war sechs Jahre lang Torjäger und Lebensversicherung des 1. FC Köln. Er war aber auch eine Reizfigur mit zweifelhafter Berufsauffassung. Die Ehe des Slowenen und des Geißbock-Klubs hat nach insgesamt siebeneinhalb Jahren mit 18 unschönen Monaten zum Abschluss nun ein Ende gefunden. Eine Würdigung mit Untertönen.

„Milivoje Novakovic ist ein Horror für die letzte Abwehrlinie. Er ist brandgefährlich!“ Dieses Urteil fällte Borussia Dortmunds Trainer Jürgen Klopp im April 2009 vor dem Bundesligaspiel des BVB gegen den 1. FC Köln (3:1). In seiner Kernbotschaft hätte dieser Satz seinerzeit auch von 16 anderen Bundesliga-Trainern stammen können. Immerhin war Novakovic einer der gefährlichsten und unberechenbarsten Bundesliga-Angreifer der letzten Jahre.

Für den 1. FC Köln war Novakovic zwischenzeitlich sogar die personifizierte Lebensversicherung. Als Zweitliga-Torschützenkönig (20 Treffer) schoss er Köln 2008 zurück in die 1. Liga. Herausragend waren auch seine Erstligaspielzeiten 2008/09 (16 Tore) und 2010/11 (17 Tore). Auch bei der Einordnung in einen größeren Rahmen wird das Format von „Nova-Goal“ deutlich: Seine 82 Tore in 176 Pflichtspielen für den FC sind nicht weit von der Marke eines gewissen Lukas Podolski entfernt, der in 181 Auftritten mit dem Geißbock auf der Brust 86 Treffer fabriziert hat.

Das große Aber

Will man Milivoje Novakovic charakterisieren, ist die Benutzung des Wortes „Aber“ unerlässlich. Auch in diesem Punkt hat Jürgen Klopp bei einem Auftritt im „Doppelpass“ Anfang 2011 stellvertretend für die breite Masse gesprochen: „Der Novakovic kann alles. Der ist schnell, beidfüßig, kopfballstark, gut im Dribbling. Wenn der jetzt auch noch von der Mentalität her eine glatte Eins wäre, dann würde der doch nicht in Köln spielen.“

Da ist er, der Haken bei Novakovic. Die Zwischentöne, die den 1,91 Meter großen Schlacks stets begleitet haben. Der lebensfrohe Slowene mit jahrelangem Wohnsitz in der Kneipenmeile Kölner Altstadt machte nie einen Hehl daraus, gerne zu feiern. Dieser Kritik musste er sich bereits 2007 stellen – und beantwortete sie im „Express“ auf seine typische Art: „Ich fühle die Blicke der Leute, wenn ich mal in einer Bar sitze. Das ist alles so unfair. Wissen Sie: Ich bin Profi. Drei Tage vor einem Spiel gehe ich nicht raus. Aber was ich sonst in meinem Privatleben tu oder wo ich mich aufhalte, ist doch meine Sache. Ich bin schließlich nicht bei der Bundeswehr.“

Die Sache mit dem Google Autocomplete

Die Begriffe „Milivoje Novakovic“ und „Alkohol“ sind so eng miteinander verbunden, dass Google dem Suchenden in bester Bettina-Wulff-Tradition bei der Eingabe der Wortkombination „Milivoje Novakovic“ gleich auch das Wort „Alkohol“ suggeriert – an zweiter Stelle hinter „Transfermarkt“ und vor „Freundin“. Angriffsfläche in dieser Hinsicht hat Novakovic aber auch wahrlich genug geboten.

Fast schon legendär ist sein Führerscheinentzug aus dem November 2007, als er eines Mittwochs in den frühen Morgenstunden von der Polizei im wahrsten Sinne des Wortes aus dem Verkehr gezogen wurde. Der mit 1,2 Promille betankte Novakovic erklärte den Ordnungshütern nach dem Alkoholtest, er habe lediglich zwei Glühwein auf dem Weihnachtsmarkt getrunken. Der hatte da allerdings schon seit Stunden geschlossen…

Das Ende vom Lied? Eine typisch kölsche Geschichte aus jener Epoche: Der „Express“ setzte die Story mit dem Angreifer auf die Seite 1 und gab ihm den epischen Spitznamen „Novako-Hicks“. Der Verein reagierte leger: Nach Verhängung einer Geldstrafe in unbekannter Höhe bot Trainer Christoph Daum Nova vier Tage später gegen den FC Augsburg in der Startelf auf. Der Angreifer dankte es dem Zampano mit zwei Toren zum 3:0-Sieg und wurde vom Publikum mit „Prost Nova“-Plakaten und Sprechchören gefeiert.

Selbstironie oder Tragik?

Um noch ein wenig in der kölschen Gute-Laune-Ecke zu verweilen, darf man mit einer weiteren Novakovic-Episode nicht geizen. Dass im Rhein-Energie-Stadion bei Toren der Heimmannschaft kölsche Lieder gespielt werden, hat seit Jahren Tradition. Gerne wählt Stadionsprecher Michael Trippel klassisches Liedgut aus, wechselt die einzelnen Songs aber durch. Nur zwei Spieler hatten ihre festen Nummern nach Toren: Matthias Scherz („Buenos Dias, Matthias“ von den „Paveiern“) und Milivoje Novakovic, nach dessen zahlreichen Treffern stets der Brings’sche Neo-Klassiker „Poppe, kaate, danze, dat kannste“ (hochdeutsch: „F**ken, Zocken, Tanzen, das kannst du“) gespielt wurde. Zufall? Oder doch eher eine gute Portion Ironie aller Beteiligten?

Doch neben aller Heiterkeit hielten sich auch hartnäckig die Gerüchte, Novakovic würde häufiger als nur hier und da mal ein Bier trinken. In Internet-Foren wurde teilweise heftig über vermeintliche Entziehungskuren spekuliert, wenn der Klub den Spieler wieder einmal zur Behandlung einer Verletzung in die Heimat entlassen hatte. Ob etwas dran war oder nicht – angesichts seines Images musste Novakovic stets mit den Zweifeln und Zweiflern leben. So unterstellte ihm die „Süddeutsche Zeitung“ im Juli 2012 wenig verklausuliert: „Wie der Torjäger Milivoje Novakovic in seiner Heimat Slowenien mit seiner Freiheit umgeht, lässt sich nur mutmaßen. Der Fantasie sind kaum Grenzen gesetzt, seit jeher ranken sich wilde Gerüchte um seinen Lebenswandel.“

Novakovic‘ Schwächen waren Kölns Glück

Milivoje Novakovic ist gewiss kein zweiter George Best, der seine Karriere mit unzähligen Hochprozentigen die eigene Kehle heruntergespült hat. Bei allem Respekt vor Nova hatte Best wohl mehr Talent – sowohl auf dem Platz als auch bei der Selbstzerstörung. Doch wie Jürgen Klopp es mit seinem Statement von 2011 angedeutet hatte, wäre eine „professionellere“ Version von Milivoje Novakovic vermutlich ein bis zwei Nummern zu groß gewesen für eine Fahrstuhlmannschaft wie den 1. FC Köln.

Der Effzeh konnte den Torjäger folglich nur so lange an sich binden, weil er dessen Schwächen in Kauf genommen hat und dem Spieler eine gewisse Narrenfreiheit eingeräumt hat. Novakovic dankte es fünf Jahre lang mit Toren – nur im enttäuschenden Abstiegsjahr 2012 gab auch der damals bereits 33-Jährige ein Bild des Jammers ab. Das Problem: Das 2011 zurückgetretene Präsidium um Wolfgang Overath hatte Novakovic jahrelang bedingungslos gestützt, Manager Michael Meier ihn kurz zuvor mit einem millionenschweren „Rentenvertrag“ bis 2014 ausgestattet, der sogar noch eine geldwerte Zusage für ein Abschiedsspiel enthielt.

Der triste letzte Akt

Nach dem 2012er Abstieg wurde die Kombination aus seinem Alter, seinem Lebenswandel und der Gesamt-Dotierung seines Kontraktes für Novakovic zum Bumerang. Ihn auf das Abstellgleis zu stellen, war angesichts seiner Verdienste für den Verein sicherlich moralisch fragwürdig. Wirtschaftlich und mit Blick auf die Neuausrichtung des Klubs mit einer jungen Mannschaft – eine Maßnahme, für die es aktuell an Schulterklopfern nicht mangelt – war dieser Schritt aber unausweichlich.

Dass sein endgültiger Abschied zu Shimizu S-Pulse nach Japan unter der neuen Führung kühl wirkte und durch die Hintertür vorgenommen wurde, ist Teil des Geschäfts. Milivoje Novakovic geht dennoch als großer Spieler dieses Klubs. Er geht als Aufstiegsheld, als Derby-Matchwinner durch sein 2:1-Siegtor gegen Gladbach im Oktober 2008 und als Bayern-Besieger durch seinen Doppelpack beim 3:2 im Februar 2011. Er geht allerdings auch als der Mann mit dem großen Aber.

Hier zur Dokumentation seiner Bandbreite aus Stellungsspiel, Durchsetzungsfähigkeit und Torriecher alle 17 Nova-Tore der Saison 2010/11:

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